er muss in den Garten gegangen sein

I

lebte aus deinem Blick
[…]
strömte aus dem Dunkel deiner Augen
in meine Seele zurück
[…]
träumte von den jungen Buchen
saß am Ufer
und weinte wie ein Kind

II

schlafen getrennt
die vielen Welten
in der einen

kämmen uns die Erinnerungen
aus unserem Schauen ins Ferne hinaus

wachsendes Gestein
das unser Atmen verschlingt

die Stimmen im Rinnsal der Zeit

III

leichtere Kost

wer sagt uns die Zeit
grau gestrichener Himmel

kurz war die letzte Nacht
Schmerz eines Sterns hinter dem linken Auge

was sagst du mir nicht

heute früh fing es an zu regnen
dunkel ist es hinter den Fenstern

wir sehen es uns nach

du musst in den Garten gegangen sein
hast dir die Augen verdorben von den Wänden
hingst wie ein Staubfaden von den Wolken herab
Fähnchen der Hoffnung
und hast die Wege betrachtet
sprichst nie davon
was nur Sehnsucht sein durfte

die Angst schwindet
je mehr Zeit sich türmt

aber kennst du den Grund
auf den sie sank
als sei sie verlorengegangen

IV

warum weinst du
du warst nicht glücklicher als Kind
du warst nur Gast in der Liebe eines Anderen
und die Verliebtheit hat sie nicht lange überdauert

und je mehr sie für ihn in Vergessenheit geriet
desto stärker wurden deine Erinnerungen daran

dein Gesicht schmolz ihm wie Schnee in den Händen
das verschenkte Herz war zerflossenes Wachs
das in die Spalten zwischen den Träumen lief
zwischen den Blicken zurück
dort wo es dem Suchenden ein Verlorenes bleibt

gegen die Wand des Waldes rufst du
und die Berge hinauf

vielleicht
dass er sich versprochen hat

vielleicht
dass alles Gesagte und Geschworene
ein Irrtum ist nach langer Zeit

er sprach nicht wie die Anderen
von deinen geheimnisvollen Augen

er nahm nicht wie die Anderen
deine ausgestreckte Hand

du hieltest deinen Atem an
in der Hoffnung
er würde sich über dich beugen

aber zwischen der nächsten Nähe
stehen die gläsernen Wände
und die Augen dahinter
sind erloschene Sterne

doch wenn die Täuschung fort ist
ist die Seele immer noch da

V

wir sollten vernünftig sein
wir sollten uns versprechen
vernünftig zu sein

man gab uns schlechten Rat
wir waren krank von fremden Worten
und warfen uns in die Gräber
weil wir nichts anderes glauben konnten
und niemand einen anderen Ort hätte denken wollen

manche flüsterten sich zu
dass wir tot seien
andere liefen mit gesenktem Blick durch die Gassen
und wieder andere behaupteten
sie hätten uns letzte Woche erst hinter den Zäunen gesehen

einer betrachtete mit seltsamem Blick
die Inschrift unserer Ahnen auf dem Stein
und fragte sich warum die Häuser der Toten noch Fenster haben

die Haut unserer Gesichter war früh gealtert
irgendwie steinern überzogen
und zugleich brüchig wie verbranntes Papier

[…]

VI

ging über das Schneeland
kam aus der Zeit
kurz vor Ende der Nacht
sah mit grünen Augen
auf die Ruinen der Türme
der Nebel zwischen ihnen
ließ fast vergessen
wie lange es schon her war
dass Rauch aus ihren Schloten aufstieg

ihre gleichmäßigen Glasfassaden
verdunkeln in ihren Spiegelungen
alles was als innere Bewegung
durch das Licht der äußeren Welt ziehen will
und Fäden knüpft zwischen den Ereignissen
um einen anderen Stoff zu weben
in dem sich das Versunkene sammelt
und wie ein feiner Sand an endlosen Stränden
wartet auf den stärkeren Wind
der es tragen möge zur dunkleren schwereren Erde
der fernen einsamen Wälder

VII

liebte ihn wie einen Sohn

bin jetzt gegangen
um nicht zu durchirren die Welt
und damit die Mauern nicht über mir einstürzen
wenn ich zu lange in den Häusern weile

eines Tages werde ich erfahren
wo sein Grab ist

oder er vom Ort des meinigen

VIII

die Kriege hören niemals auf

irgendwann kümmerte es uns nicht mehr
so wie man an irgendeinem Tag nach der Kindheit
nachts nicht mehr in den Garten läuft
um die Sterne zu betrachten

IX

es gibt keinen Grund zu lachen

die Steine sind schwer
wenn sie an den Haaren hängen
oder wie bleierne Worte
die an der Zunge kleben

die Sonne wärmt jetzt nicht mehr
in der Pfanne schmorten die letzten Pilze
und zergingen im Mund wie Versprechungen

es scheint an manchen Tagen
als seien alle Bäume verschwunden
und man sähe nur noch das alte Laub auf Wegen und Wiesen

an stillen Abenden
erzählen die Pilger uns
dass der Himmel diesen Tag blau gewesen sei
und dass von den Gipfeln der Berge
weit entfernt ein Meer zu sehen war

aber man müsse erst dorthin gelangen
das Verbrannte nicht mehr wahrzunehmen
und dürfe die Krähen auf den Trümmern
nicht überbewerten

um einer lichteren Zukunft willen
die dort schon lange auf uns wartete

X

die Stadt ist weit
finster sind die Täler

ich weiß den Weg nicht mehr
nicht mehr woher ich kam

und erst wenn ich mich wieder erinnern kann
sind die Wege vor mir nicht mehr verborgen

ich hatte so Hunger
und aß das Brot ganz
statt Krumen zu streuen

aber ich darf mich nicht umdrehen
solange ich das Kommende nicht träumen kann

[…]

weckt uns bitte nicht
schaltet die Lichter nicht ein
nehmt uns die Siegel nicht von den Augen

[die Frösche erfroren auf den Seerosenblättern. die Füße unter den Pflastersteinen]

es war nur der Wind
kommt
frisch wuchs ein Gras über Nacht
ach
und der Duft von Licht
im Tau
in den Fäden
zwischen den Halmen

und lange nicht mehr die Kinderstimmen
und glückliches Antlitz der Toten

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