
Vorrede
Ich bin in meiner Einsamkeit angekommen und will diesen Zustand nicht beklagen, nachdem ich mehr als ein halbes Leben unter Menschen weilte – nicht immer aus freien Stücken – und mich lang genug nach Rückzug gesehnt habe. Es hat viele Gründe, die sämtlich und trefflich als lächerliche Ausreden herhalten könnten, dass ich erst heute, nachdem ich schon seit Jahren hätte tot sein können und ein bedeutungsarmes Halbleben führte, mit diesen Aufzeichnungen beginne, aber ich habe mich erst jetzt – wie von einem Virus angesteckt – dazu durchringen können, den irrwitzigen Versuch zu unternehmen, der taumelnden Welt etwas Persönliches zu hinterlassen. Ich bin mein ganzes bisheriges Leben durch die Bibliotheken gewandert und will also nun mein Auge aus dem Schatten heraus drehen in die entgegengesetzte Richtung und aus den Seiten wie durch ein inneres Fenster in diese Welt und diese Zeit blicken. Nicht um vergeblicher Hoffnung willen. Sondern: um wieder etwas zu fühlen und zu sagen. Um zu überleben.
2020.3.12 | 1-SARS-CoV-2
[Hände gewaschen… 1. Klasse gebucht… Vorratskauf geplant… Toilettenpapier Taschentücher Milch Dosenfutter Pasta Reis Salz… nachdenken über Ansagen und Absagen]
wohin gestürzt [Kerze entzündet in Sakristei] aber wer erbarmt sich unser [so luzide das Leben im Sterben] aber weine jetzt nicht [aus den Schatten tropfende Stimmen] ich sehne mich nach dem Lied der Großmutter [die verlorenen Namen] dass du mir nicht irre gehst… ich möchte deine Hand… ach und die Drossel, die aus dem Auge stieg und Wolke wurde [Tag 1 check] ich schlage Haken in den Spalten der zerhackten Zeit [weiter weiter… nicht weiter… raste nun hier]
abgehakt
Traum für Traum
immer zum Anfang geneigt
dem Leid [zu lange] verschlossen
aber das mir noch einmal eine gütige Seele begegnet
will ich mir wünschen
[und meine schwebend zwischen Baumwipfeln und Mond und der Mond zwischen Trauer und Traum]
und dass jemand auf der künftigen Wanderung
aus der anderen Richtung kommend
zur selben Zeit
und am selben Ort
rastet wenn der Frühling kriecht aus den kahlen Hecken
MitGefühl [unwissend rein] MitLeid [wissend unrein] mit den Unglückseligen | denn selbst fand ich Trost und lernte lieben | aber kann mir einer sagen welchen Tag wir heute haben [und welchen Göttern huldigen if at all wenn doch der eine nach uns Tauben ruft] und ich stand ja schon einmal vor den hohen Zäunen und wusste nicht ob ich in den Käfig blickte oder in die Freiheit | ich ahnte anfangs nicht wieviel Leiden Sehnsucht erzeugt und wieviel Freude in der Askese ist | und dann nach den feurigen Jahren und im Zustand von Trauer und Rückzug – bereit zu sterben – zogen mich zurück zur gesichtslosen Welt die Stimmen ohne Namen | dass ich Wanderer bin und Einsiedler werde | bevor der Wein gelesen ist
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