Haikus

1

schöne Einsamkeit
Falbduft des Morgennebels
zwischen den Wänden

Dienstag ist Haiku-Tag. Ich will versuchen, mich daran zu halten. Dann also: bis nächste Woche. 🙂

beautiful solitude
falling scent of morning mist
between the walls

2

wo. deine Bleibe
Stimme des Windes im Schilfgras
Seele. namenlos…

where is thy abode
voice of the wind in the reed
soul. without thy name…

3

steinernes Käuzchen
Anfang der Räume im Klang
Weg deines Atems

owl. call from the stones
beginning of realms in sound
path of thy breathing

4

dann. Glück des Endes
wenn keine Sehnsucht mehr ist
nur ein Erinnern

then. joy of an ending
when there is no more longing
only remembering

5

du sollst doch nur sein
was ich nicht mehr suchen kann…
…mir zu erfinden

you only shall be
what I can no longer seek…
…to invent for myself

6

Leere der Fülle.
Ekel der Erinnerung.
Kind. Seele im Sprung

void of abundance.
nausea of memory.
child. thy leaping soul

7

das Floß treibt und treibt
von allen Ufern entfernt
bleibt nur die Trauer

the raft floats and floats
far away from all their shores
only grief remains

8

geh‘ mir Luft holen
doch dein Kuss wie ein Korken
auf meinem Atmen

go get me some air
yet your kiss is like a cork
on my breathing

9

Aug‘ auf den Wundern
misstrauend Vergänglichem
blind seiner Schönheit

10

Insel an Insel
vor den Augen der Liebenden
Meer. unbezwungen

12

Gras unter Kiefern
Windgesang steiler Ufer
wo ich sterben will

13

Ufer des Abschieds.
in der Hand des Windes. Licht.
morgen. Dunkle See

the shore of farewell.
in the hand of the wind. light.
tomorrow. dark sea

14

Wort letzter Sehnsucht
im Ohr des Ertrunkenen
Heimkehr. vor dem Tod

word of final longing
in the ear of the drowned
homecoming. before death

15

dann. wenn du aufwachst:
Einsamkeit der kahlen Felder.
wie ein Traum. der Tag

then. when you wake up:
solitude of the bare fields.
like a dream. the day

16

dreh dich zur Mauer
wo der Wein rankt und dir sagt
wann wieder Frühling ist

turn to the wall
where the vine grows and tells you
when it is spring again

17 [Variation | deine Seele. suchend nach der Leiter. in den Zweigen der Trauerweide | nach Heraklit]

anders ist der Fluss
den du verlässt, zurückzukehren
ans selbe Ufer.

changed, the river
that you are leaving, to return
to the same shore.

18 [Variation | Eumaios. hinter den Fenstern. sah die Wogen. sah die Wolken. Segel und Flügel. zu Sand zerdrücktes Gestein]

Schlag der Glocke. fiel
aus dem Licht des vollen Mondes
in ein trübes Wasser

toll of the bell. fell
out of a full moon’s light
into a troubled water

19 [Variation | sprang ins Wasser. schwappte über den Wannenrand. übermütig. über die Angst. hinaus]

aber als ich noch Wanderer war
ließ ich die Dinge ziehen
an mir vorbei

yet when I still was a wanderer
I let all things pass
past myself

20 [Variation | Sammlung der HoffnungsLose | Buchführung des Versäumten | … | Pünktchen Pünktchen | halb | mein Mondgesicht | halt | mich fest | Mutter. deine müden Weidenzweige]

Freitag. kamst nicht heim.
wollte dich bekochen. sprachst:
wir sehnen uns am Mittwoch wieder.

21 [Variation | Zeiger der Uhr | Schritte der sich Entfernenden | … | Vater | Morgana | Fatum | verfrüht | … | sahen nicht den felsigen Grund der Küste | vor lauter Schönheit des Meeressaums | … | bauten Hütten und Ställe | aus den zerbrochenen Schiffen]

Rohrdommel im Schilf
ihr Ruf: Knospen im Gehör
des gleich Erwachenden

22 [komplexe Poetik]

denk’ an ein Gefühl
setz‘ ihm ein Bild entgegen
schließlich: Verwandlung

23 – 25 [Drei Haiku-Variationen || bevor das Gras vergeht | Blick hinein | wenn du hinausschaust]

ferne Gewitter
der Schöpfende schont sich nicht
im Klang seiner Einsamkeit

still. ruft sein Gehör
wuchs mir ein Zweig aus der Hand
Furcht. sinkendes Licht

ein Halm. gebrochen
Felsen: legt euer Schauen
auf des Windes Spur

26 – 28 [prayāṇa | jñāna | utthāna || Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

prayāṇa

was stach dir ins Aug‘?
Nebel über den Ufern.
Spitze des Segels

jñāna

das Schweigen. der Verlassenen
Fremde vor ihrem Schatten.
sammelnd die Früchte des Lichts

utthāna

still. dein Augenblick.
Haut deiner Flügel aus Glas.
weht. draußen. ein Wind?

29 [Werkstatt I || Haiku-Variation || Auftrag: schreibe ein Gedicht über den Herbst in 20 Minuten | Antrag: auf mehr Zeit | Ertrag: am Ende wie immer ein Unvollendetes | Vertrag: mit dem Leben als einem Vergangenen]

um mein Warten
Saum des Versäumten
Nimbus: dem, der mich beginnt

30 [still beklommene endlose wiederkehr. winterluft. zerriebene stimmen der amseln. pollen der träume. der schläfen sandige fallen. auf den füßen des wanderers. der flüchtenden. niemanden getroffen. ein erster ton sucht sein gehör. irrend von klause zu klause. noch ohne namen. suchend die burg. unter den seen. zwischen den enden des lichts. im gewebe der dämmerungen. dort. wo das ziel wohnt. und das flehen um die rückkehr der zeit. in die wunde seite des hüters. die krone des schmerzes. zu fallendem laub. wenn die hände der betenden in die scheiben der fenster greifen. und die letzten zärtlichen finger die blütenblätter legen auf lidlose augen]

regen schließt mich ein
schatten des immer suchenden
nach dem wartenden herz

31 [ein mecklenburger im rheinland. meisterung der guten laune]

lustig hüpfen aus gelben blüten
die froschgesichtigen
lästig ist mir ihr lächeln

32 [allein/stehend]

[lobe die edle küste. weit entfernt. im gebiet der seelen. vor unseren blicken. himmel der ewigen dämmerung. pforte des mondes. tausendfach wechselnd. bei jedem aufschlag. der augen. laufe los. wenn gefallen. das erste wort. wenn aus dem schlaf gelöst. und traumlos verwandelt ins echo]

wachsen die ufer den treibenden booten zu?
frage nicht, freund.
wo du mich finden kannst…

33 [untilgbar. alle zeit]

sag du mir. was ich denke
dass ich erkennen kann
die wunde seele. die mich heilte

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