I
Laubname | sie gingen vorbei
Sandname | an den Stränden
Schattenname | sie gingen verloren
im Schilfgras
irgendwann
vergaß sich ihr Schmerz
irgendwo
musste sein Licht
in ihre Spuren gefallen sein

II
die Schlüssel verloren
Traum vom verlegten Terminkalender
weil Schnee fiel zu Ostern
das Eis am Rande der Seen noch nicht zerstoßen
alles wartet erschöpft auf den Frühling
alles will dahinter die Wege sehen
aller Welt
[…]
kehrte den irdischen Tälern den Rücken
frierend zwischen Fels und Morgenrot
konnte die Augen kaum offen halten
sah meinen Namen aus einer Wolke regnen
auf kahle Äcker
war jetzt schon sehr weit entfernt
vom Rufen des Kuckucks
hatte eine Steinhaut unter dem Rauschen des Windes
dann schloss ich die Augen
und sah ein Bild
das ich nie vergessen konnte
der Bogen des Mondes zwischen zwei Gipfeln
sah meine Aufgabe
hörte die Stimmen der Föhren
wusste dass ich nirgendwo bleiben kann
wo das Träumen unfortgesetzt bliebe
moosbewachsene Hand
das Ende, das sich nicht weiterschöpft
als blickte einfach niemand über seine Kante hinaus
und verblüfft, wenn so ein Kindskopf plötzlich über die Mauer lugt
kein Mond
keine Wolke
kein Gewölk
sein Licht zu Streifen ziehend
nur ein menschliches Gesicht
schaut in den geheimen Garten
zum ersten Mal
und es sieht an den Halmen und Zweigen
Tau wie Lichttropfen in den Wimpern des Geliebten
der noch schlafend neben ihm liegt
und trotz der ersten Zitronenfalter
die an diesem frühen Morgen schon zwischen den Hecken flattern
hat er nun für einen kurzen Moment das Gefühl einer fernen Trauer
und sieht sich und ihn dahingegangen ohne richtigen Abschied
angekommen an einem einsamen Ufer und wie dorthin verstoßen
und auf sein Gesicht fallen die Verse und Lieder
aber den Passanten ist es nur Laub des ziehenden Jahres auf nassem Gestein
und das Letzte was er hört
sind ihre hastigen Schritte
fast wie ein Plätschern des Baches
an dem sie beide zuletzt gesessen hatten
III
die toten Engel
[Diktat von PC]
Schnee in ihren Händen
[letzter Brief von IB]
zu Nestern geflochtene Haare
Warte einer verfehlten Jugend
für sie, die zu viel über das Mögliche schrieb
für ihn, der ihr zu viel versprach
[…]
[heimlich aufgezeichnet
als sie beim Leichentrunk saßen
starr vor dem Trauerbrot
um ihre Reue zu essen]
[…]
irgendwo dort in der Menge
verbirgt sich Gott
bleibe nah beim Schilf
nicht zu versäumen die wolkigen Finger
in den Saiten der Harfe
der Wald gab uns die Angst
als das Erbe der Kindheit
wir sahen die Schiffe
an Fäden des Horizonts gezogen
wir wussten damals schon
wo wir sterben werden
doch nicht jedem von uns
tönte die Tiefe in einem glaubhafteren Trost
als dem großmütterlichen
den Allermeisten von uns
spannten sich schaukelnde Pfade
aus sprödem Haar geflochten
von Dunkel zu Dunkel
und schließlich
als wir die Bühne betraten
die schrundigen Fugen der Welt
zwischen den Bohlen morscher Stege
mit Flöten und Pergament gestopft
dass der einsame Sprung ins Leben
noch vor Ablauf der Zeit gelingt
IV
da ist jetzt niemand mehr
da sind die Echos verhallt
da hört keiner mehr zu
da ist alles verschwunden
unter dem Funkeln des Wassers
da ruft einer noch
der ins Nichts getreten ist
von oben sah es nur aus wie eine Pfütze
er kann sich wieder an die alten Lieder erinnern
doch im Leeren gibt es keinen Klang
aber hier ist ja alles so ewig
hier kann er nicht an sein Ende gelangen
hier wird es nie etwas anderes geben
als eine unwandelbare, unwendbare
Unendlichkeit
in einem immer gleichen unbewegten
Augenblick
kein anderer kann hier sein als er
er und die uferlosen Spiegelungen seiner selbst
in den Wänden um ihn herum
schattenlose Bilder von ihm
die sich ins Endlose fächern
er hat jetzt Ohren und Lider aus Laub
dennoch scheint es ihm so
als riefen ihm unzählige Gesichter zu
doch endlich wieder aufzutauchen
denn er war ja jetzt schon so lange in der Tiefe
sie gehen zumindest davon aus
dass er in der Tiefe sei
während er selbst annimmt
dass das hier die Höhe ist
aber natürlich ist eines wie das andere
denn hier sind alle zu Kopffüßlern geworden
und haben sich den Weg verkürzt
vom Gedanken zum Schritt
und obwohl die Zeit hier so viel Platz hätte
bleibt ihm nun keine mehr
denn sie hat den Raum überfüllt mit Vergangenheit
alles was er war
was um ihn herum war
drängt sich
drängt ihn
zusammen wie in einem unendlichen Strohhalm
mit dem Christus sein Seligstes
aus den verlorenen Träumen zieht
V
das Boot
vor den Ufern
Barke des Morgens
aus dem Nebel gezogen
und fast versäumt seine Ankunft
kaum fähig zur Freude
vor lauter Erschöpfung
zu suchen
Inseln des Sterbens
weil es waren
Inseln der Geburt
doch dort war
zu kurzer Aufenthalt
und auf gefrorenen Boden
tropften die Seelen
Verlorenes zu erinnern
VI
wohin das Schweigen
tropft | woher sich aufdrängt
die haltlose Stille
es wird gehört sein
alles Verschwiegene
es wird unerhört sein
das nicht Gesagte
[…]
wie schütter die Haut im Licht
das das Laub zum Leuchten bringt
und das Träumen
wie verdünnter Klang
je ferner die Ufer der Geflohenen
sie nahmen die Hoffnung mit sich
und konnten doch selbst nicht anders sein
an anderen Orten
sie liegen wie Gestein in der Brandung
und schieben die Zeit des Wartens
zwischen die Laken ihrer Schatten
darin gespiegelt zugleich
was die Kommenden erwarten dürfen
VII
auf der vorletzten
Stunde | Staub
weiß nicht
woher ich komme
weiß nicht
von welcher Fremde man spricht
Wasser des Sees
schimmert die Haut
Pollengewölk sind die Schritte
unter dem Aufprall der Regentropfen
man hat sich geschmückt
für die Heimkehr eines Anderen
schlief die Nacht auf der Treppe
als mir ein Gras wuchs am Abhang des Traumes
jedes Wort
ist ein Stein
der sich die Kehle
hinunterschiebt
aber von mir ging die Rede nicht
doch hatte ich etwas ins Glas der Fenster gehaucht
die Sätze wurden zu Knoten in Taschentüchern
dass ich mich noch erinnern würde
woran ich geglaubt
als ich fortgehen musste
bin noch allein
das letzte Viertel
bin ein Halm in der Asche
Finger der sich verbinden will
mit dem zergehenden Faden des Himmels
nicht sehr viel Zeit
ist um den verwitterten Rand meines Mundes
neben dem Schlaf liegt das Fernste und Älteste
und hat noch den Anschein des gestrigen Abends
als ich die Jugend verließ
ach
wenn ich wüsste
wo
mein Herz jetzt schlägt
ging
ich die letzte Stunde
hinaus
und sammelte Akelei
VIII
[…]
habe nicht vergessen
wie gut du warst
wie die Zeit
durch dein Schweigen floss
und ihr Gewicht verlor
und ohne dass ich haltlos weiterziehen müsste
auch wenn ich allein durch das Feuer gegangen sein werde
und der Schlüssel in den Abgrund fiel
und schmolz in der Glut
kann ich doch nicht mehr verloren gehen
in den freien Landschaften
hinter den zerbrochenen Toren
gehe ich manchmal auch
allein und traurig
an den Gräbern vorbei
und kenne den Ort nicht
meines Endes
und spüre zugleich
dass sich der Engel nähert
der mich in Fernen suchte
der sich nach Ankunft sehnte
wartend auf der Insel
wo meine Zeit ihren Ausgang hat
IX
Hauch | der durchdringt
die Haut
das Glas
das Gestein
in dem das Begehren ruht
vor dem Erwachen
dem Aufbruch
dem Wachstum
der Atem | spät entdeckt
und glücklich
das Kind noch wachsen zu sehen
vor der letzten Ankunft
wenn das Verborgene
nicht länger geheim bleiben kann
wo seine Ruhe
andere Räume öffnete
unter der lichtschimmernden Rinde des Wassers
wohin sich zurückzog
das Allermeiste der Erinnerung
und nur sehr wenig drang nach oben
tauchte auf für kurze Augenblicke
in denen das Vergängliche
dem Ewigen begegnen wollte
und mehr noch
das Ewige suchte
nach dem Vergänglichen
weil es erfahren wollte
was Schmerz bedeutet
weil es davon gehört hatte
wie schön sein sollen
Regen und Frost auf gefallenem Laub
es wollte hinaus
in der Hoffnung
dass ihm nichts mehr entging
dass ihm etwas entgegenging
etwas
das ihm ins Auge blickte
durch die Fugen der Zeit hindurch
etwas
das seine Hand ergriff
durch die Leere seines Greifens
etwas
das nur sein Herz begreifen könnte
sei es davon ergriffen
und wäre es nur der ferne Wunsch der Bleibe
in der einsamen Kammer seiner Zeitlichkeit
auch wenn es nicht bleiben könnte
im Sehnen danach
verschenkt zu sein
ans Unvergängliche
damit in allem Ungesagten
seine Stimme zu finden sei
und die Wege hinaus
in ihrer Beschwerlichkeit
eine Folge von Berührungen wären
als steigende Zahl von Schritten
wie wachsende Haut
um das Nichts
das ihn unsichtbar machte
X
[für A.A.G.]
es ist lange her
es könnte wieder beginnen
plötzlich und unerwartet
wie der Tod
es könnte eine Ankunft geben
oder eine Abfahrt
du könntest einen Wunsch äußern
inmitten völliger Windstille
es könnte sein
dass die Pforten offen stehen
nichts würde sich bewegen
weil alles auf deine Bewegung wartet
aber du spürtest
wie die Zeit vergeht in dir
und wie du vergehst in ihr
etwas will sich dir nähern
etwas
dem du dich nähern willst
dafür
müsstest du dich aber von hier entfernen
ohne zu fragen
wohin es geht
du müsstest die Taue lösen
ohne Angst davor
vielleicht nicht mehr zurückzukehren
[…]
sieh‘ nur
die Farben der Dämmerungen
die ich aus deinem Auge ziehe
an seidenen Fäden
mit denen ich Wünsche spinnen kann
XI
viel
fällt uns ein
zum Tod
mehr
als zum Leben
wir sehen
hinter dem Ufer
ein Ende der Schritte
das nicht enden will
wir wissen
von einer Seite
die uns dunkel bleibt
von einer Zeit
die sich in uns teilt
die sich uns mitteilt
sobald sie vergangen ist
wir sehen Wasser
ohne Brücken und Stege
und halbe Strecken dorthin
überspült von Träumen
[…]
aber
solange gelebt wird
steht auf dem Spiel
das Leben selbst
und es gibt keinen Plan
für sein Ende
vielleicht also
lieben wir
um zeitig genug
etwas Einziges zu betrauern
XII
gehe zur Quelle
dein Atem ruht
unter den Steinen
er kann sich nicht mehr zurückhalten
er fließt dir nach
durch jede Dürre
selbst noch die Stufen hinauf
Hauch
der den Klang sucht
und für den Klang eine Wohnung
und für sich selbst
einen Namen
der in ihn zurückfließen kann
die Wege über die Flüsse hinweg
[…]
der zurückkehrt
an einem Morgen
wenn der leise Schlaf
sich aufzulösen beginnt
wenn es der Wartende
selbst noch nicht weiß
auf dem einsamen Lager
verlassener Inseln
und wenn er erwacht ist
und die Stille um ihn herum
kann ja nur Frühling sein
ganz gleich zu welcher Jahreszeit
aufgebrochen sein wird
sein Herz
wie die nackte schwarze Erde
von Pflug und Egge
dass Platz hat ihr Durst
XIII
du kennst mich noch nicht
du hast mich noch nicht erkannt
du bist noch nicht herausgetreten
aus deiner Wunde
du kamst noch nicht zur Erde herab
um an einem anderen Ort
und in deiner Liebe
rastlos zu sein
hier kannst du dich
zum Geschenk machen
und musst nicht mehr einsam deine Gaben zählen
hier gibst du Schutz
und könntest selber Frieden finden
und Freuden
die nicht tot durch dein Fleisch kriechen
sondern noch im Abschied
das schaffende Licht des Geistes
im Gewebe deines Namens halten
und es ist ja nicht bedeutend
woher du kommen wirst
sondern dass es eine Ankunft gibt
für den Wandernden
dass du nicht fällst
wie aus allen Wolken
sondern aus einem Haus ins Freie hinaustrittst
und dass du nicht
wenn die Nacht begonnen hat
in ausgestorbenen Wäldern stehst
was soll dir übrigbleiben
wenn Norden ist
über- und überall
und Winter
die eine
nicht mehr veränderliche Zeit