2020.3.13 | 2-SARS-CoV-2
[nachdem ich aufs Neue begann Boccaccios Decamerone zu lesen]
allem Irdischen ist ein Ziel gesagt | dieser Umstand sollte gemeinhin Ruhe bewirken | gewisse Leidenschaften halten uns für kurze Momente ins Endgültige [unauslöschliches Dunkel des Ewigen] wir mäßigen die Leidenschaften nicht aus freiem Vorsatz, sondern aus Furcht vor dem Abgrund | aber wer die Leiden mindert – ob in körperlichen oder in geistigen Übungen – um besser sterben zu können, wird dennoch die Erinnerung wachhalten, denn sie ist dem denkenden und träumenden Geist ein sanftes, wärmendes, milderndes Bett | und sie legt alle Pfade für die Schritte des im Leid des Sterbens Wandernden, der sich nicht sagen kann ohne Schmerz, dass dies heute vielleicht der letzte Tag war, hoffend auf das Geschenk des kommenden | wie gut es für den einen oder anderen Menschen sein mag, sich vergangener freundschaftlicher Wohltaten zu entsinnen, ist schwer zu sagen, aber ich kann jedem nur raten, die kommende Einsamkeit, so oft es geht, mit ihnen zu lindern, statt in kaltem oder taubem Entschwinden oder gar Vergessen jedes Gefühl in sich abzutöten | wie traurig steht es um Jene, die auf dem Sterbebett über das ziehende Leben nicht klagen | erinnert Euch Eurer besten Tage | denkt Euch ein Jahr in die Zukunft versetzt und stellt Euch vor, was Ihr über diese Zeit der Gefangenschaft sagen werdet
der Tod ist das Ende der Erinnerung
trotz der bleiernen Traurigkeit haben wir uns zu leben entschlossen | weil wir uns erinnern wollen | weil es sein kann, dass uns jemand danach fragt, wie es war
Jeder von uns sitzt auf einer Parkbank und blickt fragend zum Greis links neben sich und wissend zum Kind, das von rechts auf ihn eindringt | Jeder von uns hegt die Hoffnung, das alles einmal gesagt sein muss | bis der Tag sich geneigt hat | Jeder ist auf der Suche nach einer Stimme, die erzählen kann | alles | von Anfang an
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