Übersetzung: Das wüste Land (The Waste Land – T. S. Eliot)

„NAM Sibyllam quidem Cumis ego ipse oculis meis vidi in ampulla pendere, et cum illi pueri dicerent: Σίβυλλα τί θέλεις; respondebat illa: άποθανεîν θέλω.“

„Denn mit meinen eigenen Augen sah ich die Sybille von Cumae in einem Fläschchen hängen, und als die Knaben sie fragten: Sibylle, was begehrst du?, entgegnete sie: sterben will ich.“

Für Ezra Pound
il miglior fabbro.

I. Totenfeier

April. grausamster aller Monate.
Brut des Flieders auf totem Land,
Kreuzung aus Erinnern und Begehren.
Stört Ödwurzeln auf mit Frühlingsregen.
Warm hielt uns der Winter, deckte
die Erde mit Schnee des Vergessens, nährte
ein mageres Leben mit dürrer Knolle.
Jäh kam der Sommer, zog über den Starnberger See
mit heftigen Schauern; wir stellten uns unter die Kolonnaden
und zogen erst weiter bei Sonnenschein, bis zum Hofgarten,
tranken Kaffee und plauderten ein Stündchen.
Bin gar keine Russin, stamm‘ aus Litauen, echt deutsch.
Und als wir Kinder waren und beim Erzherzog logierten,
meinem Vetter, nahm er mich mit auf einem Schlitten,
und ich hatte solche Angst. Er sagte, Marie,
Marie, jetzt halt‘ dich gut fest. Und runter ging’s.
Ja, in den Bergen, da fühlt man sich frei.
Nachts les‘ ich die meiste Zeit und fahr‘ in den Süden im Winter.

Welch Wurzelwerk krallt sich, welch ein Geäst ragt
aus dem steinigen Schutt? Menschensohn,
du kannst es nicht sagen, noch rätst du es, kennst du doch einzig
eine Halde zerschlagener Bilder, wo die Sonne drischt
und der tote Baum keine Zuflucht bietet, das Heimchen keinen Trost
und der trockne Stein kein Echo des Wassers. Nur
Schatten gibt es unter dem roten Fels
(Komm in den Schatten unter dem roten Fels)
und ich zeig‘ dir ein Ding, das nicht ist
wie dein Schatten am Morgen, der hinter dir her schlürft,
und nicht wie dein Schatten am Abend, der dir entgegenwächst.
Ich zeig‘ dir die Angst in einer Handvoll Staub.

              Frisch weht der Wind
              Der Heimat zu
              Mein Irisch Kind,
              Wo weilest du?

„Du schenktest mir Hyazinthen, vor einem Jahr, das erste Mal;
sie nannten mich Hyazinthenmädchen.“
Doch als wir heimkamen, spät, vom Hyazinthengarten,
deine Arme beladen und feucht dein Haar, war ich
stumm und mein Auge gebrochen; nicht
lebte ich mehr noch war ich schon tot; ich wusste nichts
und starrte ins Herz des Lichtes, der Stille.
Oed‘ und leer das Meer.

Madame Sosostris, berühmte Seherin,
hatte eine schlimme Erkältung, nichtsdestoweniger
kennt man sie als die weiseste Frau in Europa,
mit einem frevlerischen Kartenspiel. Hier, sprach sie,
ist Ihre Karte, der ertrunkene phönizische Seemann,
(Dort, die Perlen, waren seine Augen. Schauen Sie!)
Hier ist Belladonna, die Felsendame,
die Dame der Gelegenheiten.
Hier ist der Mann mit den drei Stäben, und hier das Rad,
und hier der einäugige Kaufmann, und diese Karte,
die leer ist, zeigt etwas, das er auf seinem Rücken trägt,
was mir zu sehen nicht erlaubt ist. Ich kann
den Gehängten nicht finden. Fürchten Sie sich vor dem Wassertod.
Ich sehe Menschenmengen, die im Kreis gehen.
Dankeschön. Wenn Sie der guten Mrs. Equitone begegnen,
sagen Sie ihr bitte, ich bringe ihr das Horoskop persönlich vorbei;
man muss ja derart vorsichtig sein heutzutage.

Unwirkliche Stadt,
unter dem braunen Nebel einer Winterdämmerung.
Dahin strömte die Menge über die London Bridge, so viele.
Hätt‘ nie gedacht, dass der Tod dahinrafft, so viele.
Sie stießen immer wieder kurze Seufzer aus,
und eines Jeden Auge klebte fest auf seinen Füßen,
hügelan und abwärts dann King William Street zu fließen,
dahin, wo Saint Mary Woolnoth die Stunden verwahrte
mit dem toten Klang des letzten Schlags auf Neun.
Da sah ich einen, den ich noch kannte, und hielt ihn an, rief „Stetson!
du, der du mit mir auf den Schiffen von Mylae warst!
Die Leiche, die du letztes Jahr in deinen Garten gepflanzt,
hat sie zu sprießen begonnen? Wird sie blühen dies‘ Jahr?
Oder war der plötzliche Frost lästig ihrem Beet?
Oh, halte fern den Hund, den Menschenfreund,
dass er sie nicht ans Licht zerrt, wenn er so durchs Grüne streunt!
Du! Hypocrite lecteur! – mon semblable, – mon frère!“

II. Eine Schachpartie

Der Fauteuil, darin sie saß, wie in einem strahlenden Thron,
glühte auf dem Marmor, wo sich der Spiegel
herrschaftlich erhob, gefasst in Ranken fruchtbelad‘ner Reben,
aus denen keck ein gold’ner Amor äugte
(ein andrer barg die Blicke hinterm Fittich),
zwiefach das Flackern des siebenarmigen Leuchters,
des‘ Licht fiel auf die Tafel, als
sich das Funkeln ihrer Preziosen ihm entgegen hob,
aus Atlastruhen über-flüssig quellend;
in Flakons aus Elfenbein und buntem Glas,
geöffnet, lauerten da schon ihre seltsam künstlichen Düfte
von Cremes, von Pudern oder Wässern – berauscht, verwirrt,
ersoffen alle Sinne in Bouquets, aufgestört von einem Lufthauch,
frisch vom Fenster her, wölkten sie auf
und mästeten die hochgezog’nen Kerzenflammen;
die warfen ihren Rauch zum Deckenfries,
aufwühlend das Dekor der Täfelung.
Mächtige Planken Treibholz, kupferdurchzogen
brannten grün und orange, umrahmt von farbigem Stein,
darin in mattem Schimmer schwamm ein gravierter Delfin.
Und über dem antiken Kaminsims ein Tableau,
wie durch ein Fenster hin zur Waldidylle:
Philomelas Verwandlung, vom grausamen König
brutal geschändet; doch dort die Nachtigall
erfüllte die Wüste mit unverletzlicher Stimme,
und sang die Klage, da immer so die Welt,
„lieb lieb“ den schmutzigen Ohren.
Von andren morschen Stümpfen der Zeit
wurde geraunt auf den Mauern; Gestalten, starrend,
lehnten sich hinaus, gestützt, und brachten den verschloss’nen Raum zum Schweigen.
Schritte schlürften über die Stufen.
Im Feuerschein, und unter ihrer Bürste, sprühten
nur so die Funken aus ihrem Haar,
in Worten erloschen, endend in zorniger Stille.

„Bin fertig mit den Nerven, heute Abend. Ja, völlig fertig. Bleib‘ bei mir.
Sag‘ doch was. Warum sagst du nie was? Sag‘.
Was denkst du grad? Was denkst du? Was?
Hab‘ keine Ahnung, was du denkst. Denk‘ nach!“

Ich denke, wir sind in der Rattengasse,
wo die Toten ihre Knochen verloren.

„Was ist das für ein Geräusch?“
              Der Wind unter der Tür.
„Was für ein Geräusch da? Was macht denn der Wind?“
              Nichts. Und noch einmal: nichts.
                                                                       „Weißt
du denn gar nichts? Siehst du denn gar nichts? Erinnerst du dich an
gar nichts?“
              Ich weiß noch,
Dort die Perlen, waren seine Augen.
„Lebst du noch, oder was? Hast du denn nichts in deinem Schädel?“
                                                                                                   Oh, doch,
Oh Oh Oh Oh, dieser Shakespeare-hihier-sche Rag –
so raffiniert
so kultiviert

„Was soll ich jetzt tun? Was soll ich tun?
Ich renne hinaus, wie ich bin, und gehe die Straße entlang
mit offenem Haar, so. Was werden wir morgen tun?
Was werden wir jemals tun?“
                                                         Heißes Wasser um zehn.
Und sollte es regnen, ein verriegeltes Auto um vier.
Und dann lass uns doch eine Partie Schach spielen,
auf lidlose Augen drücken und warten auf ein Klopfen an der Tür.

Als Lil’s Mann ausgemustert wurde, hab‘ ich gesagt –
ich red‘ nicht um den heißen Brei herum, hab‘ ich ihr selbst gesagt,
BEEILUNG BITTE! SPERRSTUNDE!
Albert kommt jetzt heim; also, mach‘ dich mal ein bisschen schick.
Er wird wissen wollen, was du mit dem Geld angestellt hast, das er dir gab,
damit du dir endlich mal neue Zähne kaufst. Jawohl, das sagte er. Ich war doch dabei.
Lass dir halt alle rausnehmen und besorg‘ dir ‘nen hübschen Satz frische.
Ich schwör’s, er sagte, ich ertrag’s nicht mehr, dich anzuschau’n.
Und ich schon gar nicht, hab‘ ich gesagt, und denk‘ doch auch mal an den armen Albert,
vier Jahre an der Front; der will doch bloß ‘ne gute Zeit,
und wenn du’s ihm nicht gönnst, springen halt andre ein, hab‘ ich gesagt.
Ach, andre also?, hat sie gesagt; klar, so etwa wird es sein, hab‘ ich gesagt.
Dann weiß ich ja, bei wem ich mich bedanken darf, hat sie gesagt, und hatte so ‘nen fiesen Blick.
BEEILUNG BITTE! SPERRSTUNDE!
Wenn du’s nicht gerne hörst, dann mach‘ halt weiter so, hab‘ ich gesagt.
Andre werden ihn sich schnappen, wenn Du’s nicht kannst.
Doch wenn Albert sich vom Acker macht, sag‘ nicht, du wärst nicht gewarnt worden.
Du solltest dich echt schämen, hab‘ ich gesagt, so schäbig rumzulaufen.
(Dabei ist die erst einunddreißig.)
Ich kann doch nichts dafür, hat sie gesagt, und fängt zu flennen an.
Das sind die Pillen, die ich schlucken musste, um’s wegzumachen, hat sie gesagt.
(Die hatte ja schon fünf, und ist am kleinen Georgie fast krepiert.)
Der Apotheker meinte, es wird schon alles gut, aber ich hab‘ mich davon nie erholt.
Du bist echt solch ein Rindvieh, hab‘ ich gesagt.
Na ja, wenn Albert nicht ohne dich kann, sei’s drum, hab‘ ich gesagt;
aber wozu heiratest du, wenn du keine Kinder willst?
BEEILUNG BITTE! SPERRSTUNDE!
Na ja, den Sonntag dann war Albert wieder heim; es gab gekochten Schinken,
und jedenfalls luden sie mich ein zum Abendessen, um ihn noch warm zu kosten –
BEEILUNG BITTE! SPERRSTUNDE!
BEEILUNG BITTE! SPERRSTUNDE!
Nacht, Bill. Nacht, Lou. Nacht, May. Nachtnacht.
Lieb lieb. Nacht. Nacht.
Gute Nacht, meine Damen; gute Nacht, süße Damen; gute Nacht, gute Nacht.

III. Die Feuerpredigt

Des Flusses Baldachin riss auf: die letzten Finger Laubes
wollen greifen und sacken ins feuchte Ufer. Wind
fegt über braunes Land, ungehört. Die Nymphen sind abgereist.
Liebliche Themse, fließe leis‘, bis verhallt mein Sang.
Der Fluss duldet keine leeren Flaschen, Butterbrotpapiere,
seid’ne Taschentücher, Schachteln oder Kippen
noch andere Zeugnisse aus Sommernächten. Die Nymphen sind abgereist.
Und ihre Begleiter, die lungernden Erben der Stadtobersten,
abgereist, hinterließen keine Adressen.
An den Wassern des Leman saß ich und weinte…
Liebliche Themse, fließe leis‘, bis verhallt mein Sang.
Liebliche Themse, fließe leis‘, denn ich sprech‘ nicht laut noch lang.
Doch hinter mir, wo sich in kaltem Windstoß jäh verlor
das Klappern des Gebeins. Und Kichern saust von Ohr zu Ohr.

Eine Ratte kroch still durchs Dickicht,
zerrte ihren schleimigen Wanst ans Ufer,
als ich fischte im trüben Fleet,
an einem Winterabend, dort hinter dem Gaswerk,
brütend über den Schiffbruch meines königlichen Bruders
und meines königlichen Vaters vor ihm.
Weiße Leiber nackt in modriger Tiefe
und Knochen in der gebückten schlichten Kammer unterm Dach,
vom Rattenfuß allein noch klappernd, Jahr für Jahr.
Doch hinter mir, von Zeit zu Zeit, werd‘ ich gewahr
des Lärms der Hupen und Motoren, die jetzt ganz anders klingen
und – wenn wieder Lenz – Sweeney zu Mrs. Porter bringen.
Oh, wie hell auf Mrs. Porter schien der Mond
und auf ihr Töchterlein, die mit ihr wohnt,
weil so das Fußbad im gespritzten Holler doppelt lohnt.
Et Ó ces voix d’enfants, chantant dans la coupole!

Klack klack klack
Lieb lieb lieb lieb lieb lieb
Brutal geschändet.
Tereus

Umwirkliche Stadt.
Unter dem braunen Nebel eines Wintertags.
Mr. Eugenides, der Smyrna-Kaufmann,
unrasiert, die Hose voll Korinthen,
C.i.f. London: Papiere zur Hand,
bat mich in primitivstem Französisch,
mit ihm zu speisen im Cannon Street Hotel,
gefolgt von einem Wochenend‘ im Metropol.

Zur blauen Stunde, wenn Augen und Rücken
sich erheben vom Schreibtisch, wenn der Menschenautomat verharrt
wie ein Taxi, wartend, ruckelnd,
ich, Teiresias, obgleich doch blind, stolpernd zwischen zwei Leben,
Greis mit runzligen Weiberbrüsten, kann dennoch sehen
zur Dämmerstunde, wenn sie heimwärts streben,
wie Seemänner, die was von Häfen verstehen,
daheim Punkt fünf, die Tippse, die das Frühstück abräumt, und
Feuer macht und auf den Tisch das Dosenfutter stellt.
Vom Fenster herab, flattern verwegen die Fahnen
der klammen Wäsche, geküsst vom letzten Sonnenstrahl;
auf dem Diwan (nachts ihr Gemach) die Haufen und Bahnen
von Strümpfen, Pantoffeln und Leibchen (jedoch: alles zweite Wahl).
Ich, Teiresias, Greis mit knittrigen Möpsen,
durchschaute die Szene und spürte meines Orakels Last –
auch ich erwartete, wie immer, den gewohnten Gast.
Er, der picklige Jüngling, trifft jetzt ein,
so‘n kleines Licht, doch denkt, er macht wer weiß was her,
einer dieser Niedrigen, auf dem Versich‘rung sitzt
wie Chapeau Claque auf einem Bradford-Millionär.
Der Augenblick ist passend; er denkt: nun muss es doch gelingen,
das Mahl verspeist, sie gähnt sich müd‘ im Überdruss – wie neulich;
er sucht verkrampft, mit Zärtlichkeiten sie zu zwingen;
sie bleiben ohne Widerspruch und sind doch unerfreulich.
Hochrot, doch fest entschlossen, reißt er an den Miedern;
die Hände fuchteln zwischen Haut und Kleid,
sein stolzer Sinn erlaubt jetzt kein Erwidern
und schöpft Triumph aus ihrer Teilnahmslosigkeit.
(Und ich, Teiresias, der all dies litt mit schrecklichstem Erschauern
in jedem Bett, auf jeglicher Matratze;
Ich, der ich einsam hockte, dort: bei Thebens Mauern
und trug von allen Toten die gemeinste Fratze.)
Er gibt ihr einen letzten gönnerhaften Kuss
und tastet sich das finstre Stiegenhaus hinab…

Sie dreht sich um, sieht sich im Spiegel, als wollte sie sich still bedanken,
denn dass ihr Stecher fort, ist ihr ganz einerlei;
Ihr Kopf gestattet ihr noch einen halb verlorenen Gedanken:
„Das wär‘ geschafft; zum Glück ist es vorbei.“
Wenn sich der Torheit beugt die schöne Frau, so fromm;
die rennt jetzt einsam und nervös durchs leere Zimmer;
sie schaut, dass die Frisur nun rasch in Ordnung komm‘
und legt ‘ne Platte dann aufs Grammophon, wie immer.

„Diese Musik schlich sich zu mir über die Wasser“
The Strand entlang, hinauf zur Queen Victoria Street.
Oh Stadt, Oh Stadt, zuweilen kann ich hören
aus einer Kneipe in der Lower Thames Street dort
ein sanftes Schluchzen, wie von Mandolinen,
und ein Geklapper und Geplapper von da drinnen,
wo Fischhändler mittags ausruh’n: dort, bei Magnus Martyr,
mit ihren Mauern, ragend, weit,
in ion’schem Weiß und Gold: die unfassbare Herrlichkeit.

Der Fluss schwitzt
Öl und Teer
Die Kutter treiben
auf dem Atem der Gezeiten
Rote Segel
die sich weiten
leewärts, schwingend an hoher Rahe schwer.
Die Kutter schwemmen das Treibholz
mit ächzendem Klang
bis Greenwich hinunter
und an der Isle of Dogs entlang.
Weialala leia
Wallala leialala
Elisabeth und Leicester
Die schlagenden Ruder
Verziert das Heck
mit einer Muschel gülden
Purpur und Aurum
die Wogen, die wilden
klatschend an beide Ufer
Wind von Südwest
trug hinab den Strom
Geläut der Glocken
weiße Türme
Weialala leia
Wallala leialala
„Straßenbahnen und Bäume, staubbedeckt.
Highbury machte mich gähnen. Richmond und Kew
machten mich jucken. Bei Richmond hab‘ ich die Knie‘ dann zum Himmel gereckt,
flachgelegt in ‘nem engen Kanu.“

„Meine Füße in Moorgate, mein Herz und mein Sinnen
unter den Füßen. Doch nach den Affären
heulte er und versprach einen ‚neues Beginnen‘.
Hab’s nicht kommentiert. Was sollt‘ ich mich auch beschweren?“
„An Margates Stränden
verknüpf‘ ich (ersoffen)
nichts mit nichts.
Gerissene Nägel von schmutzigen Händen.
Meine Leute, brav und bescheiden, sie hoffen
nichts.“
              la la

Nach Karthago kam ich dann

brennend brennend brennend brennend
Oh Herr, du reißest mich aus
Oh Herr, du reißest

brennend

IV. Der Wassertod

Phlebas, der Phönizier, zwei Wochen tot,
vergaß den Ruf der Möwen und die mächt‘ge Brandung unterm Kiel
und Gewinn und Verlust.
                                          Die Drift nah dem Grunde
zerrte flüsternd am Gebein. Wie er so aufstieg und wieder fiel
zog er abermals durch alle Lebensalter, vom Greis zurück zum Jüngling,
und rutschte in den Strudelschlund.

Ob gottesfürchtig oder nicht,

Oh, du, der das Rad bewegt und windwärts schaut,
Gedenke Phlebas, der einst, wie du, so stattlich war, so licht.

V. Was der Donner sprach

Nach der Fackel rot auf Schweißgesichtern
Nach der frost’gen Stille in den Gärten
Nach den Felsenstätten, wo sie qualvoll-irre lichtern
schreien und klagen, ohne zu ruh’n
Kerker und Schloss und einsames Widerhallen
des Frühlingsgewitters jenseits der fernen Gebirge
Ist er, der noch lebte, nun tot
Wir, die noch lebten, sterben nun
mit ein wenig Geduld

Hier ist kein Wasser, einzig nur Fels
Fels und kein Wasser und sandige Straße
Straße gewunden hinan zwischen den Bergen
die Berge sind Felsen ohne Wasser
Wär‘ doch nur Wasser, hielten wir inne und würden uns schier drin ertränken
Doch zwischen den Felsen macht niemand Halt, kann keiner denken
Trocken der Schweiß und die Füße versackt im Sand
Wär doch nur Wasser zwischen den Felsen
Lebloser Bergschlund voll fauliger Zähne, kann sein Gift nicht mehr spritzen
Hier kann keiner stehen noch liegen noch sitzen
Nicht einmal Stille ist in den Bergen
Nur ödes Donnergrummeln ohne Schauer
Nicht einmal Einsamkeit ist in den Bergen
Nur rote höhnende Fratzen, die murren und knurren
aus Türen halbverfallener Lehmhütten

Wär‘ doch nur Wasser

und kein Fels
Wär‘ doch nur Fels
und Wasser zugleich
und Wasser
ein Quell
ein Weiher zwischen Felsen
Wär‘ doch ein Klang des Wassers nur
nicht die Zikade
und dürres Gras summend
aber der Klang des Wassers über dem Fels
wo der Drossel Lied hoch in den Föhren
falle Tropfen falle tropf tropf tropf tropf
Doch Wasser ist nicht

Wer ist der Dritte, der immer neben dir läuft?
Zähl‘ ich genau, sind da nur du und ich
Doch blicke ich weiter voran die weiße Straße
ist noch ein Andrer an deiner Seite
gleitet dahin, in einen braunen Mantel gewickelt, mit Kapuze
Ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau
– Dennoch: wer ist da nur zu deiner anderen Seite?

Was für ein Ton, hoch in der Luft
Wimmern mütterlicher Klage
Wer sind die vermummten Horden, in Schwärmen
auf endlosen Ebenen, taumelnd über die rissige Erde
vom Kreis des flachen Horizonts umzingelt
Was ist die Stadt über den Bergen dort
zerfällt, bläht sich wieder auf und zerplatzt in der Purpurluft
Stürzende Türme
Jerusalem Athen Alexandria
Wien London
Unwirklich

Die Frau zog stramm heraus ihr langes schwarzes Haar
und zupfte ihre Flüsterweise wie auf Saiten von Lauten
im Dämmerschein mit Säuglingsfratzen eine Flughundschar
die pfiffen, schlugen ihre Schwingen, schauten
und krochen abwärts an verbrannter Mauer wie in Wonnen
und sah’n kopfüber dort die Türme als in Lüften schweben
läutend die mahnenden Glocken, an denen alle Zeiten kleben
Und Stimmen aus verlassenen Zisternen und erschöpften Bronnen.

In diesem verrotteten Loch zwischen den Bergen
Im fahlen Mondlicht, da singt das Gras
über versackten Gräbern, rings um die Kapelle
Verlassen steht sie dort, Heimat dem einsamen Wind.
Da sind keine Fenster, die Pforte schlägt auf und zu.
Dröge Knochen tun keinem was an.
Allein der Hahn thronte auf dem First
Kikeriki Kikeriki
unterm Gewitterblitz. Und dann: ein nasser Windstoß
der Regen brachte

Der Ganges ein Rinnsal, und schlaffes Laub
das auf Regen wartet, während sich schwarzes Gewölk
in der Ferne sammelt, über dem Himavant.
Kauernd der Dschungel, gebeugt im Schweigen.
Dann sprach der Donner
Da
Datta: was gaben wir?
Mein Freund, vom Blut zuckend mein Herz
Das abscheuliche Wagnis eines Augenblicks der Hingabe
die ein Säkulum der Vernunft nicht widerrufen kann
In ihr, und in ihr allein, haben wir wahrhaftig gelebt
Wovon in den Nachrufen nichts zu finden sein wird
oder in Erinnerungen, von der Spinne barmherzig verpackt
oder unter Siegeln, gebrochen vom verhungerten Notar
in unseren leeren Zimmern
Da
Dayadhvam: Ich hörte den Schlüssel
wie er sich dreht im Schloss, einmal, ein einziges Mal
Wir denken an den Schlüssel, ein jeder in seinem Kerker
und an den Schlüssel denkend, mauert ein jeder seinen Kerker aufs Neue
Einzig bei Einbruch der Nacht, ein feinstoffliches Säuseln
reanimiert für eine Sekunde einen gebrochenen Coriolan
Da
Damyata: Das Boot gehorcht
freudig der Hand, die Segel und Ruder kundig führt
Die See lag ruhig; dein Herz hätte es glücklich
erwidert, einmal darum gebeten, und schlüge willig
der steuernden Hand

Am Ufer saß ich
und fischte, die dürre Steppe hinter mir
Werd‘ ich am End‘ noch Ordnung schaffen in meinen Landen?

London Bridge is falling down falling down falling down
Poi s’ascose nel foco che gli affina
Quando fiam uti chelidon – Oh, Schwälbchen, Schwälbchen
Le Prince d’Aquitaine à la tour abolie
Diese Trümmer staute ich an, zu halten meine Ruinen.
Why then Ile fit you. Hieronymo’s mad againe.
Datta. Dayadhvam. Damyata.

                            Shantih              Shantih               Shantih

Hinterlasse einen Kommentar