
2023.2.4 | Tag 17 der Erstarrung
es ist immer dieser Augenblick. der günstigste. doch du spürst nur sein Ende. und da steht die Frage: wann hat er begonnen? [das Warten dauert. die Zeit dehnt sich. wenn sie Dauer ist | unablässig kräht der Hahn. klingelt der Wecker | unentrinnbar dem Atmen. dem Fluss. dem Zug der Wolken | bin schon wieder ein Vergangener. noch einen Schritt tiefer. jetzt. in der Vergangenheit | aber man wird nie fertig. und das unendliche Male. wieder und wieder | dunkle Flügel wachsen. mit denen du gleiten willst. über die verlorene Steppe. vom Meer überflutet | Abgründe tun sich auf. über die kein Mensch mehr springen kann | was helfen die Bekenntnisse dem Entfernten. dem Verbannten. der seine Zunge verschluckte. samt aller göttlichen Worte. und in der Furcht versank | doch nur für ihn endete tödlich das Spiel. um die Wahrheit. um an fernen, leeren Ufern den Rest des einsamen Lebens über das Unveränderliche und das Nicht-Vergehende zu brüten. das ihm versprochen war] Fragment um Fragment habe ich gesammelt. und überhaupt. Haupt über Haupt. Masken zu tragen. wenn ich hinter den Fenstern stand. wenn ich hinunterblickte. auf den Friedhof der Großen. wo jetzt statt der Lieder der Amseln das Gekreisch der Papageien ertönt [alles vermehrt sich im Schlaf. bläht sich auf | sag doch. was sich in dir aufhält. was dich aufhält | du brauchst doch nichts mehr als einen letzten Schritt zu machen. in die Weite hinaus: da beginnt die Unendlichkeit. in die sich hineinbrennen die Sonnenwinde | ja. du hast alles erschaffen. auch das Erschöpfte. ja. du hast lange geschlafen. wie die Schlaffen. lasse dir sagen vom frischen, warmen Regen, der im Meer ertrinkt] hier aber sind jetzt alle Ärzte. auf der Suche nach den Kranken. und niemand ist mehr da, der ihnen sagen könnte von den fernen Dingen. und wohin ihre Seelen ausgewandert sind | sie haben sich verabredet. ab morgen rückwärts zu laufen. damit sich die Erde mal andersrum dreht. und die Tage beginnen mit dem Abend. dessen Land die Erde überziehen soll. mit ruhlosem Schlummer. weil das ewige Hoffen so müde macht.
2023.2.5 | Tag 18 der Erstarrung
siehst die Hungrigen. hörst die Sprachlosen. teilst die Einsamkeit. die sich nicht teilen lässt. ihre Blicke werden sich nicht mehr heben über die steinerne Schwere ihrer Füße hinaus.
du bist der Hirte der Schweine. du hast nie vergessen, was sie über die Schweine sagen. und über die Ställe. wende dich einfach um. da war das Ufer seiner baldigen Rückkehr. zehn Jahre lang. darüber der Himmel, der diesem Land seinen verspannten Rücken zeigt. er lässt sich massieren von den Schiffen, die durchfurchen das schwere Wasser, so alt und grau wie dein Haar. in seinen Spiegelungen quellen hervor deine Gedanken an die golden schimmernden Wege, die vom Ende her gegangen werden. du wirst der Rufende sein und der Gerufene. der Fremde, der die Fackel hält um der verlorenen Schatten willen.
aber wenn er die Dünen aufwärts schreitet, hältst du die Küste mit deinen wurzelnden Füßen, dass die Heimat, die er glücklich wiederfand, den Schritten des viel zu lange Geirrten nicht entgleitet und davonläuft wie die Zeit.
2023.2.14 | Tag 27 der Erstarrung
aber hast du etwas pflanzen können? was nicht verwelkt? und würde es nicht reicher noch im Vergehen? und brächten nicht reifere Früchte Trauer und Gedächtnis?
Klang der Stege. die schlafenden Möwen. die wartenden Boote. da sieht schon vor Sonnenaufgang der Besuchte seine Verlassenheit. in den grauen Schatten. auf zarten Wellen. auf dem feuchten Holz […] leere Klause. wenn er heimkehrt. auf den kahlen Stab gestützt. aber er ist gegangen. hat sich übersetzen lassen. als er schlief. wartet auf einen Fragenden. der noch wissen will. was alles in seinem Schweigen lag.
[Waka | Variation | Intermedium | hast dir nicht mehr zu helfen gewusst | wolltest kein Neues mehr versuchen | legtest dich zwischen Nacht und Dämmern | Ufer zu sein für einen | der in die Zeit zurückkehren wollte | doch schlüge dein Herz erst dann | wenn er seine Hand darauf legte] die süßen Gräser. auf den Gräbern der Namenlosen. sie klingen im Wind nicht anders als jene, die auf den Dünen wachsen und vom Salzigen tranken.
noch ist der Abend nicht gekommen. an dem du sagst: genug. und nicht mehr schließt die Vorhänge. abzuhalten das kalte Licht des vollen Mondes. ein Tag wird das sein, von dem Du am Ende noch wissen wirst, wie er begonnen hatte. das Verlorene wirst du noch einmal erinnern können. bevor es durch die Gewebe letzter Träume sickert. dir war es dennoch für einen Moment, als wolltest du ihnen zurufen: haltet mich fest, bevor die Flut kommt und das Ewige in den Furchen verschwindet und alle Geheimnisse ans Licht gedrückt werden und eine Haut sich legt um die gelassene Zeit und ein Gestein um jedes Wort, das du nicht mehr sagen konntest. da härten aus deine Schmerzen. und die Wangen lassen sich streicheln. vom Fluss eines tieferen Wassers.
2023.2.27 | Tag 40 der Erstarrung
du wirst aus seinem Gesicht ablesen können. die wahren Geschichten. die nicht erzählten. und du wirst erkennen: du warst der Verlassene. doch er war der Suchende. der dich nach aller Verlorenheit wiedererkennen wollte. du selbst warst es, der es hat dunkler und dunkler werden lassen. und weil du zu lang und tief geschlafen hattest, dachtest du, er hätte sich entfernt, ohne sich zu verabschieden. doch dann waren dir seine fernen Worte wie ein Murmeln von Wind und Gras. all die Jahre des Wartens hindurch. seine Träume näherten sich wieder deinen Gedanken. mit denen du fuhrst von Insel zu Insel. und seit du selbst nicht mehr gesungen hast, war es dir angenehm, die Augen zu schließen und das Laub säuseln zu lassen. halb sitzend, halb liegend auf mächtigen Wurzeln. Niedrigster, Einsamster du. allein mit deinem Gott. von dem sie sagten, er würde nie lächeln. doch du wusstest es besser. und hieltest die leeren Hände ihm hin.
der Rückweg führte durch die Nächte und die Dämmerungen. jeder Abend ein Anfang. ein erster Schritt. voranzukommen durch die Geschichte. durch alles Geröll. das die Sintflut hinterlassen hatte. zu wandern allein. durch vierzig Winter. und sieht ja alles so aus unter dem Schnee, als stünde es nie wieder auf. doch kräftiger alle Dinge der Natur. und fanden zurück in den Frühling jedes Jahr. und widerstanden der trügerischen Ruhe des Schlafes. denn es konnte ein wirkliches Schweigen ja erst entstehen nach dem Erwachen und dem Beginn der einen, tiefen Schau durch den Schmerz des Lichtes hindurch.
2023.2.28 | Tag 41 der Erstarrung
du hattest verstanden. jeder für sich. gegen jeden. gegen sich selbst.
an unseren Knochen. hängend. ein seltsam verwandeltes Haar. die kleinen Freuden. die über die Hügel gestiegen. in die Gärten Verpflanztes. Tröstliches. Namen. unter Sprockholz und Seetang. an uns. Auftrag. wie Bienen zu fliegen. ein aus Gras geflochtenes Haus. zu tragen. über Gebirgskämme. über Meere. den Inseln zu. bevor verbrennen die Blüten des Mutterkrauts.
du hattest verstanden. Wirbel des Sandes. Spiegel der Luft. Welt im Honiggestein. Wissen. das den Tod nicht nötig hat.
tauche wieder auf. frage. aber zweifle nicht mehr. fühle keine Sorge. und wenn du schon nicht laufen kannst über das Wasser. so erblicke darin. was es bezeugt.
2023.3.11 | Tag 52 der Erstarrung
du warst immer der Ältere.
worüber ihr nicht sprechen könnt. was wird euch wieder zusammenbringen? Schmerz oder Glück? oder Glück des Schmerzes?
er hört dich reden. wenn du die Küste auf- und abschreitest. die Wunden müssen offen liegen. dass die Wunder Platz haben darin. wenn die Stimmen ersterben. hinter den Schwellen der Zeit.
was tut man, wenn man wartet? man hat Gärten, mit ein wenig Glück. man könnte schreiben. über alles, was man denkt. und was nicht gesagt werden kann. man kann sich um die Kranken kümmern. oder den Vergesslichen ein paar Geheimnisse verraten. man kann die Wellen zählen, die in einer Stunde gegen die Dünen klatschen. man kann Plätzchen backen und sie verteilen in der Nachbarschaft. man kann voller Träume sein und lange schlafen, um sie zu vergessen. man kann alle unbeantworteten Fragen aufschreiben und in späteren Jahren schauen, ob sie sich erledigt haben. man stellt die Bepflanzung der Beete um, von Gemüse auf Blumen, damit das spazierende Volk statt Hunger ein paar Träumereien verspürt. aber man arbeitet nur nachts, denn der Gärtner will nicht gesichtet sein.
ob er noch weiß, dass du ihm immer gesagt hast, die Stille danach ist das eigentlich bedeutende Geräusch? und im Konzertsaal müsse man dem kadenzhungrigen Publikum das Klatschen verbieten, hast du ihm immer gesagt. und dass es hilfreicher wäre, man würde nach dem Orgasmus keine Fragen stellen, vor allem nicht, ob es schön war; gleich so, als fragte man einen Toten, ob ihn die Ewigkeit nicht langweile.
haltbarer sind die Verwundungen, hast du ihm immer gesagt, als die Verwunderungen. wie leicht machen die Menschen aus ein paar albern im Wind pfeifenden Küstenfelsen seelenfressende Sirenen. während ein ganz anderer Schmerz sie quält. unterhalb des Hörbaren.
du hast dich nie gefragt, wie angenehm dein Leben sein könne. auf einer hinter den Hecken versteckten Bank. sondern immer, wie anders es wäre mit ihm darin. jemand, der abends heimkommt, wenn du den letzten Tee aufgegossen hast. jemand, der auf dich wartet, wenn du selbst noch lange beschäftigt warst. jemand, mit dem sich keine Weile zu lang anfühlte und das Zeitliche nur insofern Bedeutung hätte, als es ein einmal Vergangenes sein wird, ein Unwiederbringliches, das nur den wahrhaft Liebenden mit einem Schmerz erfüllt, der jenem eines Schöpfers gleichen muss, wenn er sein Liebstes entlässt in die wilden Landschaften eines noch ungewissen Lebens.
2023.3.14 | Tag 55 der Erstarrung
Ablösung der Schatten. Einlösung der Versprechen. Auslösung der Schritte
wo der größte Teil verbracht. Tiefsee. Wurf der Blicke. durchs geschlossene Fenster. weil Winter. wieder. und wieder. die klaren Köpfe in den Sand. und die rieselnde Zeit durch die vereinsamten Momente. weil niemand hingesehen. zerplatzte Augen. Nadeln des Lichts
offene Landschaften sind etwas anderes als offene Fragen. hier sind die Erwartungen überflüssig. überquellend. ein Himmel ohne Wissen. um die Sünden. herum | freies Feld der Insel. sie zu umrunden. wann immer Bewegung vonnöten. und nicht mehr daran denken. nicht mehr denken. so gut wie möglich
nicht tragbar. nicht ertragbar. | gehen. vielleicht. ganz leicht.
2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung
ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.
schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.
hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.
Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.
draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.
deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.
niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.
2023.5.19 | Tag 43 der Wanderungen
er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.
2023.5.29 | Tag 45 der Wanderungen
vergesse den angstvollen Geist nicht. unter der Sonne der Freuden. denke an die Stunden der Erschöpfung. ins Dunkle der Gegenwart gehüllt. und draußen kein Wind. und die Stille des Winters. die Brüche in Klang und Licht. um sagen zu können, dass du gewesen bist, was du gewesen bist. vor der Namenlosigkeit. und daran erinnernd, was du gesehen hast. und wie es hätte aussehen können. vor der entglittenen Zeit.
2023.6.1 | Tag 46 der Wanderungen
lass dich fangen. die offenen Arme. wenige Stunden. rasch verronnene. spreche jetzt noch nicht aus, was du denkst. welche Blüten noch offen, die ganze Nacht. welche Gärten einsam und duftend, in der Sehnsucht nach Zartem. ja, hast jetzt schon lange gesessen, über den Büchern, die sie dir gaben, um in ihnen zu lesen, von ihm. und deren Seiten man dreht, wenn die Geschichte vom Ende her erzählt werden soll. und plötzlich ist dir, als läsest du laut, und Kinder lägen im Gras, ihr Kinn auf die Arme gestützt, und hörten dir zu und blickten auf deine Lippen, mit Augen wie von Mittagsblumen. sie wurden still über den Worten, als spürten sie einen geheimen Auftrag, ihr Sprechen über die Grenzen der Träume zu bringen, wo es dich Älteren hinzieht, um wieder klein zu sein, fragend, erfindend. ein mit allen Wesen der Zweige und Wurzeln und Gräser verflochtenes Leben, das feinerer Sinne bedarf und seine eigene Dauer hat.
2023.6.10 | Tag 109 der Erstarrung
du denkst jetzt aber nicht mehr darüber nach, was er gesucht haben könnte. in der Wanderschaft hat er gewohnt. so wie du im Warten. er hat sich geträumt, solange du in den Untergang deiner Sonne blicktest. sehr innig ist heute euer voneinander entferntes Denken. hin und her gehen die Träume. zwischen eurem Schlaf. zu ganz unterschiedlichen Zeiten. die Frühlinge zogen vorbei an euren Jahren. die Blüten blieben unberührt. und euer Atmen ist immer nah an der Quelle. wie der ruhende Fuß vor dem ersten Schritt. doch jetzt macht sich etwas auf, was die Boote nicht besteigen muss. und leben wird, weil es dem Tod folgte.
2023.8.10 | Tag 88 der Wanderungen
wohin gewiesen? solltest du nicht dort sein? wo sie das Licht noch ohne Brechung sehen? doch du siehst die Stimme nur. dessen. der so sprach… Traum vom wachenden Herzen. das alle Zeit hat. zu erzählen. oder zuzuhören. nächtelang… aber heute muss alles gepitcht werden. in max. 33s. und vom Gebell und Getöse sind die Allermeisten eh schon ertaubt… schaue zurück. ohne Rücksicht. sage. was immer du selbst hören musst… du bist nicht in Eile. die Eule bist du. im Tannengeäst. hoch über den Trümmern. doch ist nicht Erinnern die menschlichste Tat? goldene Tropfen Harz auf uralter Borke. Honigperlen in halbvollen Schüsseln Milch. Duft von kaltem Gestein… denke dich als geölter Blitz. Wald zu Wald. Küste zu Küste. sieh dich gebreitet. wie mit geölten Gliedern. nach dem Regen. der den Sand fortspülte. nach so langer Dürre. Waschung der Füße. durch einen Letzten. der bei dir blieb… wenn selbst die Steine rufen: lasst uns rasten! und ihre Poren öffnen. bis aber auch sie sehen. welche Wunden in die Haut der Sonne zu schlagen sind. für das bisschen Licht in den Winterhainen… doch jetzt ist dir ganz gleich, ob du im Wasser stehst. oder im Gras. Hauptsache: knietief. und dein Gehör wird durchströmt vom Klang der Wellen und des Windes. für fernere, dunklere Gesänge. pendelnd zwischen den Inseln. zu denen die Anderen aufbrachen. ohne Abschied zu nehmen… dann plötzlich. dir fielen ein. ganz neue Landschaften. wo das Laub die wunderlichsten Geräusche atmet. blind alle Stimmen. für das göttliche Schicksal. ihr Sterben zu überwinden. zu gehen. die Küste auf und ab. und denken im Traum nicht an geblähte Segel. einzufangen den Mond. und zurückzusenden das Kreischen der Möwen. zu den unermüdlichen Brandungen. und glauben zu lassen. die Daheimgebliebenen. es wären nicht die Schatten der Felsen. sondern ihre Seelen. aus dem Fleisch gezogen. wie goldene Fäden. aus verwittertem Flies. Trugbilder allen. die den Staub auf ihren Augen halten. für Gewölk schlechten Wetters. das sich verzogen haben wird. nach drei bleiernen Tagen… ach. die traurigen Vögel! in den immergrünen Hecken. die ihr Gefieder fraßen. und die täglich wandernden Schatten der Zweige mit ihren Schnäbeln aufzuspießen drohten… du musst hier gewesen sein. Mehltau. auf ihrer grauen Haut. als zögen die Engel Decken über ihre Leiber. und brüllten: JETZT SCHLAFT DOCH ENDLICH! sie hätten ja aber auch einmal das Kleingedruckte lesen können: dass der Tod nur gefeiert wird, wenn er als überwunden gelten darf…
2023.9.9 | Tag 149 der Erstarrung
ich dachte, wir wären längst vermählt gewesen. als ich dich fragte und die Absage bekam… man sollte sich nicht zu sehr mit Geschenken überhäufen lassen, um das verzögerte Gefühl zu vermeiden, all diese Dinge zurückgeben zu müssen. Gewänder, in zwei Teile zerschnitten. volle Becher mit Vertrocknetem. Überwürfe. und ganz so nackt dazustehen. Gesichter, wie alte Krusten Brot. was braucht man um leben zu können? und was um weiterzuleben? heißer Stein glühender Wangen. die Tränen verdunsten im Nu. es muss viel Zeit vergehen, bis man sich ganz versteht. nein, nicht eigentlich ganz. vielleicht nur viel tiefer. und näher. und den Anderen ohnehin immer besser, als sich selbst… Haare waschen am Waschbecken, wenn es schnell gehen muss am frühen Morgen. und unter den Wasserhahn gebeugt, um sich die krausen Gedanken aus dem Kopf zu spülen. man ist kaum wiederzuerkennen nach drei Jahrzehnten. die Unruhe sackt in die Kissen. ins Moos. wie feuchte, kalte Luft am Boden. erschöpfte Wege, von den zahlreichen Schritten. den nie endenden. aber frage mich ruhig, was immer du wissen willst. woher ich komme. wohin ich will. [nicht was] Fragen kostet nichts. und das Wort wird nicht zu rasch abgeschnitten. es spricht sich gut herum, wenn einer lange schweigt. er ist stärker als ich. hat die Wege weggesperrt. lässt die Hecken wuchern. die Umarmung. nicht mehr so wie vorher. die Einsamkeit. wie immer… die vielen Geschenke hatten etwas Erdrückendes. warum dies Heimweh? weite Felder. hinter den Gehöften. Verlorenes. in guten Händen. wenn sie leer sind. klagloses Holz gefällter Buchen. Wälder ohne Schreie. ohne Schritte. schadlos die Flüsse. sehnen sich nach Floßen. Ḫumbabas Zorn unter dem schlafenden Laub. Ameisenstraßen auf dem gefallenen Triptychon. die Vorratskeller voll. für die Feier der Rückkehr. die Leiter hinauf zu den Deckenfresken. fest vernagelt. wer immer hinauf will, muss nur noch hindurch. nicht lange soll das Sterben dauern. wenn man es spüren muss. das Schicksal. das auf der Hand liegt. ins Rad geflochten. aber du bist ja gewandert. und hast dich nicht schicken lassen. auch wenn sie sagen: Einöde. und Einsiedler. und Einsamkeit. du weißt ja dennoch, wer bei dir war und sich nicht wie die Zeit vertreiben ließ. wer kommt jetzt noch? und bleibt eine Weile. und wäre ein wenig traurig bei der Abreise. Wolke auf ruhendem Wasser. Fels über dem Atmen. unstete Seele. weil der Körper immer an einem Ort. er war dort zuerst. er wird dort der letzte sein. sein Schatten gibt keine Antwort. trägt dich zum Abend. zum nächsten Morgen. wenn der Mond abgibt die Obhut. und die Fäden der Träume aufgeräufelt hat… der Himmel hat Platz für alle. da hängen die Antworten herab von den Sternen. und über den Körben und Kelchen offener Hände und Münder der Harrenden. aber lass ihn erzählen, der so lange warten musste auf ein Gehör. du brauchst nur Arme, die zum Höchsten wachsen wollen, auch wenn die schauenden Augen immer auf der Höhe der Wurzeln bleiben, weil die Erinnerungen nach unten fallen wie Früchte und welkes Laub. mächtig bist du weil du, keinen Namen hast. kein Gesicht. und die deinen dich sehen in ihren eigenen Spiegelungen. du lässt sie für dich sprechen. doch kommt die Rede, die von dir sagen soll, nicht immer von den Klügsten. ein ganzes Leben lang können sie davon sprechen, wo die geschmückten Schiffe ankern, jedoch nicht wohin sie fahren werden. die Wasser blau, erst vor den Ufern der Wüste. Streifen aus Smaragd. wie Saum der Sehnsucht. das Land zurückzulassen, um nicht mehr träumen zu müssen. mein Land, auf der Seite der Dämmerung. zwei Schritte entfernt, wenn du den Weg erkennst. die feine Asche, die sich ins Gestein treten ließ. nah der Stille, wo der Wind seinen Anfang hat… mein Traum war voll von deiner Rede. da warst du kein Schweigender mehr. und auf deiner Zunge lag alles, was ich hätte sagen sollen. so wie die Tage ziehen, denen du vorausgegangen. allein auf den Gipfeln, um da endlich in die Knie zu gehen. von Frost und Licht bedeckt. und geschüttelt vom Wunsch nach Geborgenheit. erstarrt, um weich zu werden, unter der aufgehenden Sonne, zwischen den Bergschatten, hinter dem Ziel, wo die Angst nicht mehr sein würde. hörst du ihn nicht auch rufen? zurück will ich. zu den Bäumen und Bächen. und wenn meine Augen aus Sand nichts mehr sähen, würde ich sie noch hören können und hätte den Duft des Nebels vom Licht her aus dem feuchten Gras gezogen. auf der kühlen Haut. und jetzt die Frage: wovor denn Angst? auf die niemand eine Antwort erwarten kann. aber soviel hatte ich doch sagen können: dass dort, wo es eine Angst gibt, auch eine Hoffnung ist. aber wirst du das auch noch denken, wenn du die Feldwege wanderst und vorbeigehst an den grasenden Herden. da scheint die Erde ihre Wunden geschlossen zu haben. nicht mehr zu erkennen werden sein die Furchen, auf denen die goldenen Ähren späterer Jahre wachsen. träumst du dann noch? oder schläfst du dann nur. erschöpft von den Wegen des Tages. aber für die Heimkehr muss es erst noch so werden, dass die Wege dich finden in deinem geheimen Ziel. ein anderes Leben durchdringlicher. selbst wenn die Orte ihre Namen verloren haben. nicht mehr weit der Rand der Wälder. und das Ende der Lähmungen. dass das Herz wieder brennen kann für des Tages Ausklang. wenn die Stille aufgeht als Mondnacht über den Äckern. doch dann soll seine Stimme sich dir noch nähern. etwas das sich an deine Seite schmiegt. ein anderes Leben. durchdrungen von deinem.
2023.10.29 | Tag 174 der Erstarrung
was könnte sein? mühlos vergegenwärtigt. Vergangenes, das sich bewegt. Bestehendes, das sich kaum zu rühren scheint. Zwischen allem Lebendigen, das sich flackernd verzehrt. du schaust in die Namen hinein. du siehst hinter Mauern blühende Wiesen. du hörst zwei Menschen vertraut miteinander reden. und weißt nicht, wer ist wer. die Stimmen bekommen Gesichter. und aus ihren Schritten wachsen die Körper in deine Träume hinein. du fühlst dich gerufen. hinaus aus deiner Einsamkeit. und hast wieder Hoffnung, an die Schwelle zu gelangen, hinter der sich zeigte aller Sinne Sinn. und endlich steht das Endliche da. in all seiner Fülle. erschüttert und selig. das Kraftvollste aus dem Zartesten. aus Licht und Gelingen ein Schatten des Schicksals. falls du noch Zeit hast. über die Pausen des Daseins hinaus. am Rande sitzend. und über ihn hinweg blickend. dass sich dir zeigten alle Dinge, die Schatten werfen.