Mondwiege VI

wohin das Schweigen
tropft | woher sich aufdrängt
die haltlose Stille

es wird gehört sein
alles Verschwiegene

es wird unerhört sein
das nicht Gesagte

[…]

wie schütter die Haut im Licht
das das Laub zum Leuchten bringt

und das Träumen
wie verdünnter Klang
je ferner die Ufer der Geflohenen

sie nahmen die Hoffnung mit sich
und konnten doch selbst nicht anders sein
an anderen Orten

sie liegen wie Gestein in der Brandung
und schieben die Zeit des Wartens
zwischen die Laken ihrer Schatten

darin gespiegelt zugleich
was die Kommenden erwarten dürfen

LotosLolli

der Host hat gehustet. er darf das in Isolation | fahren Sie fort. bevor wir vergesslich werden. unsere Nachsicht vergessen. unsere Absichten verbessern. unsere Ansichten verwässern. bevor sich alles verdreht hat. bevor wir in der RundUmsicht nicht mehr wissen, wohin wir schauen | führen Sie Protokoll. damit wir uns erinnern werden. ja! lutschen Sie jetzt den Drops unseres Gedächtnisses. damit wir vergessen können. wir sind nämlich nicht so versessen wie Sie auf Geschichte. uns reicht das Einmaleins. das macht Eins. uns reichen sogar Stücke davon. die Hälfte der Hälfte der Hälfte. was immer sich spalten lässt. Seele für Seele ein Spaltmaterial. wenn wir an den Kaffeekränzen basteln, die uns zu Kronen werden sollen. die Petits Fours mit geschlagener Sahne aus den ungezählten geschlagenen Stunden, die wir uns um die Ohren geschlagen haben. bis uns übel wurde vom Übel. vom Hagel aus dem CupcakeHimmel erschlagen | Sie wissen nicht, wie das wird. Führen Sie Chronik. das Chronische drückt sich sicherer aus in der Geduld des Papiers. Drücken Sie das aus. Egal wie. Irgendwie. Uns ist das Denken wie zu Akne geworden. Wir wollen es einmal loswerden. das Los. das uns schüttelt. Wir haben es ausgesungen. und die Klänge des Klagens aushungern lassen. jetzt wollen wir uns noch ausweiden lassen. damit wir uns ausweisen können. die Hohlen. die Gestopften. mit unseren Distelaugen. unseren Kaktushänden. here we go round the prickly pear at five o’clock in the morning. […] es wird nicht leicht werden. aber früher war es auch schon einmal schwer | wir graben die Toten aus. sie sollen uns davon erzählen | aber wenn es dann eine zeitlang schwer war, auch wenn wir nicht wissen, wie lang diese Zeit sein wird, muss es ja danach wieder leichter werden | nicht wahr | die Gewichte verschieben sich. sie atmen erst ein und dann wieder aus. ihre Wucht ist ein ewiger Wandel. vom Fels zur Feder. und wieder zurück | doch wir könnten vermutlich zur Seite treten, wenn das Pendel auf uns zurast. wir könnten ihm in die Seite treten, wenn es knapp an uns vorbeischlägt | seine endlose Bewegung hat es schwer werden lassen. wie ein von zu vielen Schritten verklumpter Fuß. also werden wir dort stehen und im richtigen Moment das Steinerne von seinem Antlitz klopfen | wie leicht wird er da ins Bodenlose fallen. wie leicht wird uns da fallen das Bodenlose | aber das jetzt hatte noch keine Vorstellung. nicht einmal eine Probe. auf der Seitenbühne. wer stellt sich denn so etwas vor? wer stellt sich davor? wer hält es auf? hellt es auf? es hätte sich doch freundlicherweise erst einmal vorstellen können. bevor es die Szene betrat. bevor es die Landschaft zertrat | jedenFalls | uns lag kein Antrag vor. das hätte es wissen können. das stand auf den schwarzen Brettern. im Kleingedruckten. die Frist ist um. und abermals… es tut uns nicht leid. aber das war eine Ausschlussfrist. jetzt ist ein Rücktritt ausgeschlossen. jetzt ist das Davor vorbei. jetzt lungert es im Dazwischen […]

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Mondwiege V

das Boot
vor den Ufern
Barke des Morgens
aus dem Nebel gezogen
und fast versäumt seine Ankunft
kaum fähig zur Freude
vor lauter Erschöpfung
zu suchen
Inseln des Sterbens
weil es waren
Inseln der Geburt

doch dort war
zu kurzer Aufenthalt
und auf gefrorenen Boden
tropften die Seelen
Verlorenes zu erinnern

moon cradle [V]

the boat
before the shores
barque of the morning
pulled out of the fog
and almost missed its arrival
hardly capable of joy
from sheer exhaustion
searching for islands of dying
because they were islands of birth

but there was
too short a stay
and on frozen ground
the souls dripped
to remember things lost

vernisSage

[sehnSucht: Firnis]

schwarzlederne Äpfel
in gläsernen Kuben

Laubteppiche und Sand
aus Sohlen gefallen

von Bächen Getragenes
gefangen in Leinwand

und was der Furcht vor ruhelosen Nächten
auch immer Angst machen kann
und die Zeit ver-treibt
des einsamen Brütens
von Eiern in Form von Posthornschnecken
aus denen schlüpfen sollen
die kleinen Seelchen
die keinen Traum erzählen

ganz gleich
ob
noch nicht
oder
nicht mehr

sie bedürfen einer Geburt
und dem Sturz einer Frucht
auf geduldige Erde

sie blieben allein
weil es Erkennen gab
und der Garten ihres Wachstums
noch nicht gewohnt war
an Jahreszeiten

ein Ort
am Ende
wo stummes Leid
ist allen Lebens
anFang

Mondwiege IV

da ist jetzt niemand mehr
da sind die Echos verhallt
da hört keiner mehr zu
da ist alles verschwunden
unter dem Funkeln des Wassers

da ruft einer noch
der ins Nichts getreten ist

von oben sah es nur aus wie eine Pfütze

[…]

…hier sind alle zu Kopffüßlern geworden
und haben sich den Weg verkürzt
vom letzten Gedanken zum ersten Schritt

und obwohl die Zeit hier so viel Platz hätte
bleibt ihm nun keine mehr
denn sie hat den Raum überfüllt mit Vergangenheit

alles was er war
was um ihn herum war
drängt sich
drängt ihn
zusammen wie in einem unendlichen Strohhalm
mit dem Christus sein Seligstes
aus den verlorenen Träumen zieht

zum Gedicht

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.20 | 769-SARS-CoV-2

[Tag 346 der Rückkehr]

doch | dieser Ort gefällt mir | werde vorerst nicht weiterziehen | werde Wurzeln schlagen | im Bett | im Gebet | im Beet meiner Gewohnheit | … | kündige jetzt diese Entscheidung an | kündige alle weiteren auf | werde darin ganz klar sein | will mich dazu eindeutig bekennen | nein | es gibt kein Vorübergehend oder Vorsichtshalber | das hier ist jetzt alles, was ich noch sein werde, auch wenn ich es noch nicht ganz und gar bin | auch wenn ich noch nicht ganz bin | noch nicht gar | … | hier wurzelt mein Werk | hier ist mein Wurzelwerk | auch wenn es in der Erde ist und unterhalb der schlichten Sichtbarkeit von Sand und Lehm und Grasnarben und Gestein verschwunden scheint | aber wenn noch einer von mir wissen will, wenn ich mich selbst längst vergessen habe, muss er hier gewesen sein, muss hier gestanden oder gesessen, gesucht oder gegraben haben | aber dieser wird ein ganz anderes Wasser auf das Erdreich gießen und wird aus demselben Wurzelwerk ein ganz neues Blattwerk hervorgehen sehen | und so wird mein Werk zu seinem Werk werden | und ganz gleich, was ich einmal gesagt haben mag – die Sage wird nun durch seine Stimme gehen | und so zu seiner eigenen Erzählung

Zum Text

Mondwiege III

[…]

Warte einer verfehlten Jugend
für sie, die zu viel über das Mögliche schrieb
für ihn, der ihr zu viel versprach

[…]

[heimlich aufgezeichnet
als sie beim Leichentrunk saßen
starr vor dem Trauerbrot
um ihre Reue zu essen]

[…]

irgendwo dort in der Menge
verbirgt sich Gott

[…]

der Wald gab uns die Angst
als das Erbe der Kindheit

[…]

den Allermeisten von uns
spannten sich schaukelnde Pfade
aus sprödem Haar geflochten
von Dunkel zu Dunkel

und schließlich
als wir die Bühne betraten
mit Flöten gestopft
die schrundigen Fugen der Welt
wie zw. den Bohlen morscher Stege
dass der einsame Sprung ins Leben
noch vor Ablauf der Zeit gelingt

Zum Gedicht

Wind und Sonne des späteren Sommers

du bist vielleicht berühmt | wenn du tot bist | aber dann musst du dich nicht mehr ausziehen lassen | sie befragen nur nackte Orakel oder versteinerte | aber sie stülpen Wollmützen über die Steine, wenn das Moos nicht schnell genug wächst, denn der Klang der Stille scheppert in ihren Ohren | sie brauchen Worte wie Watte, um sich das Gehör zu verstopfen | sie ziehen einmal die Woche die alten Korken verfilzter Geräusche mit Sand und Schmalz wie Perlen aus den Muscheln, damit es nicht knallt im Trauma, im Traum, wo es ruhig zugehen muss, wo alles lautlos zufällt | die Türen, wenn sie zugegangen sind | die Schritte, ordentlich in Touristen- und Zweierreihen

[…]

ich bin nicht mehr da | ich sitze neben ihnen | aber ich bin nicht mehr unter ihnen | ich saß zuletzt da auf dem Stuhl | man hat ihn in einen anderen Raum geschoben | man hat die Heizung abgestellt und die Lichtschalter zugeklebt und die Tür von außen verriegelt | der Schlüssel klappert im Schloss, wenn einer den Gang entlanggeht nachts | wenn es zügig ist auf den Fluren, pfeift er was, fast wie ein Vöglein | es singt von seinen gerupften Flügeln und wie es ist, auf dem Kissen des Windes zu schweben, über den Klippen, über der Brandung, über den Wipfeln gekrümmter Kiefern, als wüssten sie nicht, wohin sie ihre Äste strecken sollen, zum Himmel oder zum Wasser

[…]

als du dann endlich das Fliegen gelernt hattest, blieb nicht mehr viel Zeit, um über die Landschaft zu gleiten und Ausschau zu halten nach der Bucht des letzten Schauens auf ein spiegelglattes Meer | und noch weniger Zeit bliebe, nach jemandem zu suchen, dem du das Gesehene beschreiben könntest, damit er es zum Anfang oder zum Ende einer Erzählung machte | oder das kurze Ende einer Begegnung, das keinen Raum mehr ließ für eine Beziehung, aber den Ausgang eines anderen Lebens ermöglichte, als ein Land, das du dir immer hattest vorstellen können, als eine Erde, von der du gerne verschlungen sein wolltest, eine Schwelle, sobald sie überschritten wäre, von der aus du nicht mehr fragen würdest, wohin es gehen soll, wenn die Sorge zu Ende gefühlt ist und das Ende selbst entsorgt, selbst wenn es dahinter wirklich nur stockfinster sein sollte, klanglos und kalt, weil es keine Frage mehr wäre, was noch zu tun bliebe oder gar bis wann, denn es war ja zu Lebzeiten besser, die Fristen nicht zu kennen und die Trauer nicht bis über das Ende der Traurigkeit oder der Freude hinaus zu tragen, sondern nur bis an jene Pforte oder Stufe, wo Freude ist in der Traurigkeit und Traurigkeit in der Freude, weil die Stille der Toten in deinem Schweigen atmete, wie die kaum spürbaren Wellen des unsichtbaren Lichtes an einem wolkenverhangenen und viel zu milden Wintertag wie heute, wo ein Ufer, umgeben von Verlassenheit, dich willkommen heißt und alles, was du bei dir trägst von den Deinen

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Mondwiege II

[…]

nur ein menschliches Gesicht
schauend in den geheimen Garten
zum ersten Mal

und es sieht an den Halmen und Zweigen
Tau wie Lichttropfen in den Wimpern des Geliebten
der noch schlafend neben ihm liegt

und trotz der ersten Zitronenfalter
die an diesem frühen Morgen schon zwischen den Hecken flattern
hat er nun für einen kurzen Moment das Gefühl einer fernen Trauer
und sieht sich und ihn dahingegangen ohne richtigen Abschied
angekommen an einem einsamen Ufer und wie dorthin verstoßen

und auf sein Gesicht fallen die Verse und Lieder
aber den Passanten ist es nur Laub des ziehenden Jahres auf nassem Gestein

und das Letzte was er hört
sind ihre hastigen Schritte
fast wie ein Plätschern des Baches
an dem sie beide zuletzt gesessen hatten

Zum Gedicht

Risse in der Haut der Zeit

die Fernen glühen
wie brennende Himmelsfelder

träumst du
Gestoßener
in den Brunnen der Vergessenheit

Bittermandel schmeckt der feuchte Stein
und die Hände so wund wie Falterflügel

du drehst dich nicht mehr um
hast einen Blick von Laub
in gefrorenen Pfützen

[…]

Wege verwehen

sah die Schwelle nicht
vor dem Schacht zur Vergangenheit

wünschte mir
ein Exil des Vergessens

seither lebe ich von Tag zu Tag
um zu überleben

fange nichts an
was am Abend noch nicht vollendet wäre

[…]

ich halte den Tag nicht an
es gibt nichts zu feiern

Blätter des Grases
wie Reste des Sommers
wie Nadeln in meinem Schauen

einmal war ich verliebt
unsterblich
das Gefühl ist mir nicht erinnerlich
aber es bleibt ein Schmerz des Verlorenen
der alles Zeitige übersteht

die Herzen schlagen weiter
verlässlich wie Kirchenglocken

[…]

die sich fremd blieben
die ewig sein wollten
und ohne Welt

die frierenden Amseln

in Händen ein Gesicht
tief darunter gespürte Heimat
wie weites sprachloses Wissen

und andere Menschen wie Geschwister
ihre Wege ziehend vor stummen Blicken

Augen wie Steine am Wegrand
und an den Ufern

dazwischen einzelne Grashalme
die das Schicksal halten

[…]

weit weit fort
ist einer
der deine Hand nehmen wollte
dem du blind hättest folgen können

tief in dir
ist seine Stimme
als hättest du sie in den einsamen Jahren
mit dem Wasser des Regens getrunken

[…]

die großen Wälder die du durchwanderst
die langen Jahre die aus deinen Schritten fließen
und versickern in der Erde wunder Haut

und die Risse im Klang deines Namens
so lange schon nicht mehr gerufen

das Meer siehst du im Schlaf
und auf den leichten Wellen einen Nebelschal
von Flügeln gezogen

die Dämmerung siehst du
und den aufgestoßenen Himmel
nach tagelangem Regen

kurz wie jeder Augenblick
ist der Anfang der Ewigkeit

und jemand schaut zu dir hinab
von der anderen Seite des Wasserspiegels
und seine Hände greifen hinunter
wie um Muscheln zu fischen
und er hebt die kleine Schale
an seine Lippen
als trinke er deine Seele
als seist du nie von ihm entfernt gewesen

und ruhte nun in eines Anderen Stille

[…]

erlöst wenn die Sehnsucht endete
und die Not der Geduld

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