Rostocker LiederGabe II | Rostock Song Offering [II]

[Waka-Variation | Lied von der Akazienblüte | dans la montagne | das Summen des wilden Kindes | versteckt | in dornigen Zweigen | wanderndes Leben | Schlingen der schwarzen Haare | unter offenem Himmel | Geheimnis | hinter den dunklen Augen | eisblauer Steine Verwandlung | in zitrusfarbenen Dolden | Sehnsucht | der Winde | in Richtung Là-bas]

[Waka variation | song of the acacia blossom | dans la montagne | the wild child’s humming | hidden | in thorny branches | wandering life | creepers of black hair | under the open sky | secret | behind dark eyes | metamorphosis of ice-blue stones | in citrus-coloured umbels | yearning | of winds | towards Là-bas]

hart liegt ihr Schatten
auf deiner wunden Seele
in des Sterbenden Hoffnung
Duft des verlängerten Frühlings
in ihrem Lächeln.
einsame Frage: wann kehrst du zurück

hard lies her shadow
on your sore soul
in the hope of the dying
scent of a prolonged spring
in her smile.
lonely question: when will you return

Lied der Stufen [veni creator spiritus]

[Mecklenburgische Elegien | LiederGabe]

siehst du nicht auch: das Laub verdorrte
Ruf des Erbarmens. des Schweigenden…
wie klingt sein Gedächtnis. in den Falten der Ewigkeit

wärst du nicht auch sein Gefährte, der mit ihm verharrte
in seinem Schatten, dem tiefer sich beugenden,
weil ihn der Dienst am Lichte so freut?

bald nun die Eiszapfen. glühend über den Schächten
an jedem Ort der Trauer, wo er nach Leben begehrte
Fugen dazwischen. sinkend in Worten und Tönen:

träumt er davon, was sie ihm Kostbares brächten,
wenn er sie reicher und zärtlicher nährte,
summend sein fernes, einsames Sehnen:

komme. lautlos. windstill. ein Regen wie Firnis auf deiner Haut.
sehen wir, blind, um zu erkennen, wenn unser Auge ergraut.

peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

durch Ödland. die Heimwege. zur Heimwiege. da hängt der Mond zwischen Wäscheleinen. die Züge rasseln hinter den Häusern. zwei Straßen weiter. und landende Flieger ziehen über den Dächern vorbei. einer nach dem anderen. wie an Schnuren herabgezogen. mit den Schatten uralter Ungeheuer. die durch alle Wohnungen rasen. wie die hilflosen Rufe des Daidalos an den leeren Ufern von Ikaria.

Wechselgesichtige. Nicht Unbeschreibliche. Blicke hinaus. wie die Blicke hinein. doch ging ihnen verloren. Davor. Und Einst. die anderen Namen. unter ihren Füßen versteckt. oder ins Wasser gestoßen. wie lästiger Stein. aber nur. wenn es keiner sieht. und dass sich die Tore nicht öffnen. wenn jemand naht. ist bei ihnen die Zeit ein versickernder Regen. in den harten Furchen dürrer Erde. unerinnerlich.

[…]

du hast die Räume noch nicht durchschritten. in denen sich die Zeit dehnt. dahinter zu finden heimische Küste. Duft von Tang. Sand. Hafer. Kiefern. Heidekraut. stiller Glaube. und leiser Zweifel. Gesichter aus Stein. dahinter das Lächeln zu suchen. ihr Rauhes. ein gänzlich natürlicher, zärtlicher Klang. sie sagen nichts. sie erinnern alles. sie leiden im Verborgenen. sie schauen dir hinterher. wenn du vorübergegangen bist. als ob einer sinkenden Abendsonne nach. sie sind in den späten, wärmeren Farben. im Gedeckten des Herbstes. groß werden ihre Augen in der Rückschau. aber niemand muss ihnen jetzt erscheinen. von weit her. um ihnen zu sagen. woher sie kommen. sie sind alle Vertriebene. Gestrandete. mit zerstoßenen Seelen. und rissigen Händen. du aber kannst schweigen. unter den Schweigenden. mit Krügen voll Wasser gehst du durch die trockenen Gärten ihres stummen Brütens. zu gießen alles Unmögliche. das du dir vorstellen kannst.

[…]

als dich nichts mehr zurückhielt. herauszutreten. aus der Last des Erinnerns. dich zu erschöpfen. in schweigender Wanderschaft. die Augenblicke zu sammeln. in den Schritten. sorglos die Finger zu legen. in den Staub. der die Wunden schloss.

dunkler. des Pilgers Gesicht. wenn er heimkommt. Schatten des Freundes. der ihm die Hand reichte. und so kostbar das Wenige. das er geben konnte. Welkendes. das sich verwandelt. unter den Sohlen. Anderes spiegelnd. wenn er Wasser holt. und im Brunnen die Augen dessen erkennt, der ihn nicht mehr fand. der Düfte zurückließ. von Gräsern. und Blüten. 

du schöpfst mit deinen Händen. so lange. bis der Sand zu Schnee geworden ist. in der Schönheit des Sternjasmin. in der Reinheit des weißen Lotus. rastlos zu sein. solange die Trauer. wortlos. solange die Träume. blühend im matteren Licht. in den Tropfen geschmolzenen Glases. im Herz eines schon brüchigen Gesteins.

peregrinari | veni creator spiritus [LiederGabe]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

warum die hohen Feste sich so schnell vergessen
so fern die Zeit, in der man bleiben mochte
steig‘, Gott, herab, gelöst aus deiner Trauer

aus deiner gold’nen Zweige Fesseln
was immer einer, der auch schöpft, sich dachte
gelt‘ deinem stillen, matten Blick die nächste Feier

wenn wir die Gärten deiner Jugend dann verlassen
sind wir einander die Verliebten wieder
die an den Fenstern wie an leeren Ufern stehen

wir werden wissen dann, was wir vermissen, ungelassen
im Sang der späten, zärtlicheren Lieder
weil wir, wie lahm auch immer, leichter gehen

am Rand der viel betret’nen Straßen
wo wir zuletzt allein im Blick des And’ren saßen

meine Zeit | in deinen Händen

[für Wolkenbeobachterin | Danke Dir…]

Seele
das Kind

das Gras wächst
wieder

wes‘ Namen trug es
sein Lied entstand am Ausgang unbewohnter Wälder

darin die Blüte aufging
und über laubbedeckte Böden ging hinweg ein Wind

wegloses Wandern
Gedanken. irrlichternde

auf jeglichem Erwachen
Apfelernte. versäumte

und plötzlich lag Schnee
der Hoffnungen. der ungezählten

Waka 52 [Variation || Buch der Sprüche || Gott | deine Müdigkeit | zu gähnen | als fräße man den ganzen langen Tag auf | … | die Sucht vergessen | die Sehnsucht | nicht zu wissen | was man sucht | und nicht spürt | was einen heimsucht | … | der Anfang | eine Bewegung | wenn alles still ist | Beginn | einer Nähe | zum Liebsten | zum Tod | zugleich | wenn der Klang der Vögel ganz anders | und der Glockenschlag wie ein kühler Wind über den Wellen | … | endlich zu begreifen | welche Schönheit ist | in der grundlosen Verliebtheit | … | man muss nicht viel wissen | aber dass man das einmal gewusst hat]

wer einige Zeit allein ist
ist sich nicht sicher
ob noch jemand kommt
wer lange Zeit allein war
ist frei von Erwartung

quod sum causa tuae viae [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

wer wollte schon aufhören
wer sich zurücknehmen
mit dem Gesicht von fahlem Morgenlicht
mit der Klage der Schatten unter den Augen
mit von Worten wunden Lippen

und hinter der Starre und dem Schweigen
das nicht Vergessliche

aber leicht wehen die Trauergewänder
in den Winden zwischen Sommer und Herbst
und die kühle Luft auf dem langsam fließenden Wasser
scheint wie der Atem einer Stimme
kurz vor dem Ruf hinaus

es ist noch nicht genug
und wird es nie sein

und ein Echo könnte sagen
du wirst ein neues Haus betreten

da will ich bei dir sein
die erste Nacht
bis die Amsel wieder singt

und bis dahin wache und sage mir
was mit dir verging
und erzähle mir auch von deinem letzten Traum
denn er soll sich nicht vergessen

sieh mich an
bis du dich ganz gehüllt hast in meine Liebe

flüstere die Namen derer
die ich grüßen soll
die dir wie Sterne waren
und deine Seele tranken
und weiterzogen
über das Ufer der stockenden Zeit
wo du gestanden in der Herzensschwere

weil du dich wieder erinnern konntest
an den einsamen Augenblick
in dem du mich erkanntest