Gedichte und Texte zur Rostocker Neuinszenierung der Carmen, entstanden während der Probenwochen.
Für Vera Nemirova

LiederGaben | Waka-Variationen | Meditationen
I
Sonne des letzten Tages. stummer Nachmittag. wie es immer war. Vieles könnte noch gesagt werden. das Leben will sich suchen lassen. an jener Stelle, nah dem Ende, wo es sich selbst noch einmal hinausschicken würde, um zu wachsen. um zu vergehen. schuldig der ungekosteten Früchte. und lebendig im Geheimnis des Todes, aus dem die Geheimnisse des Lebens entstehen. in der Stille zwischen den Sternen. wenn ein nächtlicher Wind sie in die Blüten legt, die den Morgen erwarten. wenn Gottes Atem in den Gräsern hängt, zur Zeit des Frostes. und der Mond träge in den Wipfeln der Tannen. keine anderen Wege als die zwischen den Häusern. zwischen den Gräbern.
II
Schicksal. Fall der Schöpfung.
Tag. an seinem Ende.
freie Wege. lichtlos.
Krüge voll Asche. in den Brunnen gegossen.
schöpfend ein Wasser. dem Unstillbaren.
III
eine Stimme. schaukeln unter dem Mond. singend. ich bin im Staub. der aus deinen Haaren fiel. Stachel meiner Zunge. in deiner Ferse. wenn du springen willst. Schnee aller Echos. auf den goldenen Zweigen. und Augen des Schicksals. in den Knospen des nächsten Jahres.
aber ist mein Name eine Lüge, nur weil die Saat zur Asche wurde?
IV [vor den wartenden Booten]
Masken der Sehnsucht.
jede Seele sieht etwas anderes
hinter den Mauern.
jeder Name. lodert
im bangenden Ufergras.
V [Prolog zum ENGEL DER VERZWEIFLUNG, H.M. | Zwischenakttext zur Rostocker CARMEN, gesprochen von Lillas Pastia | Premiere: 30.09.2023 | Neuinszenierung von Vera Nemirova]
ich bin frei. seit ich die Sehnsucht nicht mehr kenne. ich bin frei. ich stehe zur Verfügung. doch heute habe ich Ruhetag. ich bin frei. ich träume nicht mehr. aber ich lasse mir die Träume der Menschen erzählen. seit tausenden Jahren schon. Träume sind besser als das Leben, sagen die Menschen. Träume sind Leben. dann frage ich sie: und, wie war das Leben? sie antworten immer: ach, es war schon ganz gut, aber es hätte noch besser sein können. nun, ich kann das nicht beurteilen. ich habe selbst nicht gelebt. mein Leben floss durch ihre Erzählungen. ich bin so frei! und sie? Dem Einsamen brachte sie ihre Einsamkeit. und ging hinaus. mit ihren Träumen. ach, wie schön sie immer sang! aber ich kenne ihr geheimes Lied…
VI
später Ort der Ankunft.
der Hoffnung nicht mehr entkommen.
die Tür steht offen
und führt in einen dunklen Raum.
in der Luft hängt ein Wort,
wartend auf eine Stimme.
VII
verstecke dich. Blüte.
im Schatten der Kiefern.
warte noch ab das sattere Licht
nach dem Tag der verblutenden Möwe,
wenn das Meer ihren letzten Wunsch an die Küste gespült.
VIII
halbes Leben. in einem halben Land. die ganze Zeit. unter den Gleichen. zerrissen. das Andere. Gefieder der gereckten Hälse. Unbehagen der Augenblicke. Hunger nach Einsamkeit. der kleine Mund, in den alle Stimmen passen sollen. traumlos Erfundenes. um die Wirklichkeit zu verdecken. die Falter des Abschieds auf den Augen der Verlassenen.
wie Dornenhecken wachsen die Bildnisse der Gegangenen.
IX
Krone der Schöpfung.
Nähe zum Höchsten. im Tiefsten. zuletzt.
aus den Jahren gewrungene Klänge.
Kränze geflochtener Hoffnungen,
hütend die Namen auf den gewaschenen Steinen.
X
wäre es denn besser, nicht mehr da zu sein?
wäre es denn besser, fortzugehen, um erwartet zu werden?
was wird geschehen sein,
wenn endlich Ruhe ist?
was wird dann noch geschehen?
wer schaut noch nach dem,
was zu hören war von ferne?
in den einsamen Gesängen…
XI
am Anfang. ein Blick.
Schweigen. am Ende.
Augen wie welkende Astern
im Gewölle der Zeiten,
wehend zwischen dem morschen Holz ihrer Lippen.
XII
das Atmen der Schlaflosen. ein schönes Alleinsein. nachts. wenn die Fee mit der Libellenzunge sich verbeugt vor dem starren Vorhang des Lebens, über den die Träume flackern.
in Bronze gegossen.
für die eine gültige Statue. ein Hals. und für jeden Tag ein neuer Schädel. und Augen. überall. erloschene Sterne. hinter der letzten Stufe der Zeit. Windwende. wechselnde Gedanken. Fähnchen im Wind. und ein kindliches Auferstehen. nach dem Genickschuss. wenn du bis Zehn gezählt hast. ohne einzuschlafen. und Pfauenaugen auf jeder Fingerkuppe. und Wimpern wie Rispen des ungeernteten Korns. in die Furchen getreten.
XIII
Sage deines Lebens.
eins mit dir. Einziger.
für diesen einen Tag.
Gabe meiner Schmerzen.
Stille. unter den wechselnden Farben meiner Augen.
XIV [vor dem Leben wird geträumt. nach dem Träumen wird gewartet. Ketten aus Uräusschlangen. haltend zwei Rufe an ihren Enden: l’amour. la mort]
aber der Tod. das ganze Leben.
aber die Liebe. das halbe Sterben.
da rieselt der Staub meiner Träume…
Leben: weil Liebe.
Lieben: weil Tod.
beides verbeugt sich. vor dem Anderen.
beides wächst ineinander. Ranke und Mauer.
Eines wird in den Himmel greifen.
wie die Kronen der Kiefern.
wenn des Anderen Augen sich schlossen.
XV [Lied von der Akazienblüte | dans la montagne | das Summen des wilden Kindes | versteckt | in dornigen Zweigen | wanderndes Leben | Schlingen der schwarzen Haare | unter offenem Himmel | Geheimnis | hinter den dunklen Augen | eisblauer Steine Verwandlung | in zitrusfarbenen Dolden | Sehnsucht | der Winde | in Richtung Là-bas]
hart liegt ihr Schatten
auf deiner wunden Seele.
in des Sterbenden Hoffnung
Duft des verlängerten Frühlings,
in ihrem Lächeln.
einsame Frage: wann kehrst du zurück?
XVI
raschelndes Astwerk der Birken
wo sich ein Restlicht des Laubes
in den Seelen verteilt
Regen
der den Flüssen zufällt
die dem Herzen erschienene Landschaft
auf die du blicken willst
von den Ufern
wo die Nächte nicht enden
und die ziehenden Wolken dennoch leuchten
wie die Schwingen der Entflammten
XVII [Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | sie kommen | sie gehen | die Zeit fließt dahin | nimm deine Fragen mit | für später einmal | die Stunde der scharfen Messer | sie schneiden auf | sie schneiden dich auf | in Scheiben | dein singendes Herz | darin ein einziges Lied: fort! fort!]
dunkel. deine Stimme
in ihr: deiner Klage Schatten
deiner Seele verlassenes Haus
dein Tanz. auf staubigen Stufen –
leicht wie ein Wind in den brennenden Flügeln
XVIII
sagt nichts. das Meer ist tief.
in dem das Boot versank.
schweigt. dass es euch sage
von den Ertrunkenen.
und was sie hofften.