um diese zeit. normalerweise. zunahme der sehnsucht

[bevor das gras vergeht | baltische elegien]

sonne. nicht dieselbe. wie gestern. die träume. ruhig. mit tiefen strömen dahin. lichter wie fähnchen zwischen den wellen. vom abend begrenzt. vom sterbenden sommer überwuchert. an einem augenblick aber bleibt das gedächtnis hängen. morgen für morgen. bevor es versinkt im erwachen. augen. wie aufgeschnittene trauben. hängen über dem stein. und seiner verwitterten schrift.

irre. geflogen | gerufen. aus den wäldern

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

die sonne. gestern. im wolkengewölle. in den kissen voller tränen. oder zwischen den zähnen. zerknirscht. sie brannte. vor erwartung und verlangen. mit der schwere des letzten ganges. doch nicht ohne würde. und nicht im sinne des als ob. jedoch mit der frage: was wäre eigentlich, wenn? vielleicht ein erwachen mit der stimme der jungen amsel. geboren aber am ende des jahres. einen atemzug vor dem beginnen. und jenes ende immer mit sich tragend. in weiser vorausschau. so fände sie immer heim. und wäre nicht eine verlorene inmitten ermatteter spätzeit. doch hier und noch müssen wir’s anders sagen. und können’s dann nicht so stehen lassen. weil auch wir weiter wandern müssen. bis die lichtungen kommen. weil wir es immer so sagen müssen, wie es uns eine laufende zeit geradewegs zuruft. bis einmal alles verwandelt ist. bis sich alles endlich nicht mehr verändern muss. von tag zu tag. von früh bis spät. weil ruhe ist in den krumen. und in den krümeln, die aus dem mundwinkel fielen, die samen einer schöneren kindheit keimen. einer wunden seele, kindisch und weise, immer noch hoffend, nach ihrem scheitern.

wege. getrennte

[bevor das gras vergeht | baltische elegien]

nach. und nach. lautlos. voller liebe. verriegelte zimmer. aufgebrochene wintererde. wartende. abermals. drohende zeit. verlorene spuren. je weiter fort. im frost erwachend. in die schatten gewickelt. die unvollkommenen schleier. straßen. wie fugen. zwischen den ewigkeiten. die enge. mit sich allein. träne. und klangloser schrei. perlender regen. die schläfe hinab. die wange der schlafenden. durch deren traum die töne irren. die schritte. je weiter fort. zwischen den wänden. echos. hin und her. aug-gestein. voller liebe. kalt. im kurzen atmen. je weiter fort. nahend dem kaum mehr hoffenden. je weiter fort. je weiter…

7 Haiku-Variationen

[7 x Herz. Schlag einer fernen Glocke. 7fach. Wünsche. heimgeleitete Sonnen. 7tes Leben. doch deine großen Hände unter den Sieben. durch die ein letzter Tropfen drang. der hielt ein Licht. ein einziges. das auf die nackte Erde fiel]

für Andreas Liske

Zahl meiner Gedanken
zartestes Gras. vom Regen getroffen
am Spätsommerabend. allein

durch die Seele wandernde Landschaft
was sich dem Auge bietet
nehme ich mit in den Schlaf

in der Pfütze: Mondlicht
Stunde der wachsenden Schatten –
was nur hab‘ ich geträumt?

alles Zerbrechliche
stellte sich in den Wind
für Träne und Tau

warte auf mich
wenn ich gegangen sein werde –
schaukelnder Weidenzweig. über dem Teich

jemand. hier. wenn ich erwachte
jemand. dort. wo sich ein Traum verlor
in deiner Hand. zarte Stimme der Kamelienblüte

flatternde Segler. fort. und
den milderen Küsten zu –
kehrt mir wieder. als Hoffnung

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[sechster Ort, noch einmal: Doha, Transit-Futterhof – Limbus, Tax Free – Mangel an Schatten]

der Weg aus dem Traum in die Landschaft. Traum ist aber nicht gleich Unwirklichkeit und Landschaft nicht gleich Wirklichkeit. beides jedoch holt eine wunderliche Wahrheit ins Haus, in dem die Abstände zwischen den Räumen – und in den Räumen zwischen Tür und Fenster – je nach Tages- und nach Jahreszeit verschieden groß sind. die phasenweise Nervosität und die schönen Geschichten, zur Ruhestunde vorgetragen, sind sich stets sehr nah. die Suche nach dem Leben, das ohne Hindernisse geradeaus geht, ist allerdings ein absurdes Unternehmen. auf einer solchen Straße stünden die Gespenster Spalier oder ließen aus ihren Hufen giftige Sträucher wachsen. sie streuten süßen Samen in die Augen der Verlaufenen, und jene hätten fortan ein bitter-rauhes Schauen wie durch zerkratztes, rissiges Glas. die Klagen und die Wünsche würden nur so wuchern, und um jeden balsamischen Tropfen entbrannte ein aus Neid und Missgunst hervortobender Krieg, und jede Partei ginge auf jede andere Partei los, aus Angst vor der Vernichtung durch die je anderen und fremden; aber natürlich lägen am Ende alle geschlachtet in den selbstgeschaufelten Gräben…

aber noch einmal zurück zum Traum: die törichte Zuflucht ist in den getrimmten Gärten heimischer Dörfer; den Speckgürteldörfern zu eng und zu teuer gewordener Städte. Rasengärten ohne Raserei. Heckengärten ohne Ausgehecktes. Gärten der strengen Beete. der strengen Gebote. Rasenrobotergärten, in denen das Leben erst wieder – ein seltenes Vergnügen – jubelt, wenn die Katze eine Freifahrt unternimmt…

Landschaft aber ist ein gänzlich anderes Terrain: Landschaft ist ein Stückchen Land, das uns erschaffen hat – ohne Deutungs- und Rechtfertigungsdruck – und das uns zuruft: kommt! geht. und dann – bleibt für immer.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[fünfter Ort: Mönchgut, Hagensche Wiek]

[Ur-Sache]

weil wir nicht hoffen umzukehren. weil wir nicht hoffen. weil wir nicht wissen, worum die Sage und die Trauer gingen. wenn uns einer fragte. und weil wir dennoch nicht verzichtet haben. auf die Gewitterworte. und jeglicher Zorn seine Stimme fand.

[Wir-kung]

darum stöhnen die Bäume unter zu viel Laub. und ihre nervösen Zweige sind wie ins Luftleere schlagende Flügel. der Wille, der einst die Wurzel der Buche zur Kralle bog, rutschte in den Spalt zwischen Fels und losem Gestein, hoch über der Brandung, lächerlich drohend dem unerschöpflich wogenden Wasser. wie eine bockige Göre, die sich für zwei Kugeln Eis die Stirn blutig schlägt auf dem Asphalt, hämmert der Wind gegen das Steilufer. und fleht bei den Schwalben um Stille.

[andere Zeichen]

ja, ja, die trockenen Wiesen des müdgeschwitzten Sommers. ja, ja, die vollen Beete und üppigen Stauden. und ja: die Trendfarben der Augen(Trauer)Weide. ja, ja, die in Küchenfenstern an den Dörrseelen nuckelnden Keramikhascherl. und viele weitere Gaben der Vergessenheit. und vor allem: ja, die endlose Reise, die ihr Verträumen drückte in die Sofakissen. wie die lichtschweren Gesichter in die Peelingmasken.

[Danksagung]

dem Gebein, das zu Sand zerbröselte. der Kühle des Abends und des Herbstes. der Zeit, weil sie sich uns vom Buckel schüttelt wie nach dem Bad das zottige Tier aus seinem Fell das Wasser.

[nachtragend]

weiß Gott, wohin es die Verschlagenen verschlägt. oh, die Schädel der Glocken. oh, die Zungen ihrer Klöppel. ja, satt ist das Land der Klänge und der Stimmen. hat sich gefunden im großen, letzten Ersäufnis. hat sich abfinden lassen vom schalen Atem der Leberkranken.

[Wettervorhersage]

unvermeidliche Traurigkeit. dunkler Grund des glücklichen Wachstums unzerstörbarer Träume. die untrennbare Bleibe in den unerreichbaren Tiefen der Kindheit. Furcht und Frucht. unlösbar der Schatten vom Licht, der Schaffende vom Schlaf, die Erzählung vom Gedächtnis, die Erinnerung vom Ereignis, das Denken von der Schuld. des Danach. das ja auch nicht wäre ohne Davor. die Übrigen dann als die Sagenden. als die Hörenden unter den Schweigenden. und all die Schönheit des Lebens. weil unzerstreut seine Schmerzen.

so viele abschiede

[buchheimer fragmente]

die träume
in gedeckten farben

schweigende mütter
hinter den fenstern

vergangen
die zeit der sprache

flüsterndes
mag noch sein
im laub
der leergepflückten brombeersträucher
ein murmeln noch
in den rinnsalen
vom hügel die straße hinab
weil ein heftiger schauer niederging

aber
die stimmen
sind wie die goldenen kugeln
die in die brunnen fielen
wann immer gesprochen wurde
von wünschen

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[vierter Ort: alte Dorfstraße. Rabenplatz]

[nicht zu vergessen: wie schön das Blau des Himmels unterm Wolkenzug. und: ganz ohne Zeitdruck zu beschreiben ein leeres Blatt Papier. dorthin zu schauen. ist. wie hier anzukommen. als wir noch Kinder. als wir noch hatten Mütter und Väter. denn: dort oben ist es sehr tief. aber: hier unten und dazwischen ist es jetzt. also: der Bereich einer möglichen Sprachlichkeit für den Augenblick. sofern er uns an etwas erinnert. das noch kommen soll]

wildes Gras. letzte Entfaltung im Träumen. ohne Ansprüche an die Wirklichkeit. auch das Lamm ist spät. und in seinem Fell ist die Müdigkeit des frühen Nachmittags. dennoch: die Zeit der Metaphern läuft ab. das Säkulum der Protokolle bricht an. die unverschlüsselten Gedanken täglich und pünktlich abzuliefern. bevor es dämmert. bevor es einem dämmert. und all die verstrickte und verstümmelte Sprache. abzulassen. ohne Ablass. wie den kondensierten Atem aus der Wasserklappe der ewigen Posaune.

einzige seele

[buchheimer fragmente]

am morgen
einzige seele
grauer himmel
der ahnung

mein haar
die ausgekämmten wunder
meine haut
das laub der verlorenen zeit

waldiger duft
farbloser träume
gestirne
leblose. wunde

später
der frühstückstisch gedeckt
mit allen gedanken
der vielen jahre. fort

z.b.
als überschwappte der see
vom licht des mondes

oder
als uns der atem stockte
kurz vor ende des frühlings

aber dann
plötzlich und unerwartet
blieben die augen geschlossen

die etwas gesehen hatten

es ist als ginge…

[bevor das Gras vergeht. baltische Elegien]

es ist als ginge…

…die Landschaft mit den Sterbenden. die Enden des Vergehens dehnen sich. als reiche die Unendlichkeit dem Zeitlichen ihre Hand. dem in seiner Ermattung immer noch zögernden Leben zu helfen. auf die andere Seite. weil hier selbst der letzte Atemzug noch einen Schatten Sehnsucht in sich trägt. im Blick zurück. da. wo er hängenblieb. den Schritten nachzuschauen. die er noch hätte gehen können. zu spüren. wenn er steht. an den Grenzen. Küsten. Ufern. dass sie erinnert sein werden. in ihm. der die Zeit trug durch die Wälder und um die Seen und die stillen Flüsse entlang. denn so dachte er einmal: solange ich gehe durch die nahen Gegenden, aus denen ich wurde und wuchs, werden sie nicht verödet sein und nehmen mich zu sich in die Tiefe ihres Schweigens. da. wo die Seelen weiden.