[anmerkung des autors: in der publikation ohrfois… ]
ein zyklisches archiv der verlorenen echos. im schatten des mythos
stimmen / gegenstimmen / fuszspuren / kopfnoten

Verrauschte Stimmen, versandete Wege – dieser poetische Zyklus versucht sich an einem zeitgenössischen Mythos, scheitert aber immer wieder an seiner eigenen Ernsthaftigkeit. Zwischen stilisierter Fragmentlyrik und digitaler Postmoderne tappt die Schreibfigur durch einen Garten der melancholischen Überforderung. Da wird Orpheus zu einem schwermütigen Blogger, die Unterwelt zum Endlager der Gefühle, und Eurydike bleibt irgendwo zwischen Kaltschale und Kant.
Mit Verlaub, […], Ihre Rezension belegt lediglich, dass Sie weder mit Mythos noch mit Typografie umgehen können. Die „melancholische Überforderung“, die Sie beklagen, ist keine Schwäche, sondern Methode – ein strukturierter Verzicht auf narrative Klarheit zugunsten einer topologischen Tiefenschärfe. Orpheus, wie hier verhandelt, ist kein Blogger, sondern ein Transitwesen zwischen Textschichten, das sich einer Linearität bewusst entzieht. Auch die Kaltschale ist keine Metapher, sondern – wie Bataille es ausdrücken würde – ein Zeichen exzessiver Bedeutungsverweigerung. PS: Kant wäre begeistert gewesen. Sie werden es niemals sein.
I / ahnung
trotz: der stille
gestrandet.
hier oben.
im entwachsenen.
in der wuchernden stimme.
hierhin gekommen.
so weit.
ausgegangen.
abgerechnet.
ganz.
zum schluss.
im endlosen abschied.
gehst du mit mir?
durch das stille haus.
das ganze.
umschlossen von gärten.
von jahren.
vom rascheln gelöst.
von den geräuschen.
vom glas der verhangenen fenster.
von den kalten mauern.
und ihrer haut.
vernäht aus den fetzen der zerrissenen.
der entspiegelten.
der einsam bewohnten.
von wind. von wasser.
der von sich entwöhnten. und ihren wünschen.
vorbei an der offenen tür.
an jenem einen spalt.
dem letzten.
vielleicht.
zwischen herz und leib.
laib. und saite.
schwingend.
im augenblick unserer teilung.
im durchgang: zur ganzheit. zur ganzen gewesenheit.
hinauf über die kargen berge.
zur kleinsten, jüngsten blüte.
wenn das jahr schon alt und krumm
dasteht: vor der zeit, die nicht stillsteht.
trotz der stille.
es ist immer: als hätte jemand gerufen.
der trotzt: den lautlosen orten.
der sitzt: an den gestaden der vergessenen träume.
der lässt: den tag ans ende gehen.
der sich findet: im echo.
der sich erfindet: im schlaf.
im anfang: des frühlings.
immer.
im trotz: der stille.
doch auf der anderen seite des endes:
da trotzt ein klang.
getragen vom hauch,
der keine wunde scheut.
wie dein letztes lied,
das aus den zerschellten lippen floss:
an das ufer der nacht.
geknickt
zweig deiner hoffnung.
zur erde. zum wasser gezogen.
und wie das schicksal: nicht auffindbar
gehe jetzt immer mit regenschirm. abzuhalten das schreckliche. das vom himmel fallen kann. oder gestützt auf die erde. das abgründige nicht zu spüren. weltachse. lebensbaum. faden. und band. alles. für eine stimme. in die raumzeit gespannt. ins licht. das die leere zu verlassen sucht.
wenn ich nur wüsste. wo ich zuletzt. am abend zuvor. gestanden habe. küste. und sehnsucht. wurden zu uferlosen ebenen. wenn ich doch sagen könnte. was ich mir aus den augen rieb.
gleich fern. scheinen mir anfang und ende. hier. in der mitte. schläft meine mythe. kreist der zug. in dem ich mich müde blickte [fensterplatz. entgegen zur fahrtrichtung] um die gletscher. die inseln. verlassene. oder unentdeckte. [friedhaine. die unbegangenen flure. an-klang. im fruchtwasser. ort- und wortloses sinnen. gebein. in seiner blase]
II / pfad
schau sie an. die landschaft deiner heimkehr. deiner kehre, die kahlen ufer deiner einsamkeit. schweige und schreite. in den blick und wieder-blick hinein. mit allem leblosen. zu beiden seiten des pfades. und reiße du die wälder aus den wänden. trunken vom übermaß deiner liebe. und deiner ferne. und all der trauer.
Heimkehr, so viel ist sicher, ist ein sentimentales Konstrukt spätbürgerlicher Provenienz, gespeist aus einem nie eingelösten Versprechen ländlicher Rückbindung. Die „Heimkehr“ ist weder möglich noch wünschenswert. Der Mythos, dies nebenbei, ist eine sich selbst wiederkäuende Fabelmaschine, die alles, was als singulär geglaubt wurde, in Gleichförmigkeit verwandelt. Odysseus kehrt nicht heim – er wird zurückverwaltet, eingespeist in das System häuslicher Rekuperation. Penelope webt, Telemachos schweigt, und der Hund stirbt. Das war’s. Die Kunst – gemeint ist hier, irritierenderweise, die Dichtung – suhlt sich in Wiederholung. Der Versmaßjunkie nennt es Variation, der Prophet: Trost. In Wirklichkeit: Phonoterror der Ewiggleichen. Die Mystik, falls überhaupt diskutabel, kennt keinen Ort, nur Sturzrichtungen. Glauben? Eine Umschreibung für strukturelles Unwissen, verklärt durch Klang. Und das Sterben – ach, das Sterben! Es ist nicht der Ernstfall. Es ist der Beweis, dass alle Ernstfälle längst vorbei sind. Wer stirbt, hat nichts verstanden. Wer über das Sterben dichtet, will geliebt werden. Ich verzichte. Auf alle Heimkehr. Auf alle Blüten. Auf jedes „trotz“.
III / abstieg. wiederrede
kein ort. wartet
kein ort wartet.
warte darauf. dass der Tod uns vereinigt. verewigt. hat er uns schon. hatte versprochen. ihn nicht aus den Augen zu lassen. hatte ihn irgendwo draußen angebunden. dass er nicht wegläuft. vergaß den Ort. wo er verlorenging. er selbst hatte orakelt. dass ein Echo zu hören sei. ginge man rückwärts. durch tiefste Schluchten […] der Erste bleibt zurück. wie das zerstörte Haus deiner Kindheit. durch dessen verwitterte Mauern. die Jahre fegen […] jedoch. ist sein besonderer Klang. nur. weil du ein besonderes Gehör hast. diesem ist es ein Irrtum. jenem kann es die Wahrheit sein […] die Augen verhangen. vom Nebeltag. du öffnest sie kaum. während der Reise. sparsam bleiben die Bedürfnisse. die dir entgegenkommen. so fällt es. dem Wenigen leichter. genug zu sein
IV / auf. störung. singen im dunkel
die acte ohrfois
die stürme ziehen über die fernen inseln. wir lesen vom schrecken. von ungemütlichem wetter. öden orten. verwitterten häusern. bis uns das kinn aufs brustbein sackt. nasendownload. fertiggerichte. kaltschalen. als hauben. da zupft ein gottlein das kraut der letzten zweifel. da zapft er die unnützen gedanken ab. und stopft das alte strohhaar aus den abgüssen in die wunschhähne. ein glaubhaftes. gewachsen. ganz aus sich selbst. und keinerlei fremden faxen. gewachster buckel. aufzupropfen. auf die kindlichen zweige. geplärr. zu geplätscher. so reicht‘s doch. so ist’s recht. hier. wo wir sind. sind wir schon da. und müssen nicht dort sein. und hin und her eilen. in einer enge des dazwischen. denn nicht am pendel prallt die zeit ab. sondern: an den säulen. den versteifungen. versteinerungen. standleitungen. an der sich die grillen unserer seelen emporspaziert haben werden. dereinst. nach dem zu-fall der deckel. dem ab-fall der worte. dem ein-fall der blicke. der augen-blicke. im rumpf der ideen. in den kästen. ohne geflimmer. den kisten. ohne gerappel. läuft der versand, die versandung der stimmen. mit der vakuumspost. übers laufband des vergessens.
Monolog, der. In der Antike ein Moment der Erhebung – heute meist Ausdruck eines akustischen Alleingangs. Orpheus spricht nicht zu Eurydike, sondern zur Idee einer Beziehung, die längst in grammatikalische Unklarheit entglitten ist. Das „Heilende der Erinnerung“ als Ersatz für das eigentlich Gemeinte: Nähe.
tage.buch
eine andere sprache. nicht mehr gehalten. im maß des verstehens. es genügt eben nicht. zu sprechen. es muss etwas gesagt sein. das sich wörtlich nicht sagen lässt. es wird nicht einmal im heimlichen schreiben beglaubigt. nein. die stimme muss durch einen traum gegangen sein. der vor längerer zeit schon vergessen wurde. sie muss ihren ausgang gefunden haben. in einem zufälligen erwachen. einem einsamen. in der anmutung von birkenzweigen und ufergras. und im gefühl. das der noch moosweiche boden unter den füßen. zu stufen aufwächst. die den wanderer in gang setzen.
im moment. da sie ja sagen wollte
Orpheus
in sich hinein. neu-einstudierung
nicht aus freien Stücken bewohnen wir die Erde. also soll uns das Leben so mühelos sein wie der Tod. kein Ort der Bleibe ist uns bekannt. das Hiesige ist uns nur die schattige Seite des Dortigen, das wir nie einholen werden, so wie wir dort unser Hier nicht nachholen können. aber wie soll uns das Jetzt gelingen, wenn wir dem Dann nicht vertrauen. nein. wenn wir noch etwas Zeit miteinander verschweigen wollen, müssen wir uns einmal entscheiden, welchen Ereignissen wir vorausgehen werden, um uns in ihnen wiederzubegegnen, und bis zum Ende, so einsam es immer sein mag, das Heilende der Erinnerung zu wissen.
die Stimme entfernt sich immer weiter von ihr
Eurydike
flüsternd. Im Halbschlaf. Auf kaum einem Atem mehr
er traf den ton. doch nicht den augenblick
am anfang des nichts. sprach er von allen
wozu sind wir hier? wenn wir unsere Mitte nicht kennen und aus der Mitte heraus die Tore nicht öffnen für die, die Zuflucht suchen. wir zäunen unsere Mitten ein und betonen die Grenzen, die sie voneinander trennen. mühsam ist der Frieden, der sich so erhalten soll, statt in den offenen Landschaften den einen Frieden aller zu leben. Haus an Haus. Gemeinde an Gemeinde. und statt sich gegenseitig zu missionieren, würden wir uns einfach nur unsere Geschichten erzählen, würden Gedanken und Wünsche austauschen, bei gemeinsamen Mahlzeiten, die mal der Eine, mal der Andere zubereitete. wir wären zugleich Gäste und Wirte und müssten uns nicht dauerhaft in einer dieser Rollen überfordern. wir wüssten wieder, was Ehrfurcht ist und würden das Böse hassen. wir spotteten nicht mehr über die guten Werke und würden aus diesen zugleich keine eitlen Feste mehr machen. wir teilten nicht ein in Erste und Letzte und Mittlere, sondern teilten einander die alten und neuen Wege und gingen gemeinsam die Zeit, die uns gegeben wäre, im Wissen um das Einende ihres Flusses und in der Gewissheit ihrer Endlichkeit.
tante sybilles flüstern im linken ohr
sie wollte ihm ein Stück Brot reichen.
er sprach von Gemeinden.
sie wollte ihm sagen, dass er riecht wie früher.
er sprach von der Menschheit.
sie hat geschwiegen. und wurde selig. von selbst.
Predigt, die. Ursprungsform der abgewandten Liebe. In ihrer rhetorisch überformten Ausprägung häufig zu finden bei moralisch ambitionierten Figuren, die durch die Projektion universaler Erlösungsfantasien den erosbezogenen Blickkontakt vermeiden.
Sie erkennen die Geliebte. Aber sie erkennen sie zu spät.
V / unter. welten
heute. kein mythos verfügbar.
heute. hoffnung [s] los. soll ich erzählen? warte! ich gehe rasch um die ecke und hole mir ein fremdes gedächtnis. ich. der schreibende. der sagende. der nichts zu sagen hat. der parasit. mit dem saugrüssel am schrumpfenden hirn der dritten norn. ich klemme mir die abgelegten stimmen zwischen die lippen. und warte. auf ein dumpfes gehör. morgen. mag ein klang ertönen. wie aus einem papiernen trichter. eine ko[s]mische weganweisung. verschlüsselt. verquast. verwest.
denn heute. die ketten. denn heute. der schall. der irrsinnige überschall. der jede reglosigkeit durchschlägt. es gibt zahlreiche sprüche. aber nur wenige widersprüche. die große verwegenheit. der kleinen gärten.
heute. raucht ja niemand mehr kette. und wenn. geht er dafür auf den balkon. ich habe es mir abgewöhnt. vor langer zeit schon. nahm mir deutlich jüngere partner. als motivation. mehr zu tun: für meine gesundheit. für eine wahrscheinlichkeit längeren lebens.
es ist heute. er macht jetzt sit-ups. nach dem ersten kaffee. während ich bei den kissen bleibe. und träume auswringe. wir sehen uns zum späten frühstück wieder.
es ist heute. ein freier tag. ein feiertag. ohne einladungen. ohne feste. der zeitwert. der taktwert. erst atmen. dann singen. gleichmäßiges, kontrolliertes schreiten. wege wie ausgerollte yogamatten. in der zeile sind die ziele. und die wanderung selbst ist schon ankunft. das muss man sich drei mal stündlich sagen. aber draußen bleibt die feier ohne feuer. freizeit. die der erholung dient. der suche nach freiheit in den zwecken. es darf aber nicht gefragt werden. denn das führt zu unangenehmen, unangemessenen erwartungen. zugleich ist es aber nicht das fehlen des mythos. nein. sondern das fehlen des erinnerns. weshalb sich nichts ereignet. nicht erzählt wird. auch nicht von mir. ein mangel an gedanken. nicht an worten. augen. goggled up. im außen. yeux glauques. der glupsch. im datenspinat.
fusznoten der unrettbarkeit
Feiertag (lat. dies festus): Ein von der Linearität befreiter Zeitabschnitt, der sich durch eine paradoxe Konfiguration von Handlungserwartung und Handlungsverweigerung auszeichnet. Ursprünglich als sakrales Intervall definiert, hat sich der Feiertag im Spätkapitalismus zum ephemeren Wellnesskorridor transformiert – durchzogen von achtsamer Selbstvergessenheit und digitalem Zerstreuungssog.
Kette: Eine metaphorisch überladene Objektform, die sowohl als Symbol der Bindung (vgl. Prometheus) als auch der Sucht (vgl. Nikotinrituale) fungiert. Ihr temporaler Nachklang in der Redewendung „Kette rauchen“ verweist auf eine vormoderne Rhythmisierung von Konsum und Tod.
Erinnern: semiotisch fragiler Akt der (Re-)Konstruktion. In prä-mnemotechnischen Kulturen oral verfasst, später in Schrift, nunmehr algorithmisch delegiert. Erinnern im poetischen Sinne ist stets ein Verfahren des semiotischen Exzesses: mehr Andeutung als Aussage, mehr Verlust als Besitz. Seine Abwesenheit – wie hier textlich problematisiert – ist nicht tragisch, sondern strukturell.
Hinweis: Die dritte Norn ist in diesem Zusammenhang als symbolische Instanz postlinearer Geschichtslosigkeit zu lesen. Ihr „schrumpfendes Hirn“ – eine kritische Metapher für das temporale Vakuum des 21. Jahrhunderts. Sie denkt nicht mehr. Sie streamt.
[Klarstellung. GegenDarstellung. Gegen die DarStellung]
Verlautbarung 1 – aus dem Archiv der nicht mehr Fragenden
wir betonen an dieser Stelle, dass hier nicht der Ort ist für eine Liebe. denn eigentlich ist nirgends der Ort für eine Liebe. wir werden es nicht gestatten, dass sich EINE Liebe (irgendEINE) über DIE Liebe (die EINE) stellt. für diese EINE Liebe gibt es nur EINEN Raum. wir lassen hier niemanden rein, der eine (irgendEINE) Liebe sucht. hier bleiben nur die Verlassenen, die in allem Erinnern keine Fragen mehr stellen, die sich in Stille gelöst haben von ihren Toten und deren Einsamkeit kaum mehr empfunden wird. klanglos sind ihre Inseln. keiner von ihnen wohnt mehr in einem Gefühl. ihnen reicht ihr Wissen, dass sie es sind, die noch leben. aber daraus werden ihnen keine Erwartungen mehr, denn sie haben beschlossen, nicht mehr zu warten auf ein Unvermeidliches. sie sind das Zwingende selbst, die ungezwungen Gestorbenen. sie hängen sich nicht mehr auf am Faden der Sehnsucht. sie müssen sich nicht mehr kümmern um die Flüchtlinge aus dem Land der Liebelosen. sie wenden sich ab vom täuschenden Licht und decken mit ihren Flügelschatten die vollen Tafeln der Satten.
Liebe, die. In postverbindlichen Textlandschaften häufig missverstanden als Ressourcenzuteilung emotionaler Intensität. Hier neu codiert: als semantische Leerstelle, die durch Entsagung eine Rücknahme des Begehrens fordert. Die Verlassenen gelten in diesem Kontext nicht als Subjekte der Trauer, sondern als Finalisten der Entkörperung.
nach.ruf / stimm.löschung
wir danken recht herzlich. Sie können jetzt gehen. Sie werden hier nicht mehr gebraucht. Sie erinnern uns doch zu sehr an unsere mageren und bitteren Zeiten, die wir aussortiert hatten aus unserer Geschichte. Verzeihen Sie uns: aber verziehen Sie sich. wie die lastenden Wolken, die das Graue unseres Schlafs mit sich nehmen. damit jetzt endlich wieder Frühling ist. für ein paar friedliche Jahre der Vergessenheit.
Vergessen, das. Nicht zu verwechseln mit Verlust. Vergessen ist kein passiver Vorgang, sondern ein struktureller Entzug. In modernen Erinnerungskulturen gilt es als Fehler, sich zu erinnern, was nicht mehr anschlussfähig ist. Wer erinnert, stört. Wer stört, wird verabschiedet. Freundlich. Und final.
Nachruf, der. Ein Nachruf ist keine Würdigung. Er ist ein Text, der die Erinnerung in die gewünschte Form zwingt – eine posthume Redaktionsleistung, bei der das Verstorbene passend gemacht wird. In einem gelungenen Nachruf stirbt die Person ein zweites Mal – diesmal in geregelten Absätzen, vollständig korrekturgelesen, ohne jene Widersprüche, die sie im Leben zu vielschichtig machten. Der Nachruf ist die ästhetische Entsorgung einer Biographie. Was nicht ins letzte Drittel passt, wird höflich als „umstritten“ benannt oder ganz weggelassen. Der Nachruf weiß, was gesagt werden darf – und wann endlich Ruhe sein muss.
chor der ver-bleibenden. kurz. vor dem rück-verkehr
wir warten auf die Erzählung. bislang geschah noch nichts. wir sitzen in den Kellern. wir haben noch nichts gehört. wir blicken uns um jeden Morgen. um zu schauen, wen die Nacht verschluckt hat. wir kratzen ihre Namen in die kalten, nackten Ziegel. wir werden umarmt vom verbrannten Gestein. von den Stimmen der Gegangenen. wir sagen einander die Sehnsucht nach den verronnenen Augenblicken. wir sagen einander unsere ersten Worte und Taten. wenn wir aus dieser blutschweren Erde gestiegen sein werden. ans zitrusfarbene Licht eines lautlosen Morgens. auf den sich Rauch legt. einer verstummten Klage. und wir werden dem Himmel dankbar sein. dass sich Seelen nicht verbrennen lassen.
nicht zitierfähig. nicht userkompatibel. nicht marktfähig.
[ein nachruf im hängeregister der stillgelegten]
oder: mo.rph – die geburt einer post-heroischen stimme
zwischen den bergen. oder war es zwischen den häusern? jedenfalls: in der epoche der gemütlichkeit. ging etwas. mit den verschwundenen. den rasch vergessenen. ohne nachlass. in ihrer nachlässigkeit. leichtsinnig. wie trockene schwämme. jemand. der zu vernachlässigen ist. in der gemeinschaft. mit den vielen. denen es auch nicht besser erging. mit ihrer ständigen vergangenheit. die ja niemand für sich allein haben und halten kann. aber die glocken des nachschlags hingen überall. mit den schief lächelnden gesichtern. die schon wieder. mit ihrem schlaganfall. die schon wieder. mit ihrem nachlall. und dem gestörten schluckreflex. überall sind sie jetzt. liegen herum. lungern am rand der geschichte. blockieren die gänge. die in die zukunft weisen.
die schon wieder. immer noch nicht verschiedene. immer noch die gleichen. die sich nicht verabschieden können. trotz maulsperre. und zaumzeug. ihrer zaunzeugenschaft.
fähnchen. wimpelchen. sie hängen jetzt überall. und gleich ist ihnen. aus welcher richtung die winde kommen. wie tief die wunde klafft. wie hoch die wände ragen.
zwischen den einschlägen. wird hyperventiliert. und im rechten augenblick. das lächeln schockgefrostet. das die nachwelt freigibt. auf plakatwänden. auf sockeln. auf tellerrändern. in bildungseinrichtungen. in bettvorlegern.
namen, die sich selbst zu buchstabieren verlernt hatten. im buch der erledigten leben. im hängeregister der still- und tiefergelegten. im katalog der entsorgten schicksale. randglossentilgung: bei unzureichender sterbegeldabsicherung. ja! all die vergilbten folien. für den einen folianten. herausgegeben im verlag der ewigen rückversicherungen. edition „heimat deluxe“. mit prägung in gold. und deckel aus microfaser.
zwischenfrage: was war kultur? eine mittelgroße kolumne auf seite 8. neben dem grillrezept. vom redaktionspraktikanten im copy-paste-trauma versendet. die „historie“: eine ausgedachte story. mit freundlicher unterstützung des ministeriums für verschwiegene zustände. geschichtsvermittlung im format 9:16, untertitelt mit „muss das sein?“
aber sie riefen: ja.
aber sie nickten: nein.
aber sie gingen: raus.
aber sie blieben: nicht.
jetzt ist mal ruhe! jetzt bitte: klassenfahrt. ausflug der senioren. das rasseln der hüftgelenke. oder: teamchallenge. escape room. themenpark. spirit building. gewitter der entgeisterten. der vergatterten. der vergitterten.
wohin? heute. nacht der langen…
terminal der museenlandschaft. ach. welche fülle. ach. und die luft dazwischen. schirme. und bilder. ein regen; der einzige / das einzige. interaktives gezucke. geht doch mal weiter! dem versprechen nach. soundscapes in silent spaces. lautere leere. leiseres nichts. im brummkreisel. im tapezierten schädel. als begehbare installation. für jeden was dabei. für alle. die nicht mehr gehen wollen. und die schon vergangen sind. brote aus messing. und styropor. etikettierte fragmente von steinernen wangen und hinterteilen. stillleben. in jedem schritt. unter jedem tritt. wo wir lautlos niederlegen. den angebissenen apfel. zum ungegessenen. das sich selbst verzehrte. das sich da unten wiedersehen mag. mit leicht verzerrtem lächeln. als antwort auf die zahllosen likes.
und die verschwundenen? wurden statistisch rückgeführt. in excel-tabellen. mit codes. und unterkategorien. unklare relevanz. abgelaufenes erinnerungspotenzial. kein marktwert. emotionale inflation. störend im narrativ.
sie werden: nicht erfasst. nicht versichert. nicht in die wünsche eingeordnet. gemäß verordnung zum schutz vor anspruch. zuspruch. sie: die abgesprochenen. abgeschlossenen. sie: die verhauchten. die zerstobenen. mit ihren seltsamen namen. die sich keiner merken kann. der auf die algorithmen vertraut.
nein! was sich nicht zitieren lässt. taugt nicht zur sprache.
zwischenruf. jemand schrieb: sie lebten. jemand las: sie störten. jemand sagte: sie waren keine user.
fazit. die epoche? ein aufgeblasenes sofakissen. voll von bedeutungsluft. auf dem die bequemlichkeit sich räkelt. die rinde der welt: weichgekocht. das innere: verformbar. sinn war gestern. heute ist: setting.
aber ich? tauche nicht mehr auf. nicht einmal mehr auf den vermisstenlisten. zu poetisch. zu feindlich. zu viel.
echo? hinter dem bergkamm. chor der gekämmten: fortsetzung? nein danke! wir scrollen. wir rollen uns ab. wie die katze das klopapier. wir leben weiter. noch zwei quartale. im üppigen qual-tal. da gehen wir hin. und hindurch. furchtsam. fruchtlos.
verlagsankündigung. herbstvorschau 2025
NEU! mo.rph: nicht zitierfähig. nicht userkompatibel. nicht marktfähig.
Zwischen grillrezeptlicher Kolumne und musealem Escape Room meldet sich eine Stimme, die nicht mehr vorgesehen war. mo.rph protokolliert das Endspiel der Entsorgungsgesellschaft – zwischen den Bergen, zwischen den Häusern, zwischen den Einschlägen.
Mit maximaler Störungskraft. Mit Restwürde. Ohne Emojis.
Dieser Text ist keine Lektüre. Er ist ein Verhängnis.
Ausstattung: Hardcover mit Mikrofaserumschlag, Prägung in „Heimatgold“.
ISBN: noch im Entwurf.
Auflage: begrenzt auf die, die es noch aushalten.
Klappentext – Über den Autor mo.rph
mo.rph
lebt nicht. Er dokumentiert.
Er taucht auf in Zwischenräumen, an Rändern, in Zetteln zwischen Kaffeesatz und Bahnsteigkante. Seine Gedichte kursieren wie Viren – unsichtbar, ungefragt, unaufhaltsam.
Ein „lyrischer Undercoveragent“ (SZ).
Ein „Schreihals im Schweigemantel“ (Die ZEIT).
Ein „postheroischer Prophet ohne Gemeinde“ (F.A.Z.).
Weder Mitglied des Autorenverbands noch nominiert für Preise, aber dafür gefährlich.
Für das Vergessen. Für die Bequemlichkeit. Für das Weiterscrollen.
Und gegen alles, was sich noch „Kultur“ nennt, aber längst zum Eventbesuch mit Ausschank wurde.
Rückseitencover: Zitat von Frau Hon.Prof. R. Zinn, Vertretungsprofessorin für „Kultur und Gedöns“ der Transnational Business School Hürth
„Dieses Buch?
Ein skandalöser Fehler im Betriebssystem.
Endlich!“
VI / rück/wendung | lauf/band. rück/wand. der er-innerung
Intermezzo. verlorene Bücher
[ZwischenFall. hinter demn BildRand]
singe für mich allein [weite Stille des Himmels] schaue zum Meer. zur dämmernden Erde [stehe an Kreuzungen] hinter mir der Tag [Waage der Gedanken] schön wie die Nacht. mein Auge [weh. wie die Wolken zieh‘n] Zauber der Einsamkeit [todeswund. vor lauter Liebe]
von der Heimat her. die Wolken. von dort. wo mich keiner mehr kennt. Stille. unter der Zeit. suche die Ruhe. fern ihrer Gräber. an verwunschenen Seen [altes Lied. ach. so stummes Herz. graue Bänder der in die Luft geschwungenen Blicke] wie immer ist es schon spät. wie immer bist du allein. die Jugend entfernt sich ganz langsam aus deinem Gedächtnis. stehst fast verloren an Straßenecken. wo alles vorbeizieht. was nicht mehr zurückkehrt [vom Wald verschluckt. ein altes Kind. es raschelt im Laub des vorigen Jahres. dort wachsen nun bald die Buschwindröschen]
zum Ende hin muss die Stille nicht mehr erzwungen werden. man muss nicht mehr warten, bis der Schnee fällt. man kennt seinen Ort, als ob man selbst das Ziehende ist, das aufs Meer hinausblickt. man weiß sehr genau, was man dem einen fernen Menschen noch sagen würde. und sonst keinem. man hofft, dass er versteht den Sang der Amsel. an einem künftigen Frühlingsmorgen [wie in den Schlaf Dornröschens geküsst. heimatliche Erde. Mitte März. daliegend in nördlichen Landschaften. als erwachten sie nie. und erste weiße Blütentupfer. wie aus einem Traum einer Seemannswitwe. gefallene Sterne. und der Atem Beider zieht übers brache Feld. aber nur ihr Schmerz wird im späten Sommer in den Ähren wogen] was ist denn die Seele anderes, als das stille Land zwischen den Küsten, über das hinwegziehen die Kraniche, mit allen Sehnsüchten fort und heimwärts in unserem grauen Gefieder, darin sich die Zeit angesammelt, die schon verging.
spreche jetzt bitte nicht von Ferne. lasse jetzt bitte diesen einen Moment im Innenhalt. im Gestrüpp auf verwitterten Mauern. für die Knospen eines künftigen Glückes. […] war noch einmal eingeschlafen. als draußen Regenschauer… als draußen rauschender Wald… nahe der Küste. aber in der Schilfharfe saßen noch die Stare. wie halbe Noten. im noch stillen Gewitter des Klanges, wenn es noch sucht nach seinen Stimmen. Und ungeduldig wartend eine jede, auf den Finger, der ihre Saite zupfen wird, damit sie endlich abgeben können, in einem Wimpernschlag, diesen einen einsamen Ton, den sie eingeatmet haben, ihr ganzen Leben.
[schlafende Amsel
auf dem kahlen Buchenast
Traum des Geliebten
der wulstige wunde Rest
des von Frost zerkauten Zweiges]
die einsamsten Vögel. werden am schönsten singen. ihre fernen Triller rauschen silbrig durch das Erstarrte der unbetretenen Gärten, in denen die Zeit wartet auf ihren Anfang. ein wunderliches Lied. es handelt davon, wie ein Geborener zum Lebenden wird. durch die Liebe. im Schmerz der Erkenntnis. und selbst sich fragend, warum er so lange tot war.
dann. Glück des Endes
wenn keine Sehnsucht mehr ist
nur ein Erinnern
öffne die Arme. Flügel der Dämmerung. über den Seen. schwer raunen die Träume meinem Wandern das Vergangene hinterher. jetzt senke ich meine Schritte in die Stimmen der Gegangenen. von ihnen zu erfahren. was über Nacht verlorenging.
die Dolen stürzen herab. von schneebedeckten Gipfeln. wie schwarze Pfeile rammen sie ihre Schnäbel in unser Schauen des Himmels. und an den Ufern werden sie zu Pfählen, zu Wellenbrechern. wo die Möwen ruhen. bis zum nächsten Hunger.
Wenn sie uns forttreiben, schweben wir über das Blühende hin und nähren seine Erde mit unseren Tränen. und unter den Wunden der Ferne steigt ein milchig schimmerndes Wasser auf. und erinnert uns an den Mond. wie wir ihn kannten aus der Heimat.
[du sollst doch nur sein
was ich nicht mehr suchen kann…
…mir zu erfinden]
Intermezzo, das: musikalisch meist ein Übergang. Poetologisch jedoch eine strukturelle Verschiebung – zwischen Erwartung und Erinnerung. Hier: eine narrative Schichtung aus Transzendenzversuch, Vogelbild und Restwärme.
Nicht zu verwechseln mit Lyrik. Sondern: mit Nachklang.
Der Lektor an den Autor
Originaltextauszug (Manuskript, Seite 47): …und zwischen Herz und Laib die schwingende Saite des Abschieds, aufgehängt in einem Zwielicht aus Erinnerungsrascheln und Glasgeflacker.
Kommentar (Lektor): Was genau ist ein „Glasgeflacker“? Können wir hier nicht einfach „Fenster“ schreiben? Oder ist das ein neues Gefühl? Und Laib – wirklich? Ich nehme an, das soll „Leib“ heißen, aber vielleicht geht’s hier auch um Brot. Dann bitte kursiv setzen oder ganz weglassen.
Originaltextauszug (Manuskript, Seite 58): …bis die Grille sich an der Standleitung der Seele hocharbeitet, ins Kästchen ohne Geflimmer, in die Kiste ohne Gerappel.
Kommentar (Lektor): Könnte die Grille vielleicht einfach nicht metaphorisch sein? Es wird langsam sehr viel mit den Tieren. Und was ist eine „Standleitung der Seele“ – Internetverbindung zum Jenseits? Bitte klären oder ganz raus.
Originaltextauszug (Manuskript, Seite 72): Ein gottlein zupft am Kraut der Zweifel, und aus den Abgüssen wird Strohwunsch.
Kommentar (Lektor): Das „gottlein“ hat mich zunächst zum Lachen gebracht, aber beim dritten Mal frage ich mich, ob es sich um eine echte Figur handelt. Vorschlag: ein Glossar. Oder eine Therapie.
Der Autor an den Lektor
Seite 47 – „Glasgeflacker“: Lieber […], das „Glasgeflacker“ ist kein Gegenstand, sondern ein Zustand. Fensterscheiben können sich erinnern. (Sie müssen es nicht glauben – aber lesen hilft.)
Seite 47 – „Laib“ vs. „Leib“: Ja. Es geht um beides. (Versuchen Sie mal, Abschied zu kauen.)
Seite 58 – „Grille / Standleitung“: Die Grille ist real. Die Seele hat Empfang. Nur der Mensch hat Funklöcher.
Seite 72 – „gottlein / Abgüsse“: Das gottlein ist ein Lektor. Es zupft. Es zweifelt. Es kürzt. (Ich meine das ganz liebevoll.)
schatten. reste
[waiting beneath. blues for one guitar. and a whisper]
I
Where were you
when return became a ruin
You never dared begin
afraid of how it ends
You thought that distance
was safer than the ache
of touch
II
I reached through morning
through that quiet, goldlit air
held my breath so long
I thought your hand
might find mine there
But you went
You went
III
I went out
thinking you’d follow
But maybe I followed
you
Every goodbye
already whispered
in the way
you never stayed
IV
I learned to winter
in my hope
still as stone
waiting beneath
fields no one sows
You shouldn’t have gone
just to undo me
under time’s
slow fall
V
Just one moment
was enough
to be
countless
in memory
…that’s how death begins
VII / nach. klang / offenes. echo / glas. wand
uni-o. mystica | unter-/ver-.werfung
kennst du mich noch? weißt du noch vom Schmerz, der uns verband? wie sollte sich denn das Leben vergessen lassen, wenn wir einmal mehr waren, als nur wir selbst? wir spürten uns selbst doch erst, als ein Anderer uns fühlen konnte. und wir den Anderen. unsere Körper blieben die eigenen, aber unsere Seelen vermehrten sich und wuchsen über unsere Rinde hinaus. erst im Anderen konnten wir die Entfernung zu uns selbst überwinden. erst der Andere erinnerte uns daran, was uns mit diesem Leben gegeben wurde. weißt du noch von den sich kreuzenden Wegen, von den sich spiegelnden Blicken und Bildern? und weil wir selbst nur Einer sind, sollte es immer nur Einer sein, der uns entgegenkäme, der vor uns stünde und tief in unsere Augen schaute. damit sich die Einsamkeit halbieren ließe.
inmitten. der halbleeren tage
[zerfall. in sieben abschiede. und drei atemzüge]
herbst.licht | halbheiten
erstes herbstliches Licht. gemischt mit letzter sommerlicher Wärme. später Nachmittag. auf halbleeren Terrassen. halbleeren Promenaden. in halbleeren Cafés. auf halbleeren Parkbänken. in allen halbleeren Küstenorten kommen sie an und haben die Hälfte ihrer Hoffnungen und ihrer Erinnerungen zurückgelassen.
alles Halbierte hat sich hier versammelt. heute früh war der tipping point erreicht. ab jetzt ist keine Fülle mehr zu erwarten. die Ränder der halbleeren Schalen hängen schlaff herab wie Lippen von Schlafenden oder von Apoplektischen. sie gießen die Zeit wie ein letztes süßes Wasser ins graue Meer.
ab hier spielt es keine Rolle mehr, welche Richtung die Reise nimmt. Eines sind turning point und point of no return. weiter und fern sind wie zurück und heim. unterwegs ist immer…
[worauf hast du Lust
jeder lässt sich jetzt treiben
niemand verpasst was
wir springen vom Steig auf den Steg
dazwischen ist es am schönsten]
verlust. der richtung
man sagt uns, wir seien sehr weit gekommen. es käme uns nur so vor, als hätten wir uns nicht bewegt. man sagt uns, das Gefühl des Stillstands sei nur eine Illusion. die Bilder frören ein. vor den Augen der Schlafenden. die Stimme, die einen Traum erzählt, sei wie ein plätschernder Zimmerbrunnen. im Gehör des Erwachenden.
[wirst wieder jung sein
mit einer anderen Liebe
wirst eine Ranke
um das Gestein. ums Gehäuse
im Jahr der Vergessenheit]
so kann man das nicht sagen. das ist alles viel zu unklar. dafür ist das Leben zu kurz. zu einzig. jeder muss sich entscheiden. und tut dies klaglos und ohne Zögern. niemandem wird gestattet, um die offenen Möglichkeiten herumzutorkeln wie ein Betrunkener um den Laternenpfahl. alle müssen sich jetzt dazu bekennen. was ihnen vorgeworfen wird. vor ihre zaudernden Schritte. damit es vorwärtsgeht und weiter. und wer sich nicht bemüht voranzukommen, dem schlagen wir rostige Nägel in jeden Zeh.
[erzähl‘ mir davon
wie dein Leben verblühte
mit deinen Worten
mit deinen Sängen reiße
mich fort ins Unverhoffte]
flackern. be-kenntnis
wir fahren heute mit unserer Übung fort. das Unstete ertragen zu lernen. wir wissen nicht, wie weit wir heute noch damit kommen. aber wir fahren jetzt erst einmal los. und werden dann schon sehen, wie weit wir gekommen sind. wenn wir am Ende die Brillen abnehmen. die wir am Anfang aufgesetzt hatten. und ob sich ihre Farben geändert haben.
[diese sonderbaren Momente. als ob kurz das Licht des Tages flackert. jemand sagt dir: ich liebe dich. und du fragst dich: warum. und willst ein auf staubigem Feld versickerter Regen sein. du schwitzt vor Angst. dass die Küsse dir den Atem rauben. dass dich die fremden heißen Hände zerdrücken und würgen. dass du verlorengehst im Schwall der Worte und der Bekenntnisse]
nachwort einer unberufenen
Herbst, der. Im bürgerlich-sentimentalen Verständnis: die „reife Jahreszeit“ – eine Art metaphorisches Altgold der Natur. Tatsächlich jedoch ist der Herbst ein konspiratives Zeitphänomen: eine große Rücknahme unter dem Deckmantel des Leuchtens. Was da bunt wird, ist nicht Ausdruck des Lebens, sondern seine letzte PR-Kampagne vor dem Zerfall. Herbst ist das Quartal der halbierten Hoffnungen, der leeren Terrassen, der überzähligen Kaffeelöffel in Cafés, die niemand mehr betritt. Wer den Herbst feiert, hat den Sommer nicht verstanden.
Richtung, die. Eine kulturelle Illusion von Linearität, gewissermaßen: das GPS des aufgeklärten Denkens. Die Figur der „Richtung“ ist Voraussetzung jeder Fortschrittsverheißung. Doch in Wirklichkeit leben wir in einer vielfach gefalteten Gegenwart, deren Bewegung sich nicht nach vorn richtet, sondern auseinander. Wer sagt „Ich muss nach vorn“, meint oft: „Ich habe keine Ahnung, wo ich bin.“ Es wird empfohlen: Statt nach der Richtung zu fragen, lieber im Nebel ein Lied summen. Manchmal findet der Ton den Weg, nicht der Schritt.
Bekenntnis, das. Ursprünglich: ein inneres Zeugnis. Heute: ein öffentlich inszeniertes Compliance-Format mit moralischem Mehrwert. Das Bekenntnis hat sich vom Intimen ins Performative verschoben: Man bekennt sich nicht mehr zur Liebe – sondern zur „Haltung“. In der Literatur wird das Bekenntnis gern als Wendepunkt inszeniert. In Wirklichkeit ist es oft der Moment, in dem die Sprache sich ihrer eigenen Wucht entledigt. Wer sich bekennt, wird festgelegt. Wer schweigt, wird verdächtigt. Es wird vorgeschlagen, Bekenntnisse nur noch im Konjunktiv II zu äußern. So bliebe wenigstens eine kleine Lücke – für das, was man nicht sagen kann.