traum eines einsamen gottes. sich selbst zu vergessen. für einen kurzen moment. seines langen wartens. wohin schickte er das gespenst seiner ersten schöpfung? das der träumende nicht zu vertreiben vermag. bild und abbild stehen in einem ständigen widerspruch. dem jedoch nicht widersprochen wird. er trägt seine eigene asche zum ufer. an dem die rufenden auf ein echo warten. müdgewandert ließ er sich fallen. einen halben schritt vom offenbarten entfernt. den sehnenden, die ihm noch bis an den rand des zweifels gefolgt waren, gebot er schlaf und abschied. denn die inzwischen fast verdurstete erde sollte nicht verzweifeln ob ihrer dürren seelen. die schon zu lange versucht hatten, sich aus einem verborgenen zu ernähren. darum musste das schweigen ihre heilige sprache sein. und jede rede musste gehen vom unsagbaren. denn es ist unter allem, was klingen kann, das vom schrei am weitesten entfernte. und zugleich ist es sein unmittelbarer spiegel. das blinde glas. in dessen haut sie sich zurückwerfen. um nicht aus der eigenen fahren zu müssen. und um ihr blutleeres gewebe im roten licht des abends zu baden. der schöpfende aber. kennt den brunnen. in den er den eimer hinablässt. den er gefüllt wieder vom dunkel ans licht ziehen möchte. er wird, ohne zu trinken, nur ins flüssige schauen. eine nacht lang. bis zum anbruch des nächsten tages der frühere schmerz nur noch ein gedanke ist. der anfang einer lust. das leben zu erzählen. ohne es zu beklagen. den leib zu bewohnen. ohne ihn zu geißeln. und die seele dort zu suchen. wo die stimme ob aller kurzatmigkeit verloren ging. und also beim hauch zu beginnen. aus dem heraus sich atmen und schreiten lässt. beim ufer. aus dem – wie gezweig aus dem stamm – die pfade wachsen. die zu den breiteren wegen und straßen führen. an deren rand entlang gegangen werden kann ohne weisung. einfach der eigenen inneren güte nach. die sich den menschen nicht aufdrängt. sondern sich unmerklich als heilender schatten auf ihre zahllosen blendungen legt. und die – am äußersten rand einer wüste stehend – um einer fernen verheißung willen das öde ihrer vertrauten geborgenheit nicht verlassen. denn das bild einer tollkühnen tat. und der ihr folgende tod. wurde ihnen in die augen gestempelt. damit die angst – dieses wirksamste aller betäubungsmittel – sie hält in der lähmung. dabei hatte kein schöpfer jemals verkündet. dass die seele eine schnecke sei. und der körper das gehäuse. in das sie sich verkrieche. nein! schon seit eh und je war sie das verirrte gestirn. das – ob mütterlich oder väterlich – still zur nächtigen seite seines kindlichen planeten herabblickt. und geduldig wartet. bis es dem geist – dem sie hauch sein möchte – einmal so richtig dämmert. und da stand er nun – nicht mehr gott, nicht mehr mensch, nur atem zwischen zwei erkalteten lungen. sein auge, leer wie eine muschel, spiegelte die blicke der hungernden. und wer noch sehen konnte, sah das nichts und nannte es frieden. wir aber, kinder der aufgelösten ordnungen, standen im kreis um das schweigen. ein kreis – kein altar, kein tribunal – nur die letzte form einer gemeinschaft, die noch nicht vergessen hat, zu horchen, wenn niemand mehr spricht.
Vorrede zu einem neuen Zyklus von prosalyrischen Texten
vor der menschheit steht: das ungeheuer einer forderung. sich zu erinnern. das zeugnis wird nicht mehr genug sein. die geschichte wird sich durch ihr fleisch wühlen müssen. sie wird sich als endlosschleife durch ihre träume winden. sie wird den schmerz zurückbringen in ihr taubes gewebe. und die durch ihre träume gewanderten schrecknisse werden sich nicht mehr verschweigen lassen. sie wird bekennen müssen: ich habe gehört. ich habe gesehen. ich habe gewittert. ich habe gewusst. ich kannte die stimmen der flehenden. ich spürte den schlaffen muskel der unterlassung zwischen den schläfen. sie wird sich nicht mehr winden können. aus ihrer eigenen haut. wie die schlange. von der sie sich hat beißen lassen. alle sieben jahre. um ihre kranke sucht. um die vergiftete sehnsucht als notwendigkeit empfinden zu können. um immer wieder und neu behaupten zu können: ich wurde im paradies geboren. ich saß unter dem baum, unter den reifen früchten. ich spüre noch die beule am kopf, vom letzten apfel, der sich fallen ließ. ich blieb auf meiner seite. treu. und arglos. und stehe hier noch immer am richtigen ufer. in der friedlichen stille des siebten tages. während das leben, das sich aus diesen gärten fortmachte, das sich durch die hecken und durch die gesetze schnitt, dieses so genannte leben, diese mühsame zwischenzeit, diese lange weile zwischen geburt und tod, für immer da draußen lungert, da drüben, also dort jedenfalls, wo es sich ortlos und immer anders, immer woanders, durch das zeitliche schleppt. ich sage: ich! weil es keines echos bedarf. das den stolz meiner gewohnheit stört. ich sage: ich! weil ich mich nicht vertauschen und verwechseln lasse, mit jenen, die anders sein wollen, in ihrer albernen uneigenheit. ich sage: ich! weil die nötigen opfer nicht auf meiner seite des zaunes stehen. nein! ich gebe mich nicht auf, wie das unadressierte paket, das auf riesigen postdampfern ziellos über unendliche wasser schippert. ich mache mich jetzt ganz ehrlich. und werde nichts versprechen. und werde mich nicht versprechen. den unsäglichen verheißungen und verheimlichungen. mit diesen schalen abfindungen des gehorsamen lebens. ja! ich schlage ein raues leder des gedächtnisses um die ohren der tauben. nein! ich will kein versprochener mehr sein. keine tat mehr. die dem wort nicht entsprochen hätte. ich trage, ganz unverhohlen, das gespenst, das die hohlheit ausfüllt, das gespenst meiner inwendigen fülle, bei gleichzeitiger äußerer schlankheit, kargheit, das gespenst der lösung, der auflösung. aller widersprüche. und aller bedürfnisse. ich sage: ich! als ergebnis einer zucht. einer selbstzucht. eines kommens im genügsamen hiersein. eines auskommens in der bleibe. eines einkommens, das sich ausgeht, ohne ausgehen zu müssen. so bin ich in mich eingetreten. und trete für mich ein. ohne mich eintreten zu müssen. ohne den zwang der tritte und der bitte. und erst recht: einer niedrigen dankbarkeit. die einem keiner dankt. der „du“ sprach. und „ich“ dachte. um den lohn des unverdienten zu bejammern. und den verdienst der belohnten zu versauern. ich sage: ich! um den namen zu vergessen, den mir eine vergessliche mutter gab, um sich selbst neu benennen zu können. ich sage: ich! weil ich in der ferne ein großes gelächter hörte. weil ich ein lachen spüre, ein kitzeln. nicht hinter mir. nicht vor mir. sondern: in meiner zunge. ich sage: ich! weil mir bis heute abend der mund abfällt. und nichts von mir bleibt als: ein loch im gesicht. ich sage: ich! weil es das einzige wort ist, das sich nicht schreien lässt und dennoch in die ohren der vergrabenen sickert. deren fleisch sich kühlt im schutt der geschichte. ich sage es, bis niemand mehr da ist, der mich verwechselt. außer ich selbst, der ich schon weg bin.
nach einem nicht gesagten du. im spalt. des zerschnittenen ichs
im schatten der mauer. keine antwort. nicht in der mailbox. nicht im licht. nicht in mir.
dein schweigen ist eine landkarte. abgerieben von zu viel blick. die linien – meiner greisen hände – ohne orte. wie wege, die: nie begannen.
der mond stieg über dächer. wie eine frage. er brannte sich ein in die scheibe der tür, die du nicht mehr durchquert hast.
ich warte. nicht auf dich. ich warte auf das aufhören der bewegung deines namens in meinem mund.
eine silbe, ein schatten darin. eine stimme: verödet im gehör. eine umarmung: nicht vollzogen.
im hof: eine birke, die sich gegen das fehlen wehrt. ich schreibe in die rinde der stunden. ich schreie nicht. ich schreite kaum. ich wandle. ich verwandele nicht. und liege auf getretenem gras, in dem das schweigen deines letzten blickes blinde wurzeln schlug.
ich hätte dich halten sollen. nicht: als körper. sondern als abdruck in meinem entwohnten innern.
die welt schlief ein. als alles blühte. es war frühling. als du gingst. als das leben weiterging. als die stille deinen gang angenommen hatte. als ich aufhörte heimzugehen.
du hältst die laute. die ich nicht mehr höre. die scherben. die ich stieß durch meine wange. wie durch mein ungesagtes. dein letztes ewig… ewig…
anlässlich der Premiere der ELEKTRA von Richard Strauss (Text: Hugo von Hofmannsthal) am 4. Juli 2025 im Rahmen der Opernfestspiele Heidenheim, in der Regie meiner lieben Freundin Vera Nemirova
I – Mägde
Auftakt. Akkord eines Namens. Der Name eines Toten. Die Szene als Schlund. Sog einer Frage: Wo bleibt Elektra? Der Name der Übrigen. Der Erinnernden. Des Widerstands. Der Klage. Des Schreis. Des Sagens… Überleben im Wort. In der Prophetie – blutend aus Auge und Stimme.
Ort: Mykene. Zeit: Mythos. Wir sind nicht am, sondern im Hof. Ein Nebenschauplatz. Und doch: alles beginnt hier. Nicht im Zentrum des Palastes. Nicht bei Agamemnons Knochen. Nicht bei Klytämnestras Hysterie. Sondern beim Waschwasser. Beim Fußschmutz. Beim Tiergeruch der Unterdrückten. Kein Beginn im Glanz. Sondern: im Stöhnen. Im Hohn. In grauer, grausamer Arbeit.
Denn sie ist die ewige Exposition als nächtlicher Nachhall des Schlachtens, das immer gleiche Intermezzo im Schatten des Alltags – der Epilog einer kollektiven Spurenbeseitigung und zugleich der Prolog für die nächste Vernichtung.
Die Szene ist eine Putz-Schicht – im doppelten Sinne: Sie zeigt, was die Oberen weggewischt haben möchten und trägt in der Verrichtung der Unterdrückten den Bodensatz der Wahrheit. Hier: das Personal, das das Blut von den Dielen schrubbt – täglich. Nicht Worte halten die Erinnerung wach, sondern die Wiederholung einer ritualisierten „Leer“Stunde.
Diese Mägde sind keine Chorfrauen. Keine Seherinnen oder Sirenen. Sie sind Stimmen aus der Ecke. Im diagonalen Gegenüber zu Elektras „traurigem Winkel“. Was sie sagen, hat keine Form, kein Pathos – aber: eine Genauigkeit, die auf jegliche Poesie verzichten kann.
Und doch ist da Poesie. Eine, die schweigt. Eine, die sich im Schweigen wehrhaft zeigt. Denn was Elektra da durchleidet, erleben wir nicht über ihren Monolog – sondern in den Blicken der Anderen. Hofmannsthal/Strauss zeigen Elektra zuerst als Reflex. Ein Zucken. Ein Tier. Ein Schatten. Radikaler geht es kaum.
„Ich füttre mir einen Geier auf im Leib.“ Eine solche Zeile ist keine Pose. Sie ist Metapher als Diagnose. Da ist etwas in ihr, das frisst. Nicht ihr Hass. Nicht ihre Erinnerung. Sondern: die Nicht-Möglichkeit zu vergessen. Nein! Sie ist kein Racheengel. Sondern: eine offene Wunde. In einem Haus, das die Fenster verriegelt hat.
Zur Einsamen tritt die Einsame – die fünfte Magd. Eine sich opfernde Lichtgestalt. Sie erkennt Elektra nicht als Wahnsinnige, sondern als Königin der Verwundung. Eine Frau, die weiß, was die Wahrheit kostet. Und den Preis bezahlt.
In diesem Haus, in dem alles in Schuld getränkt ist, wird nicht durch Argumente gestritten, sondern mit den körperlichen Gerüchen. Blut. Schweiß. Sperma. Tränen – alles vermengt sich zu einem chorischen Destillat der Geschichte.
Darum ist dieser Anfang nicht beiläufig. Er ist die politische Setzung der Oper. Diese Mägde sprechen nicht über Elektra. Sie sprechen über die Frage: Was darf eine Frau fühlen? Wie viel Zorn? Wie viel Erinnerung? Wie viel Tierisches? Sie nennen sie: Katze, Schmeißfliege, Dämon. Aber was sie nicht sagen – und was alles durchzieht – ist: Sie fürchten sie. Weil sie den Unverzeihlichen nicht vergisst. Und das ist ihre Sünde. Nicht der Hass. Nicht der Schmerz. Sondern die Treue zu dem, was nicht mehr da ist.
Die fünfte Magd resümiert: „Es gibt nichts auf der Welt, das königlicher ist als sie“. Das ist kein Lob. Das ist eine Verurteilung des ganzen Hauses. Denn wenn eine Frau in Lumpen, in Blut und Dreck, königlicher ist als alle, dann ist das Königshaus gefallen. Nicht durch Mord. Sondern durch Wahrheit.
II – Elektra. allein
„Allein! Weh, ganz allein…“ – Dies nicht einfach ein Monolog. Dies ist ein Überfall der Sprache auf den Körper. Strauss lässt Elektra nicht sprechen – er lässt sie rasen, reißen, rufen. Der Monolog als Beschwörung und Fiebertraum zugleich. Zwischen Dämmerung und Nacht. Gesungen von einer, die nicht schläft, bevor die Leviten einer unvergesslichen Wahrheit gelesen sind.
Agamemnon – dieser Name: ein Schmerz, ein Schwur, eine übermächtig drückende Erscheinung, hinter der ein Großteil der verfluchten Vergangenheit verschwindet. Was weiß Elektra schon von den Verbrechen des Kriegers, der an der Seite der Spartaner die Feinde niederstreckte – und die Schuld in den eigenen Zelten vergaß; der sich Ruhm erfocht – und dabei das eigene Kind dem Wind opferte? Was will sie wissen von der Trauer und dem Zorn der Mutter, der das Kind (Iphigenie) auf immer genommen wurde? Agamemnon – dieser Name: er ist zu ihrer Seele geronnen – gequält, zertrümmert, vernichtet.
Wir hören: Elektra – im Zwiegespräch mit einem Toten. Jeder Trauernde weiß: Das ist kein Wahn. Das ist Erinnerung in ihrer radikalsten Form. Nicht: du fehlst. Sondern: du fehlst so sehr, dass ich selbst mich verloren habe.
Ihre Klage aber ist kein übertriebenes Pathos. Sie ist vielmehr ein Kind ohne Vater. Damit wurde ihr ein Teil ihrer Kindheit aus der Seele gerissen. Bevor das Kind schlafen kann, muss es den Vater herbeirufen. Er muss zur Projektion eines wiederaufgerichteten Glückes werden. Als Ursprung. Als Held. Als Gott. „Nur so wie gestern, wie ein Schatten…“ Elektra bettelt nicht um Rache. Sie bittet um Anwesenheit. Sie will nicht Macht. Sie will: gesehen werden. Wenigstens von einem Schatten. Nur einen kurzen Augenblick. Um nicht mehr allein zu sein.
Der Mythos hat viele Töchter. Aber Elektra ist die einzige, die ihren Vater nicht loslässt. Sie tanzt um ein Grab, das mehr ist als ein Stein: eine Wunde im Text der Welt. Und sie tanzt darüber. Sie tanzt, „über Leichen hin“ und hebt das Knie hoch, „Schritt für Schritt“.
Der Textdichter schrieb dies, so bekennt er in seinem „Chandos-Brief“, nicht auf Papier, sondern: in den Bewegungen seines Rückzugs. Im Ausbleiben seiner Antworten. In den nicht abgeschickten Sätzen. In den nicht sagbaren Worten einer universellen Sprachlosigkeit, auf tauben Zungen zergehend wie Pilze.
Umso mehr wird in der Elektra die imaginierte Wiederauferstehung des Vaters zu einem „Prunkfest“, „angestellt“ für einen „großen König“, von „seinem Fleisch und Blut“. Und Strauss komponiert einen triumphalen Vernichtungs-Tanz – Elektra tanzt über sich selbst hinweg und über den Rand des theatralen Jetzt hinaus.
Was bleibt? Nicht Erlösung. Sondern: eine Spur. Ein Schatten im Staub. Ein Rest. Vergangenheit. In einem ausgelöschten Namen…
III – Chrysothemis. Verzweiflung einer Wünschenden
Chrysothemis will Kinder. Elektra will Gerechtigkeit. Beide bekommen: nichts. Die eine richtet ihren Blick in die Möglichkeiten einer lebenswerten Zukunft. Die andere schaut zurück, um aus der missratenen Vergangenheit ein einzig Rettbares für die Gegenwart herbeizuzwingen. Doch die Gegenwart entgleitet ihr fortwährend. Und wenn die ersehnte Rache in den Vollzug tritt, tritt sie die Erinnernde in die Auslöschung. Denn die Erinnernde darf keine Vollziehende sein.
Was sagt dieses Stück über die Kinder des Krieges? Sie müssen lernen zu schreien; vor dem ersten Atemzug. Und dann: vergessen. Elektra will nicht vergessen; ihre Auflehnung ist ihr Gedächtnis. Aber nicht, um der Welt zuzurufen: Nie wieder. Sondern um einer Vergeltung willen, die alles und vor allem sich selbst in die Vernichtung zieht.
Chrysothemis aber will fort. Fort aus diesem Kreislauf des Verderbens. Fort aus den vergeblichen Hoffnungen. Fort aus einem erzwungenen Schicksal. So groß und mächtig es auch immer in den Mythenbüchern prangen mag. Fort, um frei zu sein. Für eine einfache, hingebungsvolle, gebärende, mütterlich-nährende Existenz. „Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht bis an den Tod hier schlafen!“ – Das ist keine Metapher. Das ist ein Begehren gegen die semantische Erstickung. Gegen das Schweigen als Todesform.
Sie ist die, die sich willig den gebärenden Frauen anschließt, die den Eimer aus dem Brunnen zieht. Jedoch: was sie hervorholt, sind immer und immer wieder nur Bilder in einem Zerrspiegel. Unerfüllte oder zerstörte Körper. Zerbrochene Zeit.
Elektra nennt sie „armes Geschöpf“. Das ist kein Spott. Das ist das Urteil der Radikalen über Jene, die sich nichts weiter als eine schlichte, unbedeutende, friedliche Existenz herbeisehnt, weit weg vom Politischen und Historischen. Chrysothemis will leben, lieben, gebären. Elektra aber hat nur noch einen Totenschatten als Brautkleid.
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Einwurf aus dem poetischen Zwischen
In der Dichtkunst ließe sich nicht sagen: Ich schreibe nicht aus Hoffnung, sondern – wie Elektra – aus einer entgleisten Form der Treue.
In der Dichtkunst muss es immer lauten: Ich will, dass jemand mir den Namen wiedergibt, den ich verloren habe – beim ersten Schrei.
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Es ist mehr als eine Ahnung, was die Tochter von den Träumen der Mutter berichtet. Denn was man über diese Träume weiß, ist über die Jahre zum Echo eines Orakels geworden.
Klytämnestras Traum – der immer gleiche, jede Nacht – ist ein unterbewusst manifestiertes Erwachen, hinein in den Augenblick des Beginns vom Ende – ein Augenblick, der sich unendliche Male wiederholt und durch kein Opfer und keine Medizin getilgt werden kann.
Ja, wenn Mütter träumen, wird es gefährlich. Nicht so sehr vielleicht, weil sie schuldig sind, sondern weil sie tragen und zugleich zerstören. Noch die tote Mutter würgt ihr träumendes Kind. Sie verlässt es nie. Sie hat ihre dauernde Bleibe im Schatten der Worte, der sich durch Schlaf und Wachen schraubt.
Nicht nur Elektra, auch Chrysothemis zeigt uns: mit dieser Mutter – wie mit der Vergangenheit insgesamt – gibt es keine Versöhnung. Es gibt nur: ein Driften, den Spalt, den unheilbaren Unterschied. Und: den unentwegten Aufschrei einer Gefangenen.
Wie endet die Szene? Elektra ist bereit, mit ihrer Mutter „zu reden wie noch nie“. Chrysothemis will es nicht hören. Sie rennt. Sie bricht ab. Um nicht zusammenzubrechen. Sie ist: wie wir.
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Nachruf aus dem lyrischen Riss zwischen Rand und Abgrund
Ich: habe auch nicht mehr zugehört. irgendwann wurden alle Stimmen zu einer: dem Echo, in dem ich hause – schweigend.
IV – Interludium. Eine Klage im Echo von Jahrhunderten
„Eifersüchtig sind / die Toten: und er schickte mir den Hass, / den hohläugigen Hass als Bräutigam. / So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen / und habe nichts hervorgebracht aus mir / und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.“
Elektra klagt. Und klagt an. Ihre Wunde: Die väterliche Geschichte. Ihre Worte: die Klinge, die diese Wunde Tag für Tag aufs Neue öffnet. Aus ihrer vernarbten Sprache ruft es: Ich bin keine Stimme. Ich bin das, was nach ihr bleibt. Das, was in den Kelchen der Wunden gerinnt, ein versiegter Gesang, aus der Milch der Toten. Ich sah, wie sie fielen: Antigonae, mit Blut auf den Lippen, und keine Götter, nur Sand in den Augen. Ich sehe mich selbst, Elektra, immer wieder, mit meinem Geier im Leib, und kein Licht, nur das Echo meines Vaters. Ich sehe Medea, mit den Kindern im Arm und der Stadt im Nacken, ein Feuer in den Haaren, das niemals gelöscht wird. Ich sehe Penelope, die stillste, die einzige, die blieb. Die nie vergessen wurde, weil niemand sich an sie erinnerte. Ich bin eine Prophetin, die das Schweigen übersetzt. Mein altes Alphabet besteht aus: Tränenrinnen. Schnürfurchen. Geburtsnarben. Ich bin die, die sich nicht auflehnt, sondern aufzeichnet. Ich schreibe mit abgerissenen Fingern. Ich schreibe in eurem Schlaf. Ich bin die, deren Stimme durch eure Tunnel hallt, wenn ihr nachts allein durch die verwinkelten, flackernden Straßen irrt und denkt: Das ist Freiheit. Ich bin die Frage, die ihr nie zu stellen wagtet: Was habt ihr mit den Klagenden gemacht? Wo sind sie jetzt? In welchen Psychiatrien, in welchen Ruinensälen, in welchen verwaisten Schulen, in welchen abgestellten Fahrstühlen, in welchen Dokumenten, verschwunden im Staub der Archive oder längst verschimmelt von den letzten Wasserschäden? Ich bin die, die den Wind kennt, der durch die eingestürzten Häuser pfeift. Ich bin das, was von den Liedern blieb, wenn die Stimmen gingen. Ich bin eine Prophetin. Aber ich habe keine Zukunft. Doch ich erinnere euch an das, was ihr längst vergessen habt: eure Mütter. Und das Blut, das in ihren Gedichten schwieg.
V – Klytämnestra: die Frage. Elektra: die Antwort.
Die Wahrheit. Die Bühne. Der traurige Winkel. Oder: Befragung einer Befragten.
ELEKTRA
Sie haben mich oft gefragt, warum ich nicht einfach verzeihe. Und ich wollte antworten: weil meine Mutter ein scharlachrotes Gewand trägt, geschmückt mit ringen aus Zynismus und einem Stab aus Schuld. Aber ich habe nur geschwiegen. So wie sie es wollte. Und dann, vielleicht: geschrie[b]en.
EINE DRAMATURGIN
Diese Szene ist eine Umkehrung der Beichte. Nicht die Tochter bekennt sich – sondern die Mutter wird zur Angeklagten im eigenen Haus, ohne Tribunal, ohne Gesetz. Nur: durch die Sprache des Schmerzes. Elektras Sprache ist das Beil. Und die Rhetorik des Rituals bricht durch jede Grammatik hindurch.
ELEKTRA
Ich wollte keine Sprache. Ich wollte einen Ort. Aber es gab nur Gänge. Und diese Gänge führten immer wieder zu ihr zurück. Sie: mit ihren schlaflosen Augen, mit dem Alb in den Rippen, mit der Fackel, die den Schatten nährt. Sag mir, Bruder: wie oft muss ein Körper schlafen, um nicht mehr von seiner Mutter zu träumen?
EINE DRAMATURGIN
Die Körper dieser Szene sind erschöpft von Bedeutung. Das Opfer-Tier, das Elektra nennt, ist kein Symbol. Es ist Körperrealität in der Sprache der Liturgie. Ein Weib, erkannt vom Manne. Ein Körper, der wusste. Und der geopfert werden soll, weil seine Erinnerung nicht schweigt.
ELEKTRA
Ich trage sie noch. Ihre Träume. Nicht die mit den Dämonen und Schnäbeln. Die anderen. Die leeren. Die wie eine flache Hand auf meinem Gesicht liegen. Nachts. Wenn alle Betten warm sind. Und nach Vergebung duften.
EINE DRAMATURGIN
Wir müssen diese Szene nicht deuten. Wir müssen sie halten lernen. Wie eine schwere Schale. Wie ein Gefäß, das überläuft – mit dem nicht verarbeiteten Mythos der westlichen Mütter.
Und Elektra? Sie ist nicht die Rächende. Sie ist die, deren Herz noch weiß, was fehlt. Ein Bruder, der einmal kommen soll. Ein Vater, der nicht mehr starrt. Ein Körper, der nicht mehr lügt.
VI – Mutter. Durst. Blut. Das die Träume nicht stillt
Sie hat ihn empfangen. In ihrem Leib. Das Tier. Das schlingt und nährt. Sie hat ihn empfangen und nicht wieder losgelassen. Sie hat das Messer nicht geworfen, Sie hat es in der Hand behalten. Hat es an der Milch vorbeigeführt, an der weichen Brust vorbei, in das Herz, das ihr nicht gehorchte. Sie hat nicht vergessen. Keine Mutter vergisst. Sie erinnern mit dem Körper. Mit dem Schatten. Mit dem Schlaf. Sie gebären nur einmal. Und dann verzehren sie. Sagt nicht: Klytämnestra ist ein Mythos. Sagt: sie ist ein Protokoll. Sagt: sie ist das Organigramm des Schuldgedächtnisses. Sagt: jede Tochter trägt das Geräusch des unbezahlten Schreis. Sagt: jede Nacht ist eine Waage. Auf der einen Schale: das Schweigen. Auf der anderen: das Messer. Sagt: sie träumt. Sagt nicht: sie hat geträumt. Sagt: sie träumt noch immer.
VII – Ein Kopf. Heutig. Eine Szene. Ganz nah. Ohne großes Orchester. EinsameMundharmonika. Die Bühne: ein Holzverschlag im Hinterhof. Filmset. Netflix hatbestellt: einen Achtteiler – historische Familien-Dramedy – für die Zeit zwischen den Jahren.
ELEKTRA (kauernd beim Urnenträger)
Was trägst du da? Ist das die Urne? Ist das – Was du da in der Hand hältst? Das?
URNENTRÄGER (OREST, noch nicht von ihr erkannt)
Ja. Ein Freund von ihm gab mir das Gefäß.
ELEKTRA
Nicht öffnen! Lass es geschlossen. Lass mich es nicht sehen. Nicht wissen, nicht wissen. (Stille. Dann mit bebender Stimme) So klein ist er nun. So klein. Mein Bruder. In meiner Hand. (sie wiegt die Urne wie ein schlafendes Kind) Das ist alles? Er – war – so – schön. (Pause. Wie in ein fremdes Leben sprechend) Ich hatte ihm das Haar geflochten. Wir waren Kinder. Er war König. Er war mein Bruder. Er war ein Satz in meinem Blut. Und jetzt ist er: ein Gefäß.
FLÜSTERER IM AUDITORIUM
Sie erkennt ihn nicht. Die List ist vollkommen. Die Stimme – verstellt, das Haar – fremd. Und doch – Der Tod ist glaubhafter als die Heimkehr.
ECHO DER SITZNACHBARIN
Ja. Denn die Trauer hat bereits Besitz ergriffen. Sie wohnt in ihr. Sie hat sich eingerichtet. Ein Wiedersehen wäre: Verlustverlust. Ein Abschied vom Abschied.
ELEKTRA
Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr klagen. Ich kann nicht mehr hassen. Ich bin – leergebrannt. (sie starrt den Urnenträger an) Wie hieß dein Freund?
URNENTRÄGER
Er hieß – Orest.
ELEKTRA (verstummt. Dann sehr leise)
Du lügst… (eine Weile darauf: plötzlicher Aufschrei) Du lügst! Du kannst so nicht heißen! Er ist tot! (sie tritt zurück, fast stürzt sie) Sag – Sag noch einmal – wie du heißt.
OREST
Ich heiße – Orest. (Schweigen. Dann, ein Laut aus einer anderen Welt)
ELEKTRA
Mein Bruder! (sie stürzt auf ihn zu, will ihn umfassen, bleibt aber wie gebannt stehen) Du – bist es. Du – bist es! (leise, wie in Trance) Ich sehe dich – Ich sehe dich. O mein Gott, ich sehe dich.
FLÜSTERER IM AUDITORIUM
Und alles Dunkel hat einen Riss.
ECHO DER SITZNACHBARIN
Hier beginnt die Umkehr der Zeit.
VIII – Auswertung. Erkenntnis. Bei einem Blanc de Noir. In den zwei Tränen fielen.
Wir treten nun in die absolute Zone. Nicht: Wiedersehen. Nicht: Versöhnung. Sondern: das kurze, überirdisch helle Aufreißen einer Zeitfalte. Orest kehrt zurück. Aber er nennt sich nicht. Er steht da – als Urnenträger. Die Schwester erkennt ihn nicht. Das ist das grausamste aller Missverständnisse: der lebendige Bruder – gehalten für Asche.
In Elektras Händen: das Gefäß. In ihrer Stimme: das Nichts. „So klein ist er nun.“ Diese Zeile ist nicht nur Klage. Sie ist Anthropologie. Die Reduktion des Menschen auf das, was bleibt, wenn nichts mehr bleibt. In der Musik: ein abwärts sinkendes Motiv – eine Linie, die sich auflöst in Staub.
Und doch: sie ahnt es. Sie schreit nicht. Sie fragt. Die Sprache beginnt zu zittern. Die Wirklichkeit wankt. Denn der Schmerz ist größer als die Hoffnung. Größer als jede Vorstellung. Das Erkennen ist ein körperlicher Schock. Nicht durch Wissen – sondern durch Stimme.
Strauss komponiert hier keine Wendung – sondern eine Offenbarung. „Orest! Orest! Orest!“ – ein göttlicher Akkord. Kaum mehr Gesang – viel eher ein leises Fallenlassen des letzten Atems aus der fast verstummten Stimme.
Doch Elektra fällt nicht. Sie steht. Wie eine Statue, der das Herz schlägt.
„O lass deine Augen / mich sehn! Traumbild, mir geschenktes / Traumbild, schöner als alle Träume. / Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht, / o bleib bei mir! Lös nicht / in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht, / es sei denn, das ich jetzt gleich / sterben muss und du dich anzeigst / und mich holen kommst: dann sterb ich / seliger als ich gelebt.“
Worte, größer als jedes Epos. Größer als alle Rache. Hier ist keine Heldin mehr – nur ein Mensch, der zurückgeschenkt wurde.
Und wir – wir, die Zuschauer, Hörer, Leser – werden Zeugen eines Moments, der in der antiken Welt als Anagnorisis bekannt war: das plötzliche Wiedererkennen. Aber hier ist es kein Moment des Wissens. Es ist ein Moment des Durchglühtwerdens. Der Mythos schlägt ins Innere.
Man wünschte: es bliebe so. Nur das Wiedersehen. Kein Danach. Doch das Danach ist schon da. Im Hintergrund hebt sich das Motiv der Erinnyen. Die Toten wollen Gerechtigkeit. Nicht Liebe.
IX – Mythos. Ein Zwang. Rache. Ein Fluch. Gedächtnis: das nutzlose Beil. Gerechtigkeit: die kalte Entsorgung des Rechts. Und der Erinnerung.
Es ist geschehen. Kein Bühnenblut. Kein Pathos. Nur: ein Schrei. Und das Echo einer Welt, die sich selbst getötet hat.
Klytämnestra stirbt, wie sie lebte: in einem Albtraum aus Symbolen. Sie sieht ihn – den Sohn – wie er in ihren Träumen jede Nacht herabstieg. Aber diesmal ist er Fleisch. Fleisch mit einem Beil.
Und Elektra? Sie ruft es: „Triff noch einmal!“ Kein Zögern. Kein Zartgefühl. Nur die brutale Vollstreckung. Die Stimme – eine Axt. Der zornige Ruf nach Gerechtigkeit. Kein Ariadnefaden, sondern eine Guillotine aus Vokal und Atem.
Dann: Aegisth. Ein Schatten von Männlichkeit. Selbstverliebt. Parfümiert. Verbeamtet in seiner eigenen Machtphantasie. Er tritt auf wie ein König. Aber der Hof ist leer. Die Mägde fliehen. Die Frauen verstecken sich. Nur Elektra bleibt – mit der Fackel. Das Licht der Wahrheit – gereicht in der Hand des Hasses.
Sein Auftreten: pathetisch. Er will Meldung. Nachricht. Kontrolle. Doch das Haus hat sich gegen ihn verschworen. Es ist: ein Grab.
Elektra spielt mit ihm. Wie eine Katze mit der Maus. Sie umkreist ihn, sie beleuchtet ihm die Stufen – die Treppe ins Verderben.
Er geht hinein. Die Tür schließt sich. Stille. Dann: ein Kreischen. Sein Gesicht am Fenster – wie eine aufgespießte Karikatur. „Helft!“ Doch niemand hilft.
Elektra braucht nur einen Satz, der wie das Messer selbst ist, das Aegisth richtet: „Agamemnon hört dich.“ Endlich. Der Vater hört. Nicht mehr tot. Nicht mehr stumm. Ein Echo, das das Urteil spricht und vollstreckt.
X – Schweigen. Und Tanzen
Elektra steht auf. Ein letztes Mal. Nach allem. Nach Blut. Nach Fluch. Nach Erfüllung. Nach Orest. Nach dem Schrei. Nach der göttlichen Justiz. Sie erhebt sich – nicht, um zu sprechen. Sondern um zu tanzen.
Es ist kein Tanz. Es ist eine Entladung. Ein Beben. Eine Geburt: eine zweite, eine tödliche Geburt aus sich selbst heraus. Sie tanzt nicht für die Welt. Sie tanzt sich selbst aus dem Leib.
Und Chrysothemis? Die Schwester der Hoffnung? Sie ruft, und der Chor antwortet: „Komm!“ „Er lebt!“ „Orest!“ – ein Wort, das wie eine Glocke durch das Haus zieht, durch die Hallen, durch die Blutlachen. Ein Wort wie eine Salbung.
Doch Elektra hört davon nichts mehr. Denn alles, was da klingt, kommt aus ihr selbst. Sie ist nun Klangkörper. Weltresonanz. Sie ist Trommel, Tremor, Triptychon. Der Tanz ist kein Ausdruck – er ist das letzte Organ. Der Körper zuckt. Wie besessen. Wie eine Mänade ohne Dionysos. Ein ganzes Geschlecht tanzt sich hier aus dem Grab.
Was bleibt? Ein Sturz. Ein leiser Tod. Kein Aufschrei mehr. Nur: ein dumpfer Klang. Der Klang, wenn Geschichte sich schließt. Während Chrysothemis ruft. Sie hämmert die Rufe an die Palastpforte. „Orest! Orest!“ Aber der kommt nicht. Oder ist längst da. Oder ist längst gegangen. Wir wissen es nicht. Wir hören nur: Stille. Die Pforte bleibt verschlossen.
Was ist das Klopfen an der Palastpforte? Es ist der Versuch, eine Ordnung zu rufen, wo nur noch Leere ist. Eine Liebe zu evozieren, wo nur noch Schuld steht.
Das Stück verlässt uns nicht. Es schließt sich nicht. Es lässt uns offen. Zerschlagen. Bewegt. Hingerichtet. Und so gehen wir heim. Nicht mit Trost. Sondern mit einem Wort: Schweigen.
XI – Nachhall. Der Flüsternde. Auf dem Heimweg
Du gehst nun heim. An den Tisch. An den Herd. Zu Wein. Zu Wasser. Zu Kindern. Zu Schatten. Aber etwas geht nicht mit. Etwas bleibt auf den Stufen zurück, wo der Schrei fiel wie ein Vorhang. Du wirst das Licht löschen. Doch der Raum bleibt erhellt von etwas, was keinen Namen mehr trägt. Siehst du es nicht? In deiner Kaffeetasse spiegelt sich ihr Gesicht. Nicht das der Mörderin. Nicht das der Tochter. Nicht das der Überlebenden. Sondern: das Gesicht der Frage, die keine Antwort braucht. Hörst du es nicht? Wenn die Leitung summt zwischen zwei Räumen, zwischen gestern und heute, zwischen Schlaf und Schrei – dann ist es sie, die Prophetin deiner Träume, die dich anruft, nicht um zu retten, sondern um zu erinnern, dass du nicht vergessen darfst. Sie sagt: das Glück ist eine Flamme, die Leichen braucht. Das Recht ist ein Tanz, der sich selber richtet. Und Liebe – Liebe ist ein Messer mit einem Kuss als Griff. Also geh. Geh heim. Aber lausche. Auf den Boden deiner Zimmer. Unter den Fliesen klagt eine alte Stimme weiter. Und weiter. Und weiter.
stimme. des sommers. lege dich ins gras. bevor es vergeht. verliere keinen gedanken. an die zeit. vielleicht fallen tropfen. eines noch ungeliebten lichtes. aus einer früheren wolke. die zerriss. ins geschlossene auge.
hell sind die zimmer. bevor man von morgen sprechen mag. zu hell. vor dem zeitalter jeglicher sprache. und zugleich: diese eine minute. vor dem ersten amselgesang. der ans unbehauste gehör klopft. wie der schmerz gegen die innere haut der frisch verschlossenen wunde.
der traum weiß noch. wo die mitte steht. des gedächtnisses. da ist die zeit ein wegrand. ein spalt. für die ganze landschaft. die fast vergessene. die in kaskaden ins verlorene innen stürzt. ganz so. wie drei stunden später. die menschen verschluckt sein werden. von den vorortzügen.
wälder wachsen. über dem gleisbett. zwischen zwei türen, ein- und ausgang, streckt sich der flur des einen tages. aller tage. diesseits. bleibt unverändert die welt. von drüben aber lehnt ein anderer ton an pforten und wänden. da mag ein schritt sein. der vorangeht. ein ruf. dessen richtung sich dreht.
[szenarium\abwicklung. einer protokollierten rücknahme]
auf.takt | schritte. der hoffenden
die treppe hinab. die starre der gedanken. fremdes. nach seiner heimkehr. nach der abfuhr. des eigenen. vor der abfahrt. der heimgesuchten. frostig in ihrer ruhe. zwischen den umarmungen. der tiefgekühlten schuld. gesunde ferne. von leidenschaften. von überschreitungen. von entschlüssen. vereinigungen setzen einigkeit voraus. geringe erwartungen. fleißbereitschaft. flussakzeptanz. floßwillen. ein offenes archiv. der furchtbarsten momente. der unvergesslichen träume. der worteverdunkelung. der lauteverdumpfung. der wünscheverdampfung. der segensverstopfung. für all jene, deren stopfherzen die sauerstoffe nicht behagten. die süßstoffe nicht genügten. denen bitter wurden: die nachgereichten kaltschalen mit den süßholzraspeln.
was alles daraus entstehen kann. wenn einmal damit angefangen wurde. klageverzicht. verbot der selbst-gespräche. laken über die geblendeten. aus-blende der berichte. der berechtigten. in den kühlkammern der entfruchtung. der entfeuchtung. der trockengelegten. die noch gerade aus dem sumpf gezogen werden konnten. denen die irrsinnigen zustände noch zeitig genug aus dem juckenden fell geklopft werden konnten. denen nichts mehr zugestanden werden muss. die zugestellt werden. zu den abgedeckten. abgelegten. in die falten der sorge. in die fächer der entsorgung. mit sorgfalt.
was eingetragen wurde. es loszulassen. das los | eine.ge\h\samt.heit.in ihrer reichen zahl. in der reichen einsamkeit | in der sicher. in blei. versenkten registratur
individuum befindet sich seit 74 stunden im zustand der unaufgeforderten stilllegung. keine rückkopplung. keine antwortimpulse. minimale bewegung. vermutete ursache: fehlauswertung eines näheerlebnisses in verbindung mit chronifizierter bedeutungslosigkeit. protokollierte auffälligkeiten: reduzierte atmung (lautlos). blickrichtung: innen. kreislauf: stabil, aber enthoben. emotion: nicht mehr nachweisbar. erinnerung: fragmentarisch, ohne narrativen anker. sprache: nur intern, ohne kommunikationsabsicht. verortung: unterhalb der sprechschwelle. zustand: nicht erreichbar, aber auch nicht vermisst.
letzter beobachtbarer satz (gemurmelt): ich war nicht traurig. ich war nur zu hören. und das war zu viel. kein handlungsbedarf.
kein rücklauf zu erwarten. versenkung formal abgeschlossen. warten auf anstoß. auf windstoß.
zwischen. spiel | pausen. brot
war hier einer stimme? stimmt was nicht? trat hier einer ein? der noch nicht getreten wurde?
[einzelner schrei: genießt euren kurztrip | autokorrektur: kurzzeitpflege | mehr raum darf die zeit nicht einnehmen | die entpflegten. die keine anstalten machen. in den anstalten. der fremdkorrekturen]
haben sie schon die gefäße der hoffnung sterilisiert? halten sie bitte die lösung bereit! für die auflösung. die lichtdrähte. für die entstörung. die bleitupfer. gegen die trostwunden.
löte. der echos | halte.stelle | eines verödeten atems | end\r\einigung. end\r\einheit. der geräuschlosen | notat einer unnötigen not
eine falte hebt sich. im laken. ein ton. ein schatten. keine quelle. :— / — : / :— staub der inventarnummer. flatternde etiketten. fähnchen vergessenen laubes. ungesehen.
anhang.fehlersignal | nicht vorgesehen. prophetie.an.taube
zeitstempel: +00:00:00. nach erfolgter grablege quelle: unidentifizierbar. signalstatus: abweichung | echo > erlaubter rahmen. meldung: nicht abfangbar. kennung: prophet*in.transit.7
[steg. fall | was das wasser verschlang]
siehst du mich. durch den stoff? ich bin nicht gekommen, um dich zu retten. nur, um das wort zu legen an die stelle, die nie gesprochen wurde.
du wirst einmal an einer stelle stehen, die nicht eingezeichnet ist. ein licht wird dort sein. nicht groß. aber ohne schatten. und niemand wird wissen, dass du es warst, der dort wartete.
hilfe: wurde bereits angefordert. zuständigkeit: nicht vergeben. bewertungseinheit: defekt. dank an das echo. es zeigt: auch stille kann lauter sein als ruf.
Co-Kommentar einer anonym bleibenden apl.Professorin für „Kultur und Gedöns“ an einer privaten Fachhochschule für Law and Economics
Sehr geehrte*r Kommentator*in,
der Umstand, dass Sie einen Notruf an ein poetisches Artefakt richten, spricht entweder für eine bedenkenswerte Verzweiflung oder für eine bemerkenswerte Fehladressierung. In beiden Fällen empfehle ich: Lesen Sie weiter – oder lassen Sie es bleiben. Literatur ist kein Lieferdienst.
Mit den besten Grüßen, auch an Ihre Geschmacksinstanz
eine bühne. für beziehungen. oder: beziehungen als bühne. hinten: die wunder-bar. vorn: die erwartung. und dazwischen: eine dünne haut. das licht durchzulassen. ohne die andere seite sehen zu können. wenn einer ruft: ich bin es. ein wie flachs zerfasertes lächeln. ich bin hier. wo jetzt noch dort ist. aber ich könnte herüberkommen. in die spiel-bar. um spielbar zu werden.
mein atem fühlt sich jetzt bereits an, als hätte ich einen vorhang verschluckt. wenn ich lang genug weiterspreche, rede ich ihn auf. ohne mich oder etwas aufschwatzen zu wollen. ich will die sätze nur solange falten, bis sie blickdicht werden. ich spreche noch bis zu dem moment, in dem ich mich aus der wahrheit herausmoderiert haben werde. bis ich weiß, dass die wahrheit sich nicht mehr herausreden kann. und wenn der vorhang fällt, fällt auch mein letzter satz in sich zurück.
das ist der fall: falls ich die bühne betrete, falls ich sie nicht mehr verlasse, ziehe ich die alten bilder aus den gassen. von rechts nach links. den morgen in den abend. das morgen ins gestern. denn in mir und aus mir heraus wird flackern, was nie war und was nie wieder wird.
be breath to me. when i have none left. be a gaze to me. when my sight is gone. be a shadow. on the wall of my heart. a remainder of light in the nearness where I vanished.
let me recall what I could not hold. let it rest a little longer by my waking side – not as image. but as warmth beneath the skin.
when pain comes. take me into its centre. do not let it circle me. like a beast around its prey. let it weep with me. let it grow tired.blet it sleep. and me with it.
II
and if i can no longer walk. then carry me. not far. only to the edge of remembrance. to that place where the air still carries his scent.
if i sink too deep. then lay me down. among the folds of the old day. in the valley. where the shadows sleep.
i have no more words. only sounds. that rattle within me. like glass in an abandoned house.
love – it is no promise. it is an imprint. in the damp soil of my inwardness. i step into it. and do not know if i shall ever find my way out again.
my body: an archive of the touched. my skin: an echo of his hand. my mouth: a sealed verse. refusing to let him go.
and if i die in this hour? then let it not be an escape. but an entrance into the room where he once more speaks my name.
III
there. where my speaking fails. let the word remain. out of which i unravel. and be to me a tone. no more than a breath. trembling at the edge of a line.
i wish to say. what cannot be said. let it shatter within me. into syllables of light.
no longer by my hand. do i inscribe the mark. but by the autumn of my breath.
i write down. what leaves me. i write on. what sustains me. here. in the voice. that becomes space. here. in the space. that becomes image.
beneath my forgetting. landscapes. distance. that never left me. as long as i wandered through them.
let them write me. as one who loved. one who asked. who stayed – in the breath of the word no one speaks. that nonetheless carries all things.
die landschaft. wurde versenkt. in unseren blicken. die sind jetzt wie kläranlagen. in denen wird alles klar. in denen wird nichts verklärt. klarspülertränen tropfen ins trübe. dazwischen. wo sich die letzten undurchsichtigen verschanzt haben. aber die haben sich verschätzt. ihre augen. immer noch zu opaque. werden mit glaskristallen ersetzt. damit sie sich nicht mehr entsetzen. zu tief hinab. in ihre wolkigen gedanken. sie wissen noch nicht, was sie tranken. sie murmeln etwas von ich. es klingt wie: dies und das. und ist nur ein strich. durch die milchmädchenrechnung. es soll bedeutender sein. als die deutungen. die es schon immer gab. aber – und sie werden es auch bald merken – die irdenen kelche, die irdischen, sind gefüllt mit etwas, was nur ausschaut wie wasser, und wo sie aber lange warten können, bis sich das nasse in wein verwandelt haben wird; ins weinen vielleicht, ins weichen gewiss, unter den weichen, die ihnen gestellt sind, den weichen, die dem stein nicht entweichen, der ihnen auf die nervösen füße gestellt wurde. ich ist ein becher tensid, in den ein hauch hineinfällt und eine gischt hinauswächst, wie ein hungriger schwamm, der sich aufs organische legt und es zerlegt. in seine einzelteile. dass sie nicht übersehen ihre einsamkeit. dass sie nicht überspringen die lange weile, die dem tod sehr eigen ist, in so zwingender weise. ja. dem leben wird eine schaumkrone aufgesetzt. denn das leben soll sich gewaschen haben. es soll sich einmal bequemt haben. auf der unentwegten waschstraße, auf der es gebürstet und gestriegelt wird. bevor der tod es zersaust. in seinem schleudergang.