TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.22 | 771-SARS-CoV-2

[Tag 348 der Rückkehr]

wir setzen uns entschieden für die Verunklarung ein [von weitem sah der Bio-Müllbeutel auf der Straße aus wie eine zur Hälfte ihres Körpers schwanzseitig überfahrene Katze. alles Fleisch war in ihren Kopf gepresst worden. und so blickte sie jetzt wie ein versteinerter Schrecken den kommenden Fahrzeugen entgegen] die Klärwerke fahren ihren Betrieb herunter. ab jetzt einen mittleren Trübegrad des Wassers zu gewährleisten [die Ertrunkenen tasten sich weiter durch ihr Unausgesprochenes. man sagt jetzt aber nicht mehr dem Tastsinn gemäß sondern taktil] gehe Montag [Montag ist gut. da sind die Museen geschlossen] zu einem Vortrag über lyrische Bilder [sprachliche Notationen, die Wahrnehmungen kodieren – S.P.] da sitzen viele Professor[*innen] drinnen im Festsaal [also: innen. wie: außen. sowie: dazwischen. heißt: einfach überall. heißt: einfach alle, die da sind. heißt: die Vielfältigen. die Gleichen. die Vielfaltigen. die einander sehr gleichen] der Dekan hat sein Gedächtnis schleifen lassen. seine Worte geschliffen. sie sind sehr warm von der Reibung. dass keinem zu kalt wird von all der Harmonie. aber wer hier redet und verstanden werden will, wird des Raumes verwiesen. und wer sich nicht freiwillig die Zunge verbrennt, wird in den Kamin gestoßen. [die Wiesen, auf denen sie grasen und wiederkäuen, stehen unter Denkmalschutz. ein alter, besoffener Hausmeister namens Daktylus oder Daidalos – man versteht leider so schlecht, was er murmelt – hat die Aufsicht und schaut regelmäßig von oben herab auf Hecken und Tonsuren. er hat große Scheren im Kopf und in den Händen. läuft wie ein Krokodil ohne Zähne durch die teuren Hallen. niemand grüßt. dabei will er ja nur helfen. bei der Suche nach Fragen. bei der Ankunft im Sinnlichen] Bildkritik. also eigentlich Sturm der Bilder. schneidend durch Knochen und Stroh. Krise der Sprache = Krise des Denkens. oder: unaushaltbares Schweigen. im Rückzug [letzte Chance, mit dem Schädel in der Hand diese alten Worte hervorzuwürgen, ohne sich daran zu verschlucken. aber das Ende der Geschichte muss ja noch nicht das Ende der Geschichten sein. das Rad wird noch eine Weile nachlaufen, auch wenn es kein neuer Schwung mehr antreibt. und vor seinem endgültigen Stillstand wird es im Ausdrehen noch eine ganze Serie von Träumen erzeugen, die nicht vergessen sein wollen, denn in ihnen könnte bewahrt sein, wer oder was noch zur Welt kam, ohne den Zustand des Lebens in ihr unablässig zu beklagen] wo sitzt sein Verstand. ach. die plattgedrückten Betkissen. alles, was zu lange dauert. dann jäh ein Durchfall der Worte. im Gewebe des Schlafs. ach. die Seele. und wo ihr Sitz? [kann das nicht. inmitten der Herde. kann nicht darüber sprechen, warum ich als verschollen galt. und über die brennende Schollen-Sehnsucht. habe meine eigene Theorie: immer kurz vor dem Status der Mythoswerdung das Gedächtnis verloren zu haben. und grad so auszusehen, als hätte ich ein überlanges Leben immer nur beinahe geatmet oder wurde unterbrochen, während des Ansetzens zu einem Schritt] sie sagen, vielleicht zu Recht: er ist uns teuer. er ist uns zu teuer geworden. wir waren doch nun lange genug in Sorge. jetzt ist es Zeit für seine Entsorgung.