eine bühne. für beziehungen. oder: beziehungen als bühne. hinten: die wunder-bar. vorn: die erwartung. und dazwischen: eine dünne haut. das licht durchzulassen. ohne die andere seite sehen zu können. wenn einer ruft: ich bin es. ein wie flachs zerfasertes lächeln. ich bin hier. wo jetzt noch dort ist. aber ich könnte herüberkommen. in die spiel-bar. um spielbar zu werden.
mein atem fühlt sich jetzt bereits an, als hätte ich einen vorhang verschluckt. wenn ich lang genug weiterspreche, rede ich ihn auf. ohne mich oder etwas aufschwatzen zu wollen. ich will die sätze nur solange falten, bis sie blickdicht werden. ich spreche noch bis zu dem moment, in dem ich mich aus der wahrheit herausmoderiert haben werde. bis ich weiß, dass die wahrheit sich nicht mehr herausreden kann. und wenn der vorhang fällt, fällt auch mein letzter satz in sich zurück.
das ist der fall: falls ich die bühne betrete, falls ich sie nicht mehr verlasse, ziehe ich die alten bilder aus den gassen. von rechts nach links. den morgen in den abend. das morgen ins gestern. denn in mir und aus mir heraus wird flackern, was nie war und was nie wieder wird.
be breath to me. when i have none left. be a gaze to me. when my sight is gone. be a shadow. on the wall of my heart. a remainder of light in the nearness where I vanished.
let me recall what I could not hold. let it rest a little longer by my waking side – not as image. but as warmth beneath the skin.
when pain comes. take me into its centre. do not let it circle me. like a beast around its prey. let it weep with me. let it grow tired.blet it sleep. and me with it.
II
and if i can no longer walk. then carry me. not far. only to the edge of remembrance. to that place where the air still carries his scent.
if i sink too deep. then lay me down. among the folds of the old day. in the valley. where the shadows sleep.
i have no more words. only sounds. that rattle within me. like glass in an abandoned house.
love – it is no promise. it is an imprint. in the damp soil of my inwardness. i step into it. and do not know if i shall ever find my way out again.
my body: an archive of the touched. my skin: an echo of his hand. my mouth: a sealed verse. refusing to let him go.
and if i die in this hour? then let it not be an escape. but an entrance into the room where he once more speaks my name.
III
there. where my speaking fails. let the word remain. out of which i unravel. and be to me a tone. no more than a breath. trembling at the edge of a line.
i wish to say. what cannot be said. let it shatter within me. into syllables of light.
no longer by my hand. do i inscribe the mark. but by the autumn of my breath.
i write down. what leaves me. i write on. what sustains me. here. in the voice. that becomes space. here. in the space. that becomes image.
beneath my forgetting. landscapes. distance. that never left me. as long as i wandered through them.
let them write me. as one who loved. one who asked. who stayed – in the breath of the word no one speaks. that nonetheless carries all things.
die landschaft. wurde versenkt. in unseren blicken. die sind jetzt wie kläranlagen. in denen wird alles klar. in denen wird nichts verklärt. klarspülertränen tropfen ins trübe. dazwischen. wo sich die letzten undurchsichtigen verschanzt haben. aber die haben sich verschätzt. ihre augen. immer noch zu opaque. werden mit glaskristallen ersetzt. damit sie sich nicht mehr entsetzen. zu tief hinab. in ihre wolkigen gedanken. sie wissen noch nicht, was sie tranken. sie murmeln etwas von ich. es klingt wie: dies und das. und ist nur ein strich. durch die milchmädchenrechnung. es soll bedeutender sein. als die deutungen. die es schon immer gab. aber – und sie werden es auch bald merken – die irdenen kelche, die irdischen, sind gefüllt mit etwas, was nur ausschaut wie wasser, und wo sie aber lange warten können, bis sich das nasse in wein verwandelt haben wird; ins weinen vielleicht, ins weichen gewiss, unter den weichen, die ihnen gestellt sind, den weichen, die dem stein nicht entweichen, der ihnen auf die nervösen füße gestellt wurde. ich ist ein becher tensid, in den ein hauch hineinfällt und eine gischt hinauswächst, wie ein hungriger schwamm, der sich aufs organische legt und es zerlegt. in seine einzelteile. dass sie nicht übersehen ihre einsamkeit. dass sie nicht überspringen die lange weile, die dem tod sehr eigen ist, in so zwingender weise. ja. dem leben wird eine schaumkrone aufgesetzt. denn das leben soll sich gewaschen haben. es soll sich einmal bequemt haben. auf der unentwegten waschstraße, auf der es gebürstet und gestriegelt wird. bevor der tod es zersaust. in seinem schleudergang.
sei mir ein atem. wenn ich keinen mehr habe. sei mir ein blick. wenn ich nichts mehr sehe. sei mir ein schatten. an der wand meines herzens. ein restliches licht in jener nähe, wo ich verlorenging.
lass mich dessen entsonnen sein, was ich nicht halten konnte. lass es noch ein wenig an meiner wachen seite ruhen – nicht als bild. sondern als wärme unter der haut.
wenn der schmerz kommt. nimm mich in seine mitte. lass ihn nicht um mich kreisen. wie ein tier um seine beute. lass ihn mit mir weinen. lass ihn müde werden. lass ihn schlafen.
und mich mit ihm.
II
und wenn ich nicht mehr gehen kann. dann trage mich. nicht weit. nur bis an den rand des erinnerns. dorthin. wo die luft noch nach ihm duftet.
wenn ich zu tief sinke. dann leg mich nieder. zwischen die falten des alten tages. in das tal. wo die schatten schlafen.
ich habe keine worte mehr. nur geräusche. die in mir klirren. wie glas in einem verlassenen haus.
die liebe – sie ist kein versprechen. sie ist ein abdruck. in der feuchten erde meines inneren. ich trete hinein. und weiß nicht, ob ich je wieder hinausfinde.
mein körper: ein archiv des berührten. meine haut: ein echo seiner hand. mein mund: ein verschlossener vers. der sich weigert, ihn loszulassen.
und wenn ich sterbe in dieser stunde? dann sei es keine flucht. sondern ein eintreten in den raum. wo er noch einmal meinen namen sagt.
III
dort. wo mein sprechen versagt. bleibe das wort. aus dem ich mich löse. und sei mir ein klang. kaum mehr als ein hauch. zitternd am rand einer zeile.
sagen will ich. was nicht gesagt werden kann. lass es in mir zerspringen. zu silben aus licht.
nicht mehr mit meiner hand. setze ich das zeichen. sondern mit dem herbst meines atems.
ich schreibe auf. was mich verlässt. ich schreibe fort. was mich erhält. hier. in der stimme. die zum raum wird. hier. in dem raum. der zu bildern wird. unterhalb meines vergessens. landschaften. ferne. die nie mich verließen. solange ich sie durchwanderte.
sie sollen mich schreiben. als einen, der liebte. einen, der fragte. der blieb – im anhauch des wortes. das niemand spricht. das dennoch alles trägt.
[maske: iocaste | wartend. auf das. was nicht gewusst werden darf]
die träume kommen jetzt von ganz allein. sie setzten ein nach der abreise. du hast begonnen sie aufzuschreiben. das waren deine ersten schritte. zu führen das leben eines anderen. ein leben, in dem du nicht vergessen sein würdest. durch das du dich auf die suche begabst. nach dir selbst. bis du das sichere gefühl gewonnen hättest, dass es jemanden gibt, der sich all deiner träume annahm. du würdest dann nicht mehr gänzlich ermüdet sein müssen, um weiterträumen zu können. weil du durch sie zum wanderer würdest. ziehend durch alle verwandlungen.
aber. als daheimgebliebener. warst du dir nie gewiss, ob du auf der richtigen seite der höheren geschicke stündest. dort. wo die irrenden enden. da. im frieden der seele. doch du hast ja an dir selbst erfahren müssen, dass die urteile nicht stehen bei der gerechtigkeit. und deine allzu leise stimme wurde zerkaut von den nimmersatten einer nachwelt, die dem vergangenen nicht vergibt. weil sie die lebendige gegenwart ihrer vergangenheit zu übersehen neigen.
es ist nicht der schlaf, der dich rettet. sondern das protokoll, das du schreibst. im schlaf. dort aber steht dein name nicht. sondern der flackernde schatten deiner schuld. wie lichtstreifen auf einem gesicht, das nie zu dir sprach.
vielleicht. dachtest du. wird eines morgens. kurz vor dem erwachen. jemand in einem der träume wohnen bleiben. als wäre er der zurückgekehrte. der sein ganzes leben die last eines wunsches hat wachsen spüren. der schlichteste und der schwerste aller wünsche: jemandes erinnerung zu sein.
dein kopf. gestützt. auf deine hände. ganz leicht nur sich hebend. wenn der blick über den rand gehen will. und weil deine füße es nicht können. über den rand hinweg. als ob der horizont durch dich hindurch schneidet. und im querschnitt erst entsteht: die landschaft. die das innere verkleidet. und nie gänzlich ausfüllen wird. du hast die schritte gezählt. die sie bräuchten. um die gasse zu durchqueren. du stehst im augenblick. und durch ihn im leben. dem einzigen. während ein tag kaum noch zu spüren ist. und viel weniger noch ein jahr.
du wirst solange nicht hinausgehen, wie er nicht hineinkommt. mit seinen gedanken. in dein schauen. denn du hast ja all die inseln umrundet, auf denen er gelagert haben soll. wenn sie es sich erzählten bei einer rast unter deinem fenster. nein. du könntest nicht sagen, wie du dich fühlst. wenn einer dich fragte. es hat sich nichts verändert. in zehn jahren nicht. und nicht in zwanzig oder dreißig. und das gedächtnis um ein gefühl. um seinen anfang. seinen ausgang. ist erloschen. die zeit. zwischen den fragen. hat ihr maß verloren. du kannst nicht wissen, dass es jedes mal dieselbe frage war. die keine antwort fand. derselbe ruf. ohne ein echo. nicht auf die antwort wartest du. sondern auf den moment, in dem die frage wieder auftaucht aus dem felsgrauen tag. es muss sie ja geben. irgendwo. in der verborgenheit. denn das gegenwärtige fehlt. aus dem sich sonst die augenblicke zusammensetzten. doch im gegensatz zu ihm. dem fahrenden. schwindenden. bist du der bleibende. wartende. bist hier. und kannst nicht aus der ferne betrachten, was im hier-sein unsichtbar ist. du hast zwei augen. aber dein gesicht wirst du mit ihnen nicht sehen. du hast zwei augen. ja. aber alles, was du mit ihnen siehst, bleibt einmalig. und wenn es vorbeigezogen ist am ufer deines schauens. holst du es nicht wieder ein. ziehst es nicht wieder zurück. denn du kannst es nicht vertäuen. mit den schmerzen. wie deine wünsche. oder dein schweigen. oder ein leeres versprechen.
sie, die ihn begleiteten, werden mit ihm an einer königlichen tafel speisen. nicht solche, die daheim- und zurückblieben. ihre namen werden groß. während deiner versickert im ufergestein, das kein gras zu halten vermag. du bist der gebliebene. der zurückgebliebene. der nicht bleibt. ihn und die seinen hat offenbart das leben. dich aber offenbarte der tod. der mit zwei mächtigen riesenpranken das leben an seinen zwei enden packt und es mit einem letzten aushauch zusammenfaltet wie eine quetschkommode, wie eine aktennotiz fürs archiv der vergessenheit…
ein sturm zog vorbei. und riss dein haus in die brandung. sie aber erzählen heute vom großen sturm. nicht vom kleinen haus. sie sagen einander vom ruhm, nicht vom schatten.
brannte nicht dein herz? als du im schweigen warst. schuf er dir nicht den hunger? als die körbe füllte: eine bittere ernte. gepflückt mit den zähnen alter, lichtloser jahre.
sie hatten gedeihen lassen: die wüsten träume. in spiegelgängen der vergessenheit. wie flure aus staub. in denen die namen an den wänden vergehen.
täglich. war dir ein fernes versprechen. wuchs zu einem leben. bis an sein stilles, unsichtbares ende.
II
zwei gedanken zogen. wie getrennte zwillinge. durch die begrenzte zeit. die immer kürzere. tag für tag. auf der suche nach: einander.
wasser hieß der eine. ufer der andere.
auf endlosem sandbett kniete der ruf: wenn wasser wäre, bliebe ich ihm ein ufer. als scheide einer späten ankunft. wenn ufer wäre, wüsste ich endlich vom ort meines versiegens. meines verschenkens. auszuatmen: welle um welle. angstlos. den regen betrachtend. der da spannt. seine grauen laken. über dem ewigen meer.
III
brannte dir nicht das wort? in der lange verstummten kehle. lag es nicht gestern noch? vor dem gerechten schlaf. in der reglosen schale? leergetrunken vom sturm.
doch als dich warf. der traum. in die sprachlose welt. hörtest du etwas. wie eine bitte. tonlos. nicht mehr gemessen. und dein gesicht lag. in der fremden bergung. zweier älterer hände. und in ihnen: die linien derer, die nicht zurückkehren werden.
aber das ungesagte. zwischen all dem unsagbaren. barg einen letzten wunsch: die bleibe einer erinnerung. vor jener stunde. da das licht – das einst deinen namen schrieb – sich löschte aus der welt.
oder: mo.rph – die geburt einer post-heroischen stimme
zwischen den bergen. oder war es zwischen den häusern? jedenfalls: in der epoche der gemütlichkeit. ging etwas. mit den verschwundenen. den rasch vergessenen. ohne nachlass. in ihrer nachlässigkeit. leichtsinnig. wie trockene schwämme. jemand. der zu vernachlässigen ist. in der gemeinschaft. mit den vielen. denen es auch nicht besser erging. mit ihrer ständigen vergangenheit. die ja niemand für sich allein haben und halten kann. aber die glocken des nachschlags hingen überall. mit den schief lächelnden gesichtern. die schon wieder. mit ihrem schlaganfall. die schon wieder. mit ihrem nachlall. und dem gestörten schluckreflex. überall sind sie jetzt. liegen herum. lungern am rand der geschichte. blockieren die gänge. die in die zukunft weisen.
die schon wieder. immer noch nicht verschiedene. immer noch die gleichen. die sich nicht verabschieden können. trotz maulsperre. und zaumzeug. ihrer zaunzeugenschaft.
fähnchen. wimpelchen. sie hängen jetzt überall. und gleich ist ihnen. aus welcher richtung die winde kommen. wie tief die wunde klafft. wie hoch die wände ragen.
zwischen den einschlägen. wird hyperventiliert. und im rechten augenblick. das lächeln schockgefrostet. das die nachwelt freigibt. auf plakatwänden. auf sockeln. auf tellerrändern. in bildungseinrichtungen. in bettvorlegern.
namen, die sich selbst zu buchstabieren verlernt hatten. im buch der erledigten leben. im hängeregister der still- und tiefergelegten. im katalog der entsorgten schicksale. randglossentilgung: bei unzureichender sterbegeldabsicherung. ja! all die vergilbten folien. für den einen folianten. herausgegeben im verlag der ewigen rückversicherungen. edition „heimat deluxe“. mit prägung in gold. und deckel aus microfaser.
zwischenfrage: was war kultur? eine mittelgroße kolumne auf seite 8. neben dem grillrezept. vom redaktionspraktikanten im copy-paste-trauma versendet. die „historie“: eine ausgedachte story. mit freundlicher unterstützung des ministeriums für verschwiegene zustände. geschichtsvermittlung im format 9:16, untertitelt mit „muss das sein?“
aber sie riefen: ja. aber sie nickten: nein. aber sie gingen: raus. aber sie blieben: nicht.
jetzt ist mal ruhe! jetzt bitte: klassenfahrt. ausflug der senioren. das rasseln der hüftgelenke. oder: teamchallenge. escape room. themenpark. spirit building. gewitter der entgeisterten. der vergatterten. der vergitterten.
wohin? heute. nacht der langen… terminal der museenlandschaft. ach. welche fülle. ach. und die luft dazwischen. schirme. und bilder. ein regen; der einzige / das einzige. interaktives gezucke. geht doch mal weiter! dem versprechen nach. soundscapes in silent spaces. lautere leere. leiseres nichts. im brummkreisel. im tapezierten schädel. als begehbare installation. für jeden was dabei. für alle. die nicht mehr gehen wollen. und die schon vergangen sind. brote aus messing. und styropor. etikettierte fragmente von steinernen wangen und hinterteilen. stillleben. in jedem schritt. unter jedem tritt. wo wir lautlos niederlegen. den angebissenen apfel. zum ungegessenen. das sich selbst verzehrte. das sich da unten wiedersehen mag. mit leicht verzerrtem lächeln. als antwort auf die zahllosen likes.
und die verschwundenen? wurden statistisch rückgeführt. in excel-tabellen. mit codes. und unterkategorien. unklare relevanz. abgelaufenes erinnerungspotenzial. kein marktwert. emotionale inflation. störend im narrativ.
sie werden: nicht erfasst. nicht versichert. nicht in die wünsche eingeordnet. gemäß verordnung zum schutz vor anspruch. zuspruch. sie: die abgesprochenen. abgeschlossenen. sie: die verhauchten. die zerstobenen. mit ihren seltsamen namen. die sich keiner merken kann. der auf die algorithmen vertraut.
nein! was sich nicht zitieren lässt. taugt nicht zur sprache.
zwischenruf. jemand schrieb: sie lebten. jemand las: sie störten. jemand sagte: sie waren keine user.
fazit. die epoche? ein aufgeblasenes sofakissen. voll von bedeutungsluft. auf dem die bequemlichkeit sich räkelt. die rinde der welt: weichgekocht. das innere: verformbar. sinn war gestern. heute ist: setting.
aber ich? tauche nicht mehr auf. nicht einmal mehr auf den vermisstenlisten. zu poetisch. zu feindlich. zu viel.
echo? hinter dem bergkamm. chor der gekämmten: fortsetzung? nein danke! wir scrollen. wir rollen uns ab. wie die katze das klopapier. wir leben weiter. noch zwei quartale. im üppigen qual-tal. da gehen wir hin. und hindurch. furchtsam. fruchtlos.
verlagsankündigung. herbstvorschau 2025
NEU! mo.rph: nicht zitierfähig. nicht userkompatibel. nicht marktfähig.
Zwischen grillrezeptlicher Kolumne und musealem Escape Room meldet sich eine Stimme, die nicht mehr vorgesehen war. mo.rph protokolliert das Endspiel der Entsorgungsgesellschaft – zwischen den Bergen, zwischen den Häusern, zwischen den Einschlägen.
Mit maximaler Störungskraft. Mit Restwürde. Ohne Emojis.
Dieser Text ist keine Lektüre. Er ist ein Verhängnis.
Ausstattung: Hardcover mit Mikrofaserumschlag, Prägung in „Heimatgold“. ISBN: noch im Entwurf. Auflage: begrenzt auf die, die es noch aushalten.
Klappentext – Über den Autor mo.rph
mo.rph lebt nicht. Er dokumentiert. Er taucht auf in Zwischenräumen, an Rändern, in Zetteln zwischen Kaffeesatz und Bahnsteigkante. Seine Gedichte kursieren wie Viren – unsichtbar, ungefragt, unaufhaltsam.
Ein „lyrischer Undercoveragent“ (SZ). Ein „Schreihals im Schweigemantel“ (Die ZEIT). Ein „postheroischer Prophet ohne Gemeinde“ (F.A.Z.).
Weder Mitglied des Autorenverbands noch nominiert für Preise, aber dafür gefährlich. Für das Vergessen. Für die Bequemlichkeit. Für das Weiterscrollen. Und gegen alles, was sich noch „Kultur“ nennt, aber längst zum Eventbesuch mit Ausschank wurde.
Rückseitencover: Zitat von Frau Hon.Prof. R. Zinn, Vertretungsprofessorin für „Kultur und Gedöns“ der Transnational Business School Hürth
„Dieses Buch? Ein skandalöser Fehler im Betriebssystem. Endlich!“
[Variation | Sammlung der HoffnungsLose | Buchführung des Versäumten | … | Pünktchen Pünktchen | halb | mein Mondgesicht | halt | mich fest | Mutter. deine müden Weidenzweige]
Foto: Allan Acosta Greño
Freitag. kamst nicht heim. wollte dich bekochen. sprachst: wir seh[n]en uns Mittwoch wieder.
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Beschwerde/complaint | Prof. em. Dr. K. O. | Quarterly of the Fellowship of the Blank / VFdL: Vierteljahrsschrift der „Freunde der Leerstelle“
Nach eingehender Prüfung kommen wir zu dem Schluss, dass das oben zitierte Haiku formal nicht der Struktur 5–7–5 gerecht wird sowie inhaltlich eine unverhältnismäßige Überfrachtung mit emotionalen Restbedeutungen aufweist. Die Einfügung der Klammer ist verdächtig hermeneutisch. Wir empfehlen eine sprachdiätetische Revision im Sinne des regulierten Bedeutungsverzichts.
The editorial board has decided to distance itself from the sentimental density and temporal symbolism implied in the poem. The Wednesday/Friday tension is considered an unacceptable projection of linear affective sequencing. We apologize for any perceived resonance.
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Ein anonym bleibender Japanologe. Unauffällig gebliebener Leserbrief im Quarterly…
Das Haiku – ursprünglich hokku – verlangt keine Weltbeschreibung, sondern eine Öffnung ins Unsagbare. Das klassische Haiku nennt einen Moment der Wahrnehmung, einen Jahreszeitbezug (kigo), eine Zäsur (kireji). Dieses moderne Haiku (Deutsch, posttraumatisch) erfüllt all das in gebrochener Weise: Freitag als kigo (Frühsommer des Verlusts), die kireji ist das Wort „sprachst:“ – ein offener Mund im Rückzug. Die Variation „seh[n]en“ ist ein Akt der inneren Kireji, die Trennung durch das Einfügen. Der Versuch, die kleinste Form mit der größten Wunde zu laden: poetische Tapferkeit. Ich verbeuge mich.
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Randnoten
Freitag: Ein Tag der Kreuzigung. Des Abschieds. Im Germanischen: Frigg, Göttin der Liebe. Im Christlichen: Tag der Wunde. In der Bürokratie: der Beginn des Wochenendes. In diesem Gedicht: der Moment des endgültigen Nichtankommens.
Mittwoch: Der Tag in der Mitte. Ein Versprechen zwischen zwei Leeren. Auch: Merkurtag. Gott der Botschaften. Der Zwischenhändler. Hier: Ort der Hoffnung. Termin der Sehnsucht. Der Nicht-Tag, der nie mehr erreicht wird.
Bekochen: Ein Akt des Sorgens. Der Hingabe. Wer kocht, glaubt an Rückkehr. In der Küche entsteht: Bindung. Hier: eine Handlung ins Leere. Das Menü der Vergeblichkeit.
[zyklus: o/h/r.fois | off.line | sprechende reste. im gehen]
heute: kein mythos verfügbar
zu-gabe (weil sonntag ist): fusznoten der unrettbarkeit
heute. hoffnung [s] los. soll ich erzählen? warte! ich gehe rasch um die ecke und hole mir ein fremdes gedächtnis. ich. der schreibende. der sagende. der nichts zu sagen hat. der parasit. mit dem saugrüssel am schrumpfenden hirn der dritten norn. ich klemme mir die abgelegten stimmen zwischen die lippen. und warte. auf ein dumpfes gehör. morgen. mag ein klang ertönen. wie aus einem papiernen trichter. eine ko[s]mische weganweisung. verschlüsselt. verquast. verwest.
denn heute. die ketten. denn heute. der schall. der irrsinnige überschall. der jede reglosigkeit durchschlägt. es gibt zahlreiche sprüche. aber nur wenige widersprüche. die große verwegenheit. der kleinen gärten.
heute. raucht ja niemand mehr kette. und wenn. geht er dafür auf den balkon. ich habe es mir abgewöhnt. vor langer zeit schon. nahm mir deutlich jüngere partner. als motivation. mehr zu tun: für meine gesundheit. für eine wahrscheinlichkeit längeren lebens.
es ist heute. er macht jetzt sit-ups. nach dem ersten kaffee. während ich bei den kissen bleibe. und träume auswringe. wir sehen uns zum späten frühstück wieder.
es ist heute. ein freier tag. ein feiertag. ohne einladungen. ohne feste. der zeitwert. der taktwert. erst atmen. dann singen. gleichmäßiges, kontrolliertes schreiten. wege wie ausgerollte yogamatten. in der zeile sind die ziele. und die wanderung selbst ist schon ankunft. das muss man sich drei mal stündlich sagen. aber draußen bleibt die feier ohne feuer. freizeit. die der erholung dient. der suche nach freiheit in den zwecken. es darf aber nicht gefragt werden. denn das führt zu unangenehmen, unangemessenen erwartungen. zugleich ist es aber nicht das fehlen des mythos. nein. sondern das fehlen des erinnerns. weshalb sich nichts ereignet. nicht erzählt wird. auch nicht von mir. ein mangel an gedanken. nicht an worten. augen. goggled up. im außen. yeux glauques. der glupsch. im datenspinat.
fusznoten der unrettbarkeit
Feiertag (lat. dies festus, feriatum): Ein von der Linearität befreiter Zeitabschnitt, der sich durch eine paradoxe Konfiguration von Handlungserwartung und Handlungsverweigerung auszeichnet. Ursprünglich als sakrales Intervall definiert, hat sich der Feiertag im Spätkapitalismus zum ephemeren Wellnesskorridor transformiert – durchzogen von achtsamer Selbstvergessenheit und digitalem Zerstreuungssog.
Kette (altgriech. ἀλύσις): Eine metaphorisch überladene Objektform, die sowohl als Symbol der Bindung (vgl. Prometheus) als auch der Sucht (vgl. Nikotinrituale) fungiert. Ihr temporaler Nachklang in der Redewendung „Kette rauchen“ verweist auf eine vormoderne Rhythmisierung von Konsum und Tod.
Erinnern (Sanskrit स्मृति): semiotisch fragiler Akt der (Re-)Konstruktion. In prä-mnemotechnischen Kulturen oral verfasst, später in Schrift, nunmehr algorithmisch delegiert. Erinnern im poetischen Sinne ist stets ein Verfahren des semiotischen Exzesses: mehr Andeutung als Aussage, mehr Verlust als Besitz. Seine Abwesenheit – wie hier textlich problematisiert – ist nicht tragisch, sondern strukturell.
Hinweis (isländisch vísbending): Die dritte Norn ist in diesem Zusammenhang als symbolische Instanz postlinearer Geschichtslosigkeit zu lesen. Ihr „schrumpfendes Hirn“ – eine kritische Metapher für das temporale Vakuum des 21. Jahrhunderts. Sie denkt nicht mehr. Sie streamt.