Werkstatt XVI | Beginn einer neuen Übersetzung

T. S. Eliot: Four Quartets – Vier Quartette

Burnt Norton, IV

Zeit und die Glocke begruben den Tag.
Fort zog Sonne, mit dem Gewölk, so zag.
Kehrt sich uns zu die Sonnenblume, wird die Waldrebe
straucheln, uns zugeneigt; ranken und reifen, oder mag
sie nur klammern und klingen?

Sticht
der Eibenfinger, schleichend gekräuselt
auf uns hernieder? Nachdem des Eisvogels Schwingen
erwiderten Feuer mit Feuer, schweigend, still wie das Licht
im reglosen Zentrum der kreisenden Welt.

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 14 neue strophen]

wohin sich treiben lassen
wohin vertrieben
immer dem schmerz aus dem weg zu gehen
statt an seinem verbranden ein ufer zu bauen
den abendlich blauen ort eines wundervollen endes

steige noch nicht hinab
zum tiefsten der heiligen worte
furcht ist die zärtliche freundin
dass unberührt bleibe das kostbarste
und verborgen die empfindliche schönheit deines namens

wann begann die lange nacht
die des herzens rede endete
als sich spiegelten die geheimnisse
in den erblindeten augen
die das lichtlose meer geschaut

lass sie doch sein. wie die träumenden
die durch die sage wandern. einer nicht endenden liebe
so wund von ihren hoffnungen
und fast ertaubt. flüstern sie: ANGESICHT
aufgesucht. und daheim. in jeder seele. die sich hingab

ach. so verödete knospen
ach. ein so trübes auge
blickend auf alles. was nicht aufging
was sich gewünscht, vergehen zu können
dass es mische sein mattes summen in ein verwehendes weh

und wenn das licht entwichen
suchen die schatten nach ihren trägern
zu ziehen die schleppe
an der noch haftet
der duft der verheißung

dann. sei ein tag
an dem du stehst. auf der schwelle. ungebeten
auf einem fußbreiten steg
zwischen stern und stern. zwischen ruf und widerhall
im einsamen klang. des letzten schlags. der dunkelsten glocke

was sagte ich anderes. als: du
was hieße es. ausgesprochen zu sein
in der stimme des anderen. enthalten. in der stimmung des harrenden
der seine wünsche kennt
die schätze des unvollendeten. solange er schwieg

einer. von den vielen
ausgesucht. für alle tage
durch die zeit zu laufen. mit verborgenem herzen
immer zu ziehen. wie wege um seine insel
die kreise. um jede stunde

ja. die große liebe. die eine. vielleicht
das uneingestandene licht
im schattenreich der sommerlichen wälder
die bänder des nebels am morgen
aufzutrennen. mit den scheren der sagenden stimme

ich komme vom träumen nicht los
so weit ich auch gehen und fliehen mag
steht bei jedem abend
am einen, lautlosen ufer:
der liebe trauriges auge

die mageren schatten
auf saftigem gras
wartet nicht immer das ziel auf den suchenden?
haucht sein kühles wort:
wer nicht wandelt, wird nicht verwandelt

nicht das einzige leben
das an unbekannter stelle einer langen reise verschwunden
nicht der einzige tote
der die welkende blüte seines namens zu den steinen legte
die das kommen und gehen der gezeiten nicht schrecken muss

trauern darfst du. freund
am bleibenden ufer. das ich verließ
stehen darfst du bei der traurigkeit. mit der ich fortgezogen wurde
doch: gehe heim in der freude der liebe und
mit dem unauslöschlichen licht. meiner schritte. voraus

haiku [allein/stehend]

[lobe die edle küste. weit entfernt. im gebiet der seelen. vor unseren blicken. himmel der ewigen dämmerung. pforte des mondes. tausendfach wechselnd. bei jedem aufschlag. der augen. laufe los. wenn gefallen. das erste wort. wenn aus dem schlaf gelöst. und traumlos verwandelt ins echo]

wachsen die ufer den treibenden booten zu?
frage nicht, freund.
wo du mich finden kannst…

Eumaios. hinter den Fenstern

[2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung]

ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.

schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.

hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.

Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.

draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.

deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.

niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.

aus der fernen heimat

[was ich zu mir ziehe. was ich mir zuziehe. was ich zuziehe. | schließe die kisten mit den verwahrLosen. öffne den schickSaal. durch den ich ans ende gelange | wakas von liebe und trauer | neue Strophen]

mein haus steht dort
wo die wege veröden
wo die amseln und tauben schweigen
du findest sein licht im warten auf eine antwort
wenn deine sprache verlorengegangen sein wird

ich denke. und denke
an all die namen und orte. die ich vergessen habe
nicht stören mich mehr die kälte des abends und die einsamkeit
am ende eines jeden tages stelle ich
frische blumen in die vase

jetzt steht der wald in den kalkweißen wänden
jetzt steht für immer offen die tür
der tag wurde ins ferne verbracht
in meinem schauen wohnt
abend. allezeit

vor mir die lange nacht
die erde unter meinen füßen
hat sich gefügt der müdigkeit des himmels
in den moment des versinkens fließt ab
alles gewesene

wie vergessen
eine noch brennende lampe im fenster
als legte ein ferner geliebter den wegschweren kopf
auf meine schulter. und einen guten gedanken
in meinen schlummer

Werkstatt XV

[finnhütte. exeunt urijah. finish. geometrie der entlassung. abdank/ur/kunde. liegekur. 7einhalb. jahre ferne | 7einhalb waka-variationen]

zwischen düne und kiefern
das dreieck der vermessenheit
weil – er. du. ich – einer zu viel
weil – du. er – maßlos. in euren wünschen
unter den veluxfenstern

wie einsam
die insel sein kann
in ihrer überlaufenheit
in ihrer überspanntheit
mit strand- und sand-gefühlen

insel der rauschenden laken
der raschelnden haut
an haut. wie vernäht
mit den küssen. du.
und er

ich. ist unsichtbar
am ort der verbannung
aller zeit
zwischen pflicht und fluch[t]
zwei wochen. sonntag

hütte. in der ich stimmlos
atem an atem hefte
wenn ihr euch – du. er –
durch die vormittage vertuschelt
bis die stunde der müden möwe schlägt

spräche ich finnisch. oder wie die feen
die sich draußen im wacholder verheddert
wäre doch jedes wort
das ich sagte
ein kämmen durch trockenes schilf

zwischen ende und abschied
im dreieck der vergessenheit
lasse ich mich vitruvisch strecken
solange der weiteste himmel von allen
sich zwängt durch das spitzdach

hinein. ins nurdachhaus. und sich spannt
über grab und geduld

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer]

am rande des himmels
der vereisten tränen fragende ufer
der verlorenen blumen umgestoßene körbe
ach. die rissigen hände der verlassenen
ach. so tröstlichen regen auf die kalte erde fallen zu lassen

abschied. ohne abschied
schwer. vom traum. das auge
stein der zeit. der
den brunnen nicht verlassen kann. in den er fiel
schmerz. ohne schmerzen. gewickelt in die wege. die nicht gegangenen

was kommt auf dich zu? verlassener
was nicht mehr kommt
das atmen. das fernste. nahe bei deinem herzen
die zeit. muss getrunken haben. die kühle luft der spätsommernächte
aus den leeren gefäßen deiner verschweigung

ich sehne mich. zu sprechen

[buchheimer fragmente]

ich sehne mich. zu sprechen
von der sprachlos machenden angst
von den bildern. die hinter meinen augen brennen

rote segel ziehen seltsame linien
über den grauen spiegel des wassers
und aus den wolken, in die sie stachen
fallen, wie steine aus licht,
die lose der hoffnung
in die offenen gefäße der erinnerung

tropfen deiner blicke
unserer augenblicke
im trocknenden tau der zeit

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer]

neue strophen

wachte auf. mit der ersten amsel
saß vor der offenen zeit
hörte ruf und echo:
wo bist du, wanderer, verlorengegangen
wo ein junges gras die wege säumte

die blinden liefen hin und her
zwischen den schattenlosen weiten
siehst du nicht, um was sie baten
aus den letzten blüten
tropfe frühling bald

schon ist es spät. und
dämm’rung färbt den saum einer hoffnung
leer blieb ein garten
doch nicht vergeblich waren
die gabe des lichtes und das opfer des wassers

einsam. langsam
den schmalen pfad zurück
tiefer. länger
die schatten der kiefern
nicht ließen sich zertreten gedächtnis und schmerz

schweif deines schweigens
stehst am ausgang
am anfang unserer geschichte. immer
nie ist satt die erinnerung
ein gut gefüllter krug steht im regen. unter meinem fenster

warum ich hier sitze:
damit ich mein denken dorthin schicken kann
wo einer die stimme fängt
bevor das echo ansetzt zum sprung
dass ihr letzter ausklang falle. in ein fernes ohr

das ufer wartet
unter dem müden schilf leuchten dir abschied und weiterfahrt
zahllos bleiben gedanken zurück und die schatten des ungesagten
schließe die augen
zu halten die rasch verschwundene spur des bootes auf der wasserweite

tag für tag
zog vorbei. erinnerungslos
bitte für den wartenden. wanderer
dass ihm zurückkehre. ein name
wie nach langem winter die kurze blüte

fiel ins wasser ein stein
wie auf mein herz
der im abend verschwundene schatten
hatte sammeln wollen das licht
des schönen tages. vor dem schweren abschied

aus dem dunkel. ein blick
wie ein windhauch im stillen roggenfeld
wie ein wort ins ohr des schlafenden geflüstert
wie ein schritt voran den uferpfad, die böschung entlang
dem fluss des klaren quells zu folgen

staub. der sich auf deinen schatten legte
darin die gedanken des müden zergingen
mit den gefallenen worten
unter der letzten dämmerung
zu weben den saum der aufgelösten zeit