2020.3.14 | 3-SARS-CoV-2
ich schreibe dies nicht auf, weil ich glaube, es sei von besonderer Bedeutung, sondern um der eigenen völligen Erstarrung entgegenzuwirken | wenn ich schweigend am Fenster stehe und mit Angst und Trauer in den Tag schaue, kann ich mich nicht zugleich lösen von den Gedanken an alles so leicht Zerstörbare | und von den heftigen Schmerzen, die ich dabei empfinde | wie soll ich aber Jenen, die in wirkliche Not geraten sind, Trost spenden, wenn wir alle voneinander isoliert werden | der notleidende Mensch wird möglicherweise allein vom geschenkten Trost überleben oder doch mindestens friedlicher sterben können
dass uns die Welt
doch nur nicht die Liebe
abhanden komme
und werden wir nicht als Inhaftierte umso mehr in unserem Denken und allem was Geist und Seele bewegt aufgehen und weitergehen müssen [?!] aber wie unsere selektiv ins Gedächtnis zurückschießenden Erinnerungen werden auch in dieser Fensterschau unmöglich alle Gedanken angenehm sein können | wir werden Dämonen sehen, deren Traumgesichter seit früheren Jugendtagen nicht mehr ihre Augen öffneten oder ihre fraßgierigen Schlünde aufrissen | wir werden Schmerzen spüren, deren Ursachen (wie heftigste Schläge und härteste Stürze) ein halbes Leben oder länger zurückliegen | und welche Mittel stehen dann bereit, wenn uns diese Schmerzen überfallen [tummyflew…]
und wer mir alles durch den Kopf geht | und wo ich wieder überall durch die Straßen gegangen sein werde und an Ufern entlang [aus den weißen Wänden glühende Sehnsucht]
aber heute ist man freilich den Zerstreuungen gerade in der Isolation viel näher oder vielmehr ist die Isolation selbst ein einziger und scheinbar grenzenloser Raum der Zerstreuungen geworden | man muss bis ins Mark und ohne restliche Illusionen durch und durch verliebt und zugleich einsam sein, um in diesen Tagen dem sofortigen Tod durch Zerstreuung zu widerstehen und zu erkennen den wahren Tod, der uns alle verbindet als konstante Gleichung des Lebens [Sex Education Season Two] aber wen rufe ich an in meiner Not [himmlische Standleitungen und Schnatterräume] und war ich nicht um so Vieles froher und freier an der frischen Luft ganze Tage | als ich noch nicht gehört hatte von den einsamen Alten | und als mein trauriges Selbst sich noch nicht spürte unter den Horden der Jungen | doch da ich in dieser Zeit der Gefangenschaft den Geliebten nicht sehen darf, werde ich mich [Please like me] erinnern müssen [Bonding] an die Geliebten, denen ich [Call me by your name] begegnete und deren Namen ich nicht mehr weiß | in deren Augen ich aber immer noch sehen kann meine Seele [binge watched]
also gut denn… Ge-Dicht…
ich bin allein
wie vom Himmel gefallen
auf felsige Küste
am Ende der Welt
und die Wellen
streichen über den Sand
als seien es
deine Hände
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