Risse in der Haut der Zeit

I

du hast das Bittere zerkaut
verborgen unter deiner Stimme
der verlorenen

mitten im Äon der Zornlosigkeit
umgeben von staubgelösten Spuren

II

Schlag auf dem Takt der Gebete
schlafloses Mondverrinnen
Knochen-See
in Luft gelöste (Ge)Schwüre

Ufer an dem es sich einsam welken ließe

[…]

Morgentraum

braunes Laub wie Schorf auf dem versäumten Augenblick
und die Verlassenheit der Erzählungen
und die wundgetretenen Pfade
ausgreifende Hände
Wolkenschaum wie um Gottes hungrigen Mund
und die Krümel der Sterne
die Küste der Insel entlang

bis endlich dein Herz
darin mein loderndes Auge

III

die Fernen glühen
wie brennende Himmelsfelder

träumst du
Gestoßener
in den Brunnen der Vergessenheit

Bittermandel schmeckt der feuchte Stein
und die Hände so wund wie Falterflügel

du drehst dich nicht mehr um
hast einen Blick von Laub
in gefrorenen Pfützen

Sand weht tonlos über das frühere Atmen

dein Leben steht auf einem Fetzen Papier
erfasst im Rahmen
einer Zählung
der zahllosen Ewigen

IV

kaum verschoben sind die Orte
rätselhaft zwischen den Ufern der stehenden Zeit
nichts davon kann bewiesen werden
doch alles wurde erlebt

wir sind die einsame Schöpfung
im GedankenLos

tausend Füße haben unsere Träume
doch liegen unsere Schritte wie Traubenzucker
auf der Zunge Gottes

[…]

keine Ahnung
was er hat

kann sich an nichts erinnern

[…]

Fuß auf dem Spalt
in den der Schatten fiel
von diesem Augenblick

V

die Abschiedsglocken läuten
den Anfang vom Nimmerwiedersehen

und die Flüsse haben die letzten Brücken mit sich gerissen

bald dann erste Schneeflocken
die ins fließende Wasser taumeln

daheim zurück auf breiten Sofas
in beiden Händen eine Schale Tee
und die traurige Spiegelung eines fremden Gesichts

und draußen
unter den kürzeren Tagen
haben die Wege über die Wiesen
und an abgeernteten Felder vorbei
steile Treppen
von dicken Wurzelarmen überwuchert

und oben auf einem kahlen Buchenast
hockt eine Krähe und blickt auf die dunklen Augen des Wanderers
als wüsste sie ein Geheimnis
das allen Leidwesen innewohnt

VI

sucht in den Träumen
nach der verlorenen Mutter

geht ihr nach
durch die Gärten
auf laubraschelnden Pfaden

hinter den Apfelbäumen
muss ihr Haus sein

sie hat die Fenster verhängt
und den Regen aus ihren Haaren gewrungen

VII

[Flüstern am Rande der Predigt]

es geht um das elementare Opfer der Seele
um die Zeit besiegen zu können

um die Aufrichtung eines unverrückbaren Monuments

alles gegeben zu haben
und nichts zurückzuverlangen

VIII

weiß wieder
wo ich fröhlich sein kann

erinnere mich
der unendlichen Wege

ging an den Fenstern vorbei
Spiegelung eines Schattens

fast hätte begonnen
ein Ton zu schwingen

von Ufer zu Ufer

IX

Wege verwehen

sah die Schwelle nicht
vor dem Schacht zur Vergangenheit

wünschte mir
ein Exil des Vergessens

seither lebe ich von Tag zu Tag
um zu überleben

fange nichts an
was am Abend noch nicht vollendet wäre

umfange einen unvergänglichen Augenblick
in dem ich Milchkaffee trinke
und mir selbst zuhöre
bis ich wach bin
und von meinem Träumen lasse

aber ich wünsche mir
sie seien getragen
von einer fremden Seele Verlangen

X

langsam fährt der Zug
durch das Jahrzehnt
wenn es eben erst begonnen hat

ich warte auf die Brücken
die sich über Buchten spannen
zu den Inseln hinüber

die Hand des letzten Freundes
kann ich noch spüren
und den glatten dichten Stein
der um mein Atmen wächst

[…]

die mächtigen Wetter sind fern
an anderen Küsten
wo das Sagenhafte gedeiht
in zauberischen Gärten
die über einem großen Schweigen hängen
und wo sich der Schattenwurf der dunklen Blüten
auf die leisen Schritte der Liebenden legt

in ihrer Zartheit
verlängern sie den Sommer
und die engen Pfade
an den schweren Hecken vorbei
wie suchend den Puls des Anderen
nachzuahmen seinen Atem
in blinder Gefolgschaft
dem eigenen Leben auf die Spur zu kommen

[…]

ich blicke auf die Innenfläche meiner linken Hand
und ohne sie mit der Zunge zu berühren
ist mir wie im Aufschrecken aus einem Sekundenschlaf
als hätte jemand eine Prise Salz hineingelegt
und die Augen tränen sehr plötzlich
als stünde ich frühmorgens Mitte Dezember
am Bahnsteig im eisigen Wind und bin zu müde
die Tränen mit einem Schmerz zu verknüpfen
als ob alles bereits vergangen sei
selbst das jetzige und noch kaum gespürte Leid
doch ich weiß sehr klar
dass ich selbst eine winzige Schwelle überschreiten könnte
und dass ich dann wäre in einem anderen Morgen
und blickte durch das Fenster in die noch leere Stadt
wie durch ein anderes Auge
und sähe das Leben als ein künftiges
aber als wäre der Klang ausgeschwungen
in dem ich jetzt atme
und den ich behutsam wickelte
in das seidene Tuch
meiner Stille

XI

ich halte den Tag nicht an
es gibt nichts zu feiern

Blätter des Grases
wie Reste des Sommers
wie Nadeln in meinem Schauen

einmal war ich verliebt
unsterblich
das Gefühl ist mir nicht erinnerlich
aber es bleibt ein Schmerz des Verlorenen
der alles Zeitige übersteht

die Herzen schlagen weiter
verlässlich wie Kirchenglocken

die Stimmen zerrieseln zu Staub
auf den glänzenden Flächen
einer fremd gewordenen Welt

ich kann nicht sagen
wo ich jetzt bin
nicht viel anders als dort
wo ich einsam saß
oder Gast war
bevor ich weiterzog

Gras wie Finger
eines Kindes
das meine Lippen berühren will
ob sie echt sein könnten

hinter der steinernen Haut
könnte sich Fleisch und Blut verbergen

es interessiert sich nicht
für das Schöne hinter dem Hässlichen
für das Hässliche im Schönen
sondern befragt ein Lebloses zum Leben

es sieht eine gute Erde
in Landschaften ausgebreitet
vor seinem Warten

es sieht die Fernen
die ihm von mir erzählen
von meinem gänzlich wundersamen Leben
wie es jäh endete
wie es begonnen haben könnte
ganz ähnlich vielleicht
seinem eigenen

jedoch
weil niemand von den Erwachsenen
sich mehr erinnern konnte
erzählt heute ein jeder
einen anderen Anfang

sie sitzen in Zügen
zwischen den Dingen
die Bäume fliegen vorbei
wie alles Unbewegte
die steinernen Krümel
kratzen in ihren Schuhen
während sie einander sagen
alles wird gut
nur weil ihnen niemand von ihrer Zukunft erzählen konnte

also rauften sie sich zusammen
im Wunder ihrer Leben
wie sie hätten sein können

XII

[versprochen | zu viel | zu oft]

die sich fremd blieben
die ewig sein wollten
und ohne Welt

die frierenden Amseln

in Händen ein Gesicht
tief darunter gespürte Heimat
wie weites sprachloses Wissen

und andere Menschen wie Geschwister
ihre Wege ziehend vor stummen Blicken

Augen wie Steine am Wegrand
und an den Ufern

dazwischen einzelne Grashalme
die das Schicksal halten

[…]

weit weit fort
ist einer
der deine Hand nehmen wollte
dem du blind hättest folgen können

tief in dir
ist seine Stimme
als hättest du sie in den einsamen Jahren
mit dem Wasser des Regens getrunken

[…]

die großen Wälder die du durchwanderst
die langen Jahre die aus deinen Schritten fließen
und versickern in der Erde wunder Haut

und die Risse im Klang deines Namens
so lange schon nicht mehr gerufen

das Meer siehst du im Schlaf
und auf den leichten Wellen einen Nebelschal
von Flügeln gezogen

die Dämmerung siehst du
und den aufgestoßenen Himmel
nach tagelangem Regen

kurz wie jeder Augenblick
ist der Anfang der Ewigkeit

und jemand schaut zu dir hinab
von der anderen Seite des Wasserspiegels
und seine Hände greifen hinunter
wie um Muscheln zu fischen
und er hebt die kleine Schale
an seine Lippen
als trinke er deine Seele
als seist du nie von ihm entfernt gewesen

und ruhte nun in eines Anderen Stille

[…]

erlöst wenn die Sehnsucht endete
und die Not der Geduld

[…]

XXII

seit der Rettung
steht es gut um die Gestrandeten
ihre Zimmer fühlen sich weiter an
seit sie dort eingeschlossen wurden
ihre Tage enden gar nicht so übel
und manche von ihnen
haben eine seltsame Vorahnung von Glück
als ob sich morgen früh die Fenster öffnen werden
und ihre Fragen plötzlich vergessen sind

sie werden die arktische Luft
als angenehm empfinden
bevor sie erfroren auf den Asphalt stürzen

solche Augenblicke können sehr heilsam sein
für den gesunden und unauffälligen Menschen
der sein Fenster schließt und behütet zurückbleibt
in der dankbaren Stille seines Schicksals

man lässt sie gerne allein
damit sie ihre Gedanken
für sich behalten

denn niemand wünscht sich die Überraschung
einer bedeutenden Mitteilung

alle haben die Möglichkeit
in ihre Spiegel zu flüstern
bis ihr Atem Schleier legt
und ihr Erinnern Falten
über die breiten Gesichter

denn noch die lauteste Rede
trübt den Blick in die wirkliche Welt

und niemand von den Verlorenen
ginge hinaus und wollte
auf offener Straße erkannt sein
und somit wiedergefunden

das Freundliche bleibt das Befremdliche

also schätzt jeder die großen Bögen
und zieht betäubt seine weiteren Kreise
sehr höflich die Begegnungen zu vermeiden
und heimzukehren ohne Erwartungen

denn das Gewicht des Himmels
soll nicht größer sein
als die eigene Angst

XXIII

was drehst du am Rad
als ob die Zeit ihm gehorchte

er steht noch immer da
wo die Tür einen Schatten wirft
auf die kalkweiße Wand
auf die graue Wange des Halbschlafs

gewiss
hat der Tod
Gefährten unter den Lebenden
die dir leere Becher reichen
für deinen unstillbaren Durst

sicher
gibt es solche
unter den Ausgebrannten
die dir von Palästen berichten
und vom Hochamt des Rausches

dennoch
hast du die Freude erkannt
des einsamen Echos zwischen den Mauern
der hallenden Schritte in nächtlichen Gassen
des Feuers im Kamin
das du dir allein anzünden konntest

mag sein
dass sich alles verändert hat
aber nichts verwandelt wurde

mag sein
dass die Früchte des Lebens
zur wurmstichigen, bitteren
Ernte des Sterbens wurden

mag sein
dass sie sämtlich ungekostet fielen
von den morschen Zweigen der Zeit

natürlich
hat alles Geschehene
letztendlich eine schlagende Überzeugungskraft
eine Einsehung
sozusagen
die sich der Vorsehung beugt

und natürlich
sehnt sich nach Jugend das Alter
nach Begegnung die Einsamkeit

zweifellos
will sich das Auge aufmachen
zum Licht zwischen dem Laub

auch wenn der Nacken müde ist
vom dauernden Aufblick

vielleicht gar
ist der Tod noch nicht
das Ende der Schönheit

vielleicht ja sogar
der Anfang
oder der Neubeginn
eines Verlangens nach ihr

[…]

XXVIII

komm‘ doch her
es ist schon spät
lass uns nicht böse träumen
wir schleichen uns durch den Mauerspalt
und atmen ohne Angst
auf der anderen Seite des Gartens

lange ist es her
dass wir dort waren
ohne gewusst zu haben
wie jetzt
von diesem Ort

lass uns schweigen
grob ist die Sprache

eine Nacht genügt
sich zu erkennen
ein Tag
fortgerissen zu sein

nimm mich mit
in den kurzen Frühling

höre das Vöglein
am einsamen Ufer
Herbste und Winter
lang

Schöneres
will ich schauen
durch deine Augen

wo du auch hinblickst
dem Sterbenden nach

schließe die Türen
gegen die Schritte der Anderen

öffne das Fenster
für das Rascheln des Laubs

halte die Hand
dass sie dir nicht erkaltet

halte den Laut
vor dem Anfang der Stille

XXIX

sie wissen Bescheid
die Ersten verlassen die Häuser

draußen wird es hell

die Körper hungern
nach Umarmungen

sie eilen über die Flure
die Treppen hinunter
rufen sich zu
was sie gehört haben wollen

Vieles
will man gesehen haben
Wunden
Geröll
schlafende Kinder

Kunde geht
von einem Tag
an dem sie den Rest erfahren werden

warte noch
bis sie schweigen
warte
bis sie schlafen
in den Betten der Gegangenen

[…]

frostige Seelen

die Sonne ging unter
der Mond noch nicht auf

warte noch
wir sind die Letzten
jene dazwischen
im Aufenthalt

[…]

was wolltest du sagen
da ist noch jemand
lass die Tür noch offen stehen
er könnte noch kommen

jemand muss sterben

jemand will um Vergebung bitten
seit dem ersten Tag
der Erkenntnis

man würde gern noch mehr wissen
man hat nie ganz zu Ende geliebt

[…]

hast du etwas gehört
komm‘
wir gehen zu den Feldern
gleich
geht die Sonne auf
komm‘
wir gehen zum Ufer
und steigen auf
wie Stare aus dem Schilf

XXX

wohin
der Klang
als wir so weit entfernt

erstickte Klage
unter den Wunden des Landes

Spuren der Schnecken
als ob sie aus letztem Loch
die alten Lieder pfiffen

sie ziehen durchs hohle Holz
wie der Wind

[…]

fremd die Toten
die aus den Häusern getragen werden

doch jung ist das Jahr
und Keinem fällt’s auf

[…]

war müde
ging ein Stück entlang am Wiesenrand
bis das Vergessene wiederkehrte

ging hindurch
unter der Stille
verlassener Nester

[…]

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