Nachlese: Einführung zum Konzert „Fin de siècle“ im Woelfl-Haus Bonn, 24. Januar 2026

Gustav Klimt, Der Kuss (1908/09)

Einführung zum Teil I

Wenn man ein Konzert unter das Stichwort Fin de siècle stellt, dann ist das zunächst beruhigend. Denn nichts ist angenehmer, als auf ein Ende zurückzublicken, das schon stattgefunden hat. Ein Jahrhundertwechsel, der sicher hinter uns liegt und uns nichts mehr antun kann.

Oder etwa doch? Fin de siècle – das klingt nach Samt, nach schweren Vorhängen, nach Paris bei Nacht, nach Wien im Spiegel, nach großen Gesten und noch größeren Gefühlen. Es klingt nach Abschied, aber stilvoll. Nach Untergang, aber elegant. Nach Krise, aber mit Bügelfalte. Und doch: Das Fin de siècle ist nicht einfach nur eine Epoche. Es ist vielmehr ein Zustand. Ein Zustand, in dem man sehr viel weiß und immer weniger glaubt. Ein Zustand, in dem man reist, hört, liest, sammelt, empfindet – und sich dabei zunehmend fragt, wo eigentlich man selbst geblieben ist. Oder: wo man hingehört.

Das Fin de siècle ist die Phase, in der Europa entdeckt, dass Kultur kein Heilsversprechen ist, sondern ein hochkomplexes Verdrängungssystem. Man tanzt, weil man nicht weiß, wohin mit der Angst. Man schreibt Gedichte, weil die Syntax nicht mehr trägt. Man komponiert, weil das Sprechen zu gefährlich geworden ist. Vielleicht tanzt man aber auch, weil der Körper noch weiß, was der Verstand längst vergessen hat. Vielleicht schreibt man, weil irgendwo ein Rest von Stimme übrig ist. Vielleicht klingt Heimat manchmal nur noch als Melodie.

Die Musik dieses Abends bewegt sich zwischen Salon und Abgrund, zwischen Reise und Rückzug, zwischen dem Wunsch, irgendwo anzukommen, und der leisen Ahnung, dass man bereits unterwegs verloren gegangen ist. Wir hören Musik, die sich tarnt: als Tanz, als Romanze, als Fantasie, als Caprice. Aber unter diesen wohlgeformten Stücken arbeitet etwas anderes: eine Nervosität. Ein Zögern. Ein inneres Zittern… Das Fin de siècle liebt das Schöne – aber es traut ihm nicht mehr. Es liebt die Heimat – aber es weiß nicht mehr, wo sie liegt. Oder schlimmer noch: Es weiß, dass sie nicht mehr dort liegt, wo sie einmal war. Deshalb reist man: nach Paris, nach London, nach Wien, nach Budapest, oder gar weiter weg, wo zuvor nur das Träumen hingelangte: Ägypten, China, Japan und natürlich nach Amerika. Man nennt das Weltläufigkeit. Oder Bildung. Oder Moderne. Aber vielleicht ist es auch nur Heimweh mit Fahrkarte.

Aber damit sind wir schon bei einem zentralen Missverständnis dieser Epoche: Heimat ist im Fin de siècle kein Ort mehr. Sie ist ein Gefühl mit schlechtem Gedächtnis. Ein Klang, der sich nicht festhalten lässt. Ein Rhythmus, der nur noch im Körper wohnt. Ungarische Klänge erscheinen nicht, weil man Ungarn erklären will, sondern weil man etwas sucht, das noch nicht ganz vom Diskurs verdaut ist. Spanische Tänze erscheinen nicht, weil man Spanien kennt, sondern weil man das Eigene nicht mehr erträgt. Exotik ist bekanntlich das, was man benutzt, wenn die eigene Kultur in einer Sinnkrise steckt. Und doch – und das ist wichtig – diese Musik ist nicht zynisch. Sie ist nicht kalt. Sie ist noch nicht gebrochen im späteren Sinn. Sie tastet. Sie hört. Sie hofft – manchmal verzweifelt, manchmal mit Ironie, aber immer mit einem Rest von Glauben daran, dass Klang etwas halten kann, was Sprache längst verloren hat.

Am Ende dieses Abends steht deshalb keine Lösung. Keine These. Kein historisches Fazit. Am Ende steht eine Sehnsucht, die sich nicht mehr national fassen lässt, nicht mehr eindeutig, nicht mehr sicher. Eine Sehnsucht nach einem Ort, der vielleicht nie existiert hat – aber dessen Melodie wir erkennen, wenn sie erklingt. Vielleicht ist das die eigentliche Heimat des Fin de siècle: nicht ein Land, nicht eine Stadt, sondern ein Moment des Hörens, in dem wir für einen Augenblick glauben dürfen, dass wir gemeint sind.

Einführung zum Teil II

Ein Programm unter der Überschrift Fin de siècle dieses zwingt zur Auswahl. Und damit: zum Verzicht. Es wird Texte geben, die Sie vermissen. Namen, die fehlen. Gedichte, die heute Abend nicht sprechen dürfen. Nicht, weil sie weniger bedeutend wären, sondern weil jedes Programm – gerade zum Fin de siècle – immer auch eine schmerzhafte Entscheidung gegen sehr viele Möglichkeiten ist. Betrachten wir z.B. Gustav Klimts Gemälde Der Kuss: Gold, Nähe, Umarmung. Ein Bild, das uns verspricht, dass alles gehalten ist. Dass Liebe stillsteht. Dass Schönheit genügt. Und genau darin liegt seine Ambivalenz. Feier des Schönen und zugleich ein tiefes Misstrauen in das vermeintlich Haltende.
Unsere literarischen Texte folgen deshalb nicht der Erwartung, sondern dienen der Spannung innerhalb des klanglichen Schwingungsfeldes. Verlaines Clair de lune klingt wie ein Nachhall – nicht mehr der Mond selbst, sondern die Erinnerung an ihn. Bei Rilkes Spanischer Tänzerin wird Bewegung zur Verwandlung: Der Körper weiß für einen Moment mehr als das Ich, bevor alles wieder in Sprache zurückfällt. Dann Eliots Prufrock – eine Figur, die denkt, zögert, abwägt, bis das Leben leise an ihr vorbeigeht. Keine große Tragödie. Nur eine leichte Nervosität im Gang durch die nächtliche Stadt, vielleicht zur Geliebten – ein Gang vielmehr durch Zweifel und Unsicherheit – das Selbst darf sich nicht zu ernst nehmen, damit es nicht stürzt. Im Rosenkavalier lächelt und tanzt Wien noch einmal – und in allem Abgründigen und Chaotischen steht die Marschallin – wissend, elegant, im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Else Lasker-Schüler denkt Heimat nicht als Ort, sondern als inneres Land, als Farbe, Traum, Verlust. Trakl führt uns schließlich an einen Punkt, an dem keine Geste mehr trägt – wir sind gefangen in der Stille nach dem letzten Ruf. Und dann, fast unverschämt leicht, Rosalindes Czardas aus Die Fledermaus. Tanz, Maske, Überschwang; auch Melancholie, ja – aber frech geschminkt und leicht beschwipst.
Ein paar Worte zur Musik: Auch hier geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um Reibung, Übergänge, kleine Verschiebungen der Temperatur. Bei Reynaldo Hahn begann alles beinahe unauffällig. Seine Romance ist ein Stück kultivierter Zurückhaltung, ein Pariser Innenraum, in dem nichts drängt und doch alles schwingt. Mit Camille Saint-Saëns und der Havanaise verschiebt sich der Akzent: Der Körper tritt hervor, der Rhythmus wird deutlicher, das Fremde verführerisch. Exotik als Projektionsfläche. Richard Strauss’ Sonate in Es-Dur führt uns noch einmal an einen Punkt selbstbewusster Setzung. Jugend, Energie, Pathos. Ein ausgelassener, affirmativer Moment vor der großen Skepsis. Mit Alexander Zemlinsky (Serenade in A-Dur für Violine und Klavier) wird der Ton fragiler. Die Schönheit bekommt Risse. Und bei Leoš Janáček (Sonate für Violine und Klavier) schließlich verdichtet sich alles. Die Sonate ist Nerv, Fragment, innere Rede. Musik als existenzielle Unruhe, als Sprache nach dem Verlust der Sprache. Und dann, zum Schluss, Franz Lehárs Ungarische Fantasie op. 45. Ein Stück über Heimatsehnsucht. Ungarn erscheint hier nicht folkloristisch, sondern innerlich: ein existentiell notwendiges Fernwärme-Echo. All das wird empfohlen einem Gehör und Gespür für die inneren Bewegungen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Goldgrund und Abgrund, zwischen Tanz und Zweifel. Und wenn Sie dabei gelegentlich das Gefühl haben, etwas nicht ganz zu verstehen, dann machen Sie sich keine Sorgen. Das Fin de siècle war sich selbst auch nie ganz sicher. Wir sollten also ein wenig Nachsicht üben mit einer Epoche, die uns vielleicht näher ist, als uns lieb sein kann.

Das Programm des Konzerts mit Lesung

Teil I

Paul Verlaine: „Clair de lune“ (aus: Les Fêtes Galantes)
Reynaldo Hahn: Romance en la majeur pour violon et piano
Rainer Maria Rilke: Spanische Tänzerin
Camille Saint-Saëns: Havanaise op. 83
T. S. Eliot: Liebeslied des J. Alfred Prurock
Frederick Delius: Romance
William Butler Yeats: Des Himmels Tücher
Edward Elgar: La Capricieuse op. 17
Hugo v. Hofmannsthal: Zeit-Monolog der Marschallin aus Der Rosenkavalier
Richard Strauss: Sonate in Es-Dur op. 18

Teil II

Else Lasker-Schüler: „Es rauscht durch unseren Schlaf“, „Nun schlummert meine Seele“ (aus Meine Wunder)
Alexander Zemlinsky: Serenade in A-Dur für Violine und Klavier
Georg Trakl: De profundis
Leoš Janáček: Sonate für Violine und Klavier
Johann Strauss (Sohn): Rosalindes „Czárdás“ aus Die Fledermaus
Franz Lehár: Ungarische Fantasie op. 45

Mitwirkende

Margit Haider-Dechant, Klavier
Tonio Schibel, Violine
Bernt Hahn, Rezitation
Stefan Plasa, Moderation

Fin de Siècle: Konzert mit Lesung im Woelfl-Haus Bonn, 24. Januar 2026, 16.00 Uhr

Mit Konzertstücken für Violine und Klavier u.a. von Richard Strauss, Camille Saint-Saëns und Leoš Janaček; begleitet mit einer Lesung von Gedichten u.a. von Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler, Georg Trakl und T. S. Eliot.

Mit Margit Haider-Dechant (Klavier), Tonio Schibel (Violine), Bernt Hahn (Rezitation) und Stefan Plasa (Einführung und Moderation)

Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen
enden. Du Zeit
die senkrecht steht auf der Richtung
vergehender Herzen.
Gefühle zu wem? O du der Gefühle
Wandlung in was? — in hörbare Landschaft.
Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener
Herzraum. Innigstes unser,
das, uns übersteigend, hinausdrängt, —
heiliger Abschied:
da uns das Innre umsteht
als geübteste Ferne, als andre
Seite der Luft:
rein,
riesig
nicht mehr bewohnbar.

Rainer Maria Rilke

kreisgänge. notate ins neue jahr

zwölf einlassungen. ausgelassen

I

was fiele mir ein?
ohne gedächtnis. dann:
mehrere seiten leer
weil wesentliches in den
träumen. aufgelöst

II

ich würde mich gerne
in einem fremden schlaf aufhalten

ich würde mich gerne
hinter großen, traurigen augen verbergen
und durch ein immer geschlossenes
schattig getöntes fenster alles beobachten
was noch küste werden kann

ich könnte zugegen sein
wenn sich das reich der unendlichkeit
in beliebigen landschaften entzauberte

was mir die natur sagte
was mir die seelen sagten
während sie vorüberzögen
während ich vorüberzöge
könnte im schweigenden einverständnis
aller zeitlichen dinge
für immer aufgehoben sein

weil sich nur so ein ereignen
des unerwarteten augenblicks ertragen ließe
im sicheren und anerkannten wissen

dass es augenblicke nicht geben wird
in der rahmung der erwartungen.

III

aber nicht die zeit ist schuld an der spurlosigkeit; immerhin war sie bemüht um eine reihung der töne und konnte ja nichts für das fehlende gehör; oder sie regte an eine folge von schritten, auch wenn sie folgenlos blieben. zeit wäre ja so etwas wie ein ort, dessen böden, wände und decken mitte und ende und anfang markierten, davor und danach, einen raum der stimmen und wider-stimmen, der die enge der wünsche und der befürchtungen ins epische öffnete, als ein unablässiges sagen aus kindlichen mündern – wer wollte den niedlichen die sprechenden köpfe abschlagen, um einer heiligen stille wegen?

IV

doch die wahrheit ist:
ich kann mich nicht erinnern
wann jemand mir zuletzt zurief:

schön, dass du da bist!

V

es mag sein
dass meine sätze zu lang geraten
wie ein zögern

und das viele denken und schwanken
mag ein begegnen behindern.

ja! ich bin ein behinderter
jemand
der selten gesichtet wird
jemand
dessentwegen die leute
wenn sie ihn einmal
die straße auf- oder abgehen sehen
in ihrer verlegenheit
auf die andere seite wechseln.

VI

vielleicht denke ich deshalb so lange sätze, weil ein ende mir zu verbindlich erschiene, weil jeder punkt behaupten würde, dass etwas abgeschlossen sei, obwohl es nur liegen geblieben ist, wie ein mantel auf einem stuhl, den niemand mehr anzieht, nicht aus verachtung, sondern weil es keinen anlass gab, das haus zu verlassen. und vielleicht ist es genau dieses liegengebliebene, das mich mehr beschäftigt als alles, was jemals in bewegung geraten ist, dieses unaufgeräumte zwischen, in dem dinge nicht entschieden wurden, nicht verworfen, nicht bejaht, sondern einfach dort verblieben, wo sie zuletzt gebraucht worden waren, als hätten sie sich geweigert, eine funktion zu erfüllen, die ihnen nie wirklich entsprach; und so sammelt sich um sie eine stille, kein feierliches schweigen, eher ein praktisches, eines, das man braucht, um nicht ständig erklären zu müssen, warum etwas nicht weitergeführt wurde, warum es keine fortsetzung gibt, keinen zweiten versuch, keinen dritten anlauf, sondern nur diese flache gegenwart, die sich wie ein zu oft gefalteter zettel immer wieder an derselben stelle bricht.

VII

ich bin, fast ohne es selbst zu bemerken und ohne eigenes zutun, zu der erkenntnis gelangt, dass erinnerung weniger mit behalten zu tun hat als mit ermüdung, mit dem punkt, an dem man aufhört, sich zu wehren gegen das, was immer wiederkehrt, nicht als bild, nicht als geschichte, sondern als tonlage, als temperatur, als ein kaum merkliches absinken der stimme, wenn man einen namen hört, den man früher leicht ausgesprochen hat, und der jetzt schwer wird, weil er nichts mehr enthält, weil er eine elegante auslassung ist; und so gehe ich weiter durch diese sätze, nicht um etwas zu sagen, sondern um zeit zu verbrauchen, ohne sie totzuschlagen, als ließe sie sich dadurch milder stimmen, als würde sie, wenn man ihr genug worte hinlegte, aufhören, forderungen zu stellen.

VIII

es gibt tage, an denen das denken mühsam erscheint, nicht schmerzhaft, nur unerquicklich, wie eine arbeit, die niemand bestellt hat und für die es keine abrechnung gibt, und ich sitze dann lange, ohne erholung, schaue lange, ohne zu sehen, und habe das gefühl, dass alles, was mir je hätte begegnen können, sich entschieden hat, einen schritt früher abzubiegen, in eine andere straße, ein anderes leben, eine andere möglichkeit, die ich nicht betreten habe, nicht aus angst, sondern aus mangel an not, denn auch das muss man lernen: dass nicht jede verfehlung tragisch ist; manche sind einfach ungeschickt, sie hinterlassen nichts als diese dünne schicht von ermattung, die sich über alles legt, was noch kommen könnte.

IX

vielleicht ist das der grund, warum mir die landschaften lieber geworden sind als die gesichter; weil sie nichts erwarten, keine antwort, kein erwidern, sie stehen da, sie liegen, sie ziehen vorbei, und selbst wenn sie sich verändern, tun sie es ohne mir eine rolle zuzuschreiben; und ich kann mich in ihnen verlieren, ohne wirklich zu verschwinden, kann gehen, ohne anzukommen, stehen bleiben, ohne aufgehalten zu werden, und wenn ich müde werde, ist es eine müdigkeit, die niemand kommentiert, niemand deutet, niemand zu lindern versucht.

X

doch auch das erschöpft sich einmal, das gehen ohne ziel, das denken ohne auftrag; und dann bleibt nur noch dieses schüttere fortsetzen, ein satz als fortsatz; ein satz, der sich an den nächsten hängt, nicht aus notwendigkeit, sondern aus trägheit, wie schritte, die man macht, weil man sie schon immer gemacht hat, und nicht, weil sie irgendwohin führen; und ich frage mich, ob erschöpfung vielleicht die ehrlichste form von wahrnehmung ist, weil sie nichts mehr hinzufügen will, nichts mehr rechtfertigt, sondern nur noch registriert, dass etwas da ist, dass etwas vergeht, dass etwas nicht mehr gelingt. das ist der moment, in dem man sich wirklich verirrt, nicht spektakulär, nicht in fremdem gelände, sondern in dem, was man gut zu kennen glaubte, in den eigenen gedanken, die plötzlich keine ordnung mehr halten, keinen vorrang, keine hierarchie, sondern sich wie loses geröll unter den füßen verschieben, so dass jeder schritt ein kleiner verlust ist, kein sturz, aber auch kein halt, nur dieses fortwährende nachgeben, bis man aufhört, zwischen gehen und stehen zu unterscheiden, zwischen reden und schweigen, zwischen anwesenheit und abwesenheit.

XI

ich merke, wie die sätze langsamer werden, nicht kürzer, nur schwerer, als trügen sie etwas mit, das sie nicht mehr loswerden; das ist der glückliche punkt, an dem man nichts mehr suchen sollte, nicht einmal sich selbst, sondern einfach bleibt, wo man ist, in dieser aufgezehrten, leicht verschobenen lage der dinge, in der alles noch da ist, aber nichts mehr drängt, nichts mehr ruft, nichts mehr sagt: komm.

XII

also lasse ich
den satz weiterlaufen
obwohl ich nicht weiß
wofür

lasse ihn sich verausgaben
sich verlieren
sich verheddern
bis er selbst nicht mehr weiß
wo er begonnen hat

ein nicht-enden
ein liegen-bleiben

ein stück winterliche kleidung
auf einer stuhllehne

niemand zog es an
niemand hatte es vergessen

es gab nur
keinen grund mehr

hinauszugehen

kreisgänge. notate ins neue jahr

triptychon. der: suspendierung

Foto: André Sarin

vor.wort 
regie.an.weisung

untauglich
in der erschöpfung
für die nacht
für ihre gebote des träumens

gebete zu ziehen in fäden
durch das feingewebe der scham

die zungen
wenn sie gesprochen haben:
ein durstiges holz in gefrorener erde
ganz nah am saum des schweigens

den lobgesängen
wird alles atmen aufgespart
abgespart vom staubtrockenen munde

aus nasskalten wänden ruft es:
zur eiligen phantomspeisung
das nimmermüde dämmfleisch

außerorts
und innerzeitlich:
feierliche kollationen

in schlange stehend
die schlangen zertretend
vor dem heiligen tauchgang

ein hartes spazieren
durch fingergeflecht kahler linden

dazwischen:
die plattgeschauten schatten von hoffenden

durch.sage
soli.loquium
rausch.freie
wider.gabe

hier endet: das tragende. hier wird die stellvertretung suspendiert. hier beginnt: die fläche. die dauer. der druck. auf den deckeln der akten. die über-leitung wurde abgeklemmt. die bilder wurden bezwungen. ein rückstand an material ist zeitnah von den linsen zu entfernen. atem ist jetzt: funktion. schritt ist: abnutzung. zeit: verbrauch. ein wiedergang wurde genehmigt, ein innehalt strikt untersagt.

chorus mono.liticus

o, ewiger flug
über den hof der abgelegten stimmen
die nächte tragen nummern
die ordnung der müden
kommt ohne namen aus

dass es dem starren genügt

blind atmen die fenster
licht aus den wassersuppen 
ein leerer schrank lädt ein
die ladung zu löschen 
ein stuhl mag sich erinnern 

dass jemand gesessen hat 

die schädel träumen flach
schalen für wind und alles
was vorbeizieht. alles
schale. ausgestellt in reih 
und glied. für den fall

dass nichts folgt

unter den bänken
sammelt sich alles
was übrig blieb vom kauern
die knie sind hartes gefels 
abgeschlagen vom boden

dass niemand aufbricht

es gibt ein gehen
das führt nicht fort
das klebt am restbestand
der stunden. durch den frost
der uns lehrte: wie man ordnet

dass es dabei bleibt 

die höheren zeichen 
fallen. als ob aus allen 
wolken. faktisch aber
vom rand. der uns bewohnte
mit splittern aus licht
die niemand aufliest

dass keine botschaft kommt

die münder schließen sich früh
nicht aus ehrfurcht
aber: aus sparsamkeit
was gesagt wurde
reicht für lange lange zeit

dass es nicht versiege

in den alleen 
verlieren die schatten 
ihre form
sie liegen. wie etwas
das nicht mehr gebraucht wird

dass es sich seiner selbst entledigt 

und irgendwo
nicht nah. nicht fern
hält etwas an. nicht
um zu beginnen. nur
um nicht weiter zu müssen

dass
dass
dass

Herzzeit – Der bewegende Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan als Konzert mit Lesung

Ich freue mich auf ein ganz besonderes Konzert mit Lesung meiner lieben Freunde Alexandra von der Weth (Sopran) und Roland Techet (Klavier) – 11. Januar 2026, 16 Uhr, Palais Wittgenstein in Düsseldorf.

Screenshot

Von uns muß ich reden. Das darf nicht sein, daß Du und ich einander noch einmal verfehlen, – es würde mich vernichten. Du sagst, ich sei nicht mehr bei mir, sondern… in der Literatur! Nein, ich bitte Dich, wo irrst Du hin mit Deinen Gedanken. Ich bin, wo immer ich bin, nur am Verzagen oft, am Einstürzen unter den Lasten…

Ich werde Dich hören, aber hilf Du mir auch, indem Du mich hörst.

Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 18.11.1959

(Ingeborg Bachmann. Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel. Hrsg. von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.)