TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2021.1.31 | 325-SARS-CoV-2

[Tag 208 der Isolation]

Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen und die gerechtfertigten Ängste vor dem Betreten der Räume abzuschütteln wie den Staub aus dem Tuch, mit dem über die offenen Flächen des Interieurs gewischt wurde, als ob über das schauende Auge selbst, das nun klarer steht vor dem Unbekannten.

Zum ersten Mal in diesem Jahr steigt die Sonne noch vor Mittag über die Dächer der Häuser gegenüber und wirft durch die seidenen Vorhänge gläserne Schatten in den engen Raum, als ob jemand riefe, die unsichtbaren Tore in den Wänden zu durchschreiten. Aber was kostet der Eintritt in die fernen Landschaften, denn nicht weniger als die Suche nach einsamen Pfaden zu den verborgenen Seen, als ob sich im Grau aller Tage durch den Spalt eines Augenzwinkerns das Licht der kommenden Jahre in die halbschlafenen Bilder schlich, von denen nur wenige zu halten sind, formend ein fremdes Gedächtnis, bis sich das Vergehende deutlicher zeigt über dem Wasserspiegel des Vergangenen, als ob sich das stille Atmen in Nebeltüchern ganz langsam erhebt auf den kaum spürbar abfallenden Ebenen, durch die sich zahllose Äderchen ihre zufälligen Wege bahnen und sich sammeln zum Strom, an dessen Ufern sich eine kurze Strecke sicher wandern lässt, bis sich einige Zeit vor der Grenze, die das Meer jedem Land gezogen hat, ein mächtiges Delta bildet… und jede Träne, die es erreicht, trägt ein lautloses Wissen um das Ziel und lässt sich treiben, aufgelöst in einem größeren Fließen und Wogen, als ob sich alle Klagen verbinden zu einem endlos sinkenden Klang ohne Echo…