bevor das Gras vergeht

[baltische Elegien]

glaubensfragen

das wort soll kein stachel sein

sang einer amsel
zur ungewohnten stunde
flechtwerk der zweige
den liebenden ein verborgener ort
der zeit entronnen zu bleiben
in der kühle des sommerabends
um ihre wangen und
ihr verträumtes schauen

jede
der kurzen nächte
wie
zwischen den jahren
und
jenseits der jahreszeiten

gott
wird nah sein
im gehäuse der schweigenden flöte
hier
wie vergessen
im gras
am rande der wuchernden wiesen

das wort aber
das in ihm wartet
auf eine menschliche stimme
wird nicht verloren gehen
oder verbraucht sein
wär‘ es auch niemals gesprochen

denn
ungesagt
heißt noch nicht
unvernommen
an einem tag
da fern bleibt die rastlose welt

und zwischen beidem –
nacht und tag –
rücken zusammen
die öden und
die eilande
und schicken grüße
und lassen jede hoffnung
in die brandung fallen
wie steine
gefüllt mit den besten gedanken
fast so
wie der eine
der dem wort vorangeht

unzertrümmert
von den wettern
und den gezeiten
wird es gesagt sein

ein-
für allemal

rand. notizen

wenn ich erwache

wenn ich erwache
liegt das meer vor den straßen
ein kühler sommermorgen
das wasser
glatt wie ein vereister see

vom schlaf gestillte welt
wenn die wandernden gedanken
auf der schwelle stehen
von beenden und beginnen

wenn ich erwache
hör ich die zweiten und dritten schritte schon
der nahenden zeit
der bis zum abend durchzogenen landschaft
über die sich ein dunkelnder himmel beugt

zahllos
liegen die kiesel unter den sohlen
ich hebe nur einen auf

wenn ich erwache

bevor das Gras vergeht

I

am Ende aber wird dir wieder eingefallen sein, was du wolltest. bevor sie eingefallen sein werden. in die leeren, kühlen Wohnungen. die Himmlischen. denen hungert und dürstet nach den verlassenen Seelen. die sich nicht mehr besohlen lassen. und wie Zerknülltes liegen in den Ecken der Zeit.

und dein eingefallenes Gesicht anzufassen, strecken sie ihre Arme aus, als stünde ihr letztes Mahl auf den Tischen, als sei ein letztes Mal die Sonne versunken in ihrem Tränenmeer und zöge dann mit sich alles Verschüttete und wüsste die Wiesen nicht mehr, die unter ihr wuchsen und dufteten und ihr jetzt sagen könnten, dass alles Farbige aus der Lust gerät und alles Schattige aus der Idee.

II

du solltest jetzt schlafen. vergessen das Wiederholte. Uneingeholte. Knospen überall. übervoll. die geschlossenen Augen. Schwellung ihres Träumens.

eines Morgens gingst du hinaus. stündest vor leeren Äckern. einsam am Beginn einer längeren Reise. Fernes vor deinen Füßen. Nahes im Rücken. aber nicht mehr die gedrehten Runden. zwischen den Dämmerungen. dorthin zu kommen, wohin dir niemand folgte. lange Briefe zu schreiben. mit allem, was sich nicht sagen ließ. was zu tief versickert war.

weit fort. die Vögel des früheren Sommers. Kinderstimmen. aus der Zeit gefallen. Laub. zu spät aus den Zweigen gekrochen. und suchend das Licht.

III

immer kleiner die Insel. von Jahr zu Jahr. immer größer die Kraft, die du aufbringen musst, wolltest du sie umrunden. die Buchten wandern weiter gen Osten. an denen du hättest leben wollen, wäre noch einmal möglich ein Leben. Tag für Tag wie gereihte Felsen in tiefer See, damit eine dunkle Strömung ihnen gäbe den letzten Schliff.

und die Stege hinaus zu den Booten muten jetzt an wie Pranken schlafender Löwen. davor auf den Dünen ihr schütteres Fell. und auf dem reglosen Wasser ein trüber Film. als hätten sie soeben im Gähnen die Stimmen der Sirenen verschluckt. deren Zungen um Tang verödeten.

bald gehen sie über Muscheln und Steinen wie über die Spuren der Helden hinweg. und werden von ihnen sagen, dass ihre Herzen zu klein für den Mut und ihr Gehör zu groß für die klanglose Unendlichkeit.

IV

wie drückt sich die Stille aus? ihre Farbigkeit nah an gealterten Blüten. wenn die Abschiede schon eine Weile zurück. wie gekündigtes Leben. weil sich das neue nicht ankündigen möchte. sich aufzugeben. weil keine Aufgabe mehr an den Schaltern des Künftigen. nichts mehr anzunehmen von den zu lange Verschollenen. Wege. als ob davongemachte. unter zu vielen Schritten. Umspiegeltes. bis sich nichts mehr erkennt. die bare Sicht. die Unsicht-Bahre. und hinauszuschauen. falls du jetzt noch etwas sehen willst. unterhalb des Himmels. oberhalb der Landschaft. und falls ihr Flügel wachsen. falls sie sich beflügeln lässt. von den Erzählungen der Wanderer. die sich die Beine ausrissen. und das Gestein ihrer Blicke in die Brandung warfen.

V

Angst ihrer Herzen. die dich verlassen. zu betreten Stege und Brücken. über die Wunden. überwunden. und unverloren. in der Mitte. gleich, wo sie stehen. und ihr Abgenommenes. Früchte verwaister Gärten. wo du gewartet. halbe Leben. und länger. von dir GeWIESENes.

weiß es noch nicht vom Ort der Ankunft? wie von Tau. das Morgengesicht. noch bevor es erwacht.

was ist denn jetzt? Welkes. in drei Stunden schon. wenn du den Vorbeiziehenden sagst, du hättest früher hier gewohnt. und gewuchert unter dem Licht des Mondes. einmal. irgendwo. den Kopf ins Gras zu legen. vor der Trockenheit.

VI

wohin? unendlicher Raum. Seligkeit, beengte. die Insel. atmende Hügel. eigentlich. die aus dem Wasser, aus den Wolken ragen. Lande, entfernte. Schlag des Lichtes. auf die Wellen.

alles ist schön. ohne Schatten. nichts ist da. weniger. je weiter geschaut. brennend Gestein in den Händen. Durchsicht des göttlichen Auges. weil es erblindet. verknotete Schöpfung. dass er sich merkt, wo er sich zuletzt unterbrach. plötzlich. im wirren Nachmittagstraum. wusste er wieder. für eine Milli-Sekunde. wo er geboren wurde. wo es ist. wenn sie sagten. irgendwo.

Gärten. kurz vor der Apfelernte. mildere Luft. nach langen Wintern. Duft der Kräuter. des nassen Grases. Blüten. wie Glöckchen. anzustoßen. von winzigen Zeigefingern. Zeugefingern. zitternden. dass herausfällt ein einzelner Name. und noch einer. und noch einer.

und die Insel. schlafende Buchten. Boote. angefressen. verwettete Fracht. verwitterte. hier könnte man bleiben. gute Winkel. Schätze. vergraben. Jause. die ganze Zeit. die sich selbst vertreibende. aber nicht wissen. was Glück ist. nicht. was wahr. und hinterher. das Gesagte. das Verfolgte. niemals. die Stunde. bevor sie vergangen. vorzeitig. das Vergessene. Fenster. verhangene. zerschlagene Wege. wie Schlangen durch die Gärten. und hinaus. und ihr Fall. kaum zur Kenntnis genommen.

was mir verging

hier bin ich
unvollendet
von Anfängen erfüllt

endlos in Spiegeln und Gegenspiegeln
die offenen Pforten
aus denen die Wege stürzen
wie Bäche in die Täler
wo die Erde schon wartet
mit staubigen Händen und trockenen Zungen

hier war ich
und kann kaum mehr sagen
wovon ich Abschied nahm

die kahlen, gespaltenen Enden
der Äste uralter Linden
wie Schnäbel der Störche
als ob sie hier überwintert hätten
verhungert in ihren Wünschen

Schatten der Wanderer
und Schatten der Bäume
am Rand der Wälder
Ränder der Welt
die hinter mir liegende

hier werde ich immer sein
nah an eines Anderen Seite

Wiesen und Seen
in gleichen Augenblicken
und an entgegengesetzten Ufern
das Fließende stehend
dazwischen die Fenster
an denen vorbeigezogen
an denen gestanden
was mir verging

immer ist Nacht

träume mich fort
träume davon
wo du jetzt sein könntest

schläfst abgewandt von mir
träumst dich durch die Wände
durch die Jahre zurück

immer ist Nacht
Pfad im Spalt
zwischen zwei Mauern
wo der Regen gefror
dem ich lauschte
am Ende des letzten Sommers
am Morgen
an dem mein Name hätte aufgerufen sein sollen

immer ist Nacht
Klang deiner Stimme
unter den abgetretenen Stufen
hinauf zu den leeren Zimmern

immer ist Nacht
wollte das Leben nicht versäumen
das nächste
stieß meinen kleinen Zeh
an der Schwelle zum Anfang

immer ist Nacht
träume mich fort
träume davon
wo ich jetzt sein könnte

morbus amatoris

nicht angerührt
die gesegneten Brote
haltlos
ohne die Arme des Anderen

Gesicht, unverborgenes
Seele, ungeborgene

verloren auf weißen Pfaden
zwischen Wolken und Mond
gekrochen in lichtlose Nischen
nicht mehr zu sehen
sich selbst

nicht mehr zu hoffen
verwandeln zu können
den unaufgehobenen Stein des Herzens
das versteckte Auge, durch das der Sand verrieselte

Ankunft. ohne die Künftigen

du aber
kehrst nicht wieder
wundersam Verbliebener

uns sind die Abende lange

das Sagen
ein Fieber der Einsamen

unter der Meute
die überschüttet
von ihren Versuchungen
und des Versuchens satt

Vale Dulcis Anima

für Miriam Halfmann

was sprachst du mir. von der Überwindung der Welt. vom Platz an der Seite eines, der meinen Namen kennt. der ein Wort von mir festhielte wie meine Seele. wie seine eigene Seele. und sagte: du bist da. und so wollte auch ich dorthin, immer schauend in die Richtung, wo er mich finden könnte, der mich zurückbringt ans Ufer des Sonnenaufgangs, der das erhörte, was ich nicht hatte sagen können, auf der vorletzten Stufe stehend, ahnend die Geschenke der Ewigkeit und stumm geworden von so viel Liebe. doch weil du an mich geglaubt, konnte ich ihr vertrauen und blind durch die Gärten gehen. weil sie noch den Duft hatte des ersten Grases nach Sankt Benedikt. bis ich stünde am Eingang eines Hauses, wo ich dir in die Arme fiele und wo ich, wenn ich mich umschaute, kaum wüsste, für welche Freude ich mich als Erstes bedanken sollte. und einmal über die Schwelle gegangen, müsste ich nicht mehr wissen, was ich tun sollte. und seine Heilung endete nicht in den Kostbarkeiten der Wunden, durch die ich geschickt worden war, um dich in dem zu erkennen, was du gesprochen.

worum es geht

immer geht es darum
dass der Moment des Sterbens
wahrscheinlich
der längste Augenblick des Lebens ist

unendlich scheint jetzt die Zeit

und endlich ist Zeit
das Wesentliche zu sagen
das man nicht mehr zurückhalten kann

und weil es jemanden gibt
der zuhört
ist man
zu guter Letzt
ein durch und durch
beinahe
glücklicher Mensch gewesen

vernisSage

[sehnSucht: Firnis]

schwarzlederne Äpfel
in gläsernen Kuben

Laubteppiche und Sand
aus Sohlen gefallen

von Bächen Getragenes
gefangen in Leinwand

und was der Furcht vor ruhelosen Nächten
auch immer Angst machen kann
und die Zeit ver-treibt
des einsamen Brütens
von Eiern in Form von Posthornschnecken
aus denen schlüpfen sollen
die kleinen Seelchen
die keinen Traum erzählen

ganz gleich
ob
noch nicht
oder
nicht mehr

sie bedürfen einer Geburt
und dem Sturz einer Frucht
auf geduldige Erde

sie blieben allein
weil es Erkennen gab
und der Garten ihres Wachstums
noch nicht gewohnt war
an Jahreszeiten

ein Ort
am Ende
wo stummes Leid
ist allen Lebens
anFang

ich träume

Finger | aus Tannenzapfen | aus den Wunden gelöste Fäden

der Mond wie das steinerne Auge des blinden Gottes | an schwarzen Tauen gehalten | hinuntergelassen ins Meer der Welt | wenn die Sonne sich erschöpft hat

Trauben | in der Kelter vergessen | überstanden den Winter

fremde Klänge | aufbrechend ein fernes Gedächtnis | und die Vergangenheit wie ein Wunder | und der Tod als eine Vollendung des kaum erinnerlichen Schicksals

mit Flügeln | ein Hirte schwebend | über stillen Weiden

bevor der Morgen graut | Wolke | die den Winden widersteht

refrain [verschollene strophen]

es gibt jene, die gehen fort | und jene, die bleiben zurück || die einen suchen nach ihrem ort | die anderen nach ihrem blick

Himmelfahrt

so ging er fort | so hätte er wiederkehren sollen || die nahen Gedanken des Fernen | die nahende Nacht || ein Unvergängliches | jetzt | ein Dort | immer || und seiner Erzählung Stille | über der Geschichte | der unentrinnbaren || seines Lebens Beginn | im Unzeitlichen | und das Krause seiner letzten Rede | in den Ohren derer | denen das Abgeschlossene das Sinnvollste ist | und das Sinnliche ein Verhängnis

so ging er fort | dass in ihnen etwas entstünde | und sich kehre zum Aufgang eines anderen Lichtes | zur Hebung anderer Schätze | und dass die Hände nicht mehr erhoben sind | das Höchste zu berühren | sondern einzuladen den Verstoßenen | der sich doch Bleibe erhoffte | in den zagen Herzen

so ging er fort | um des ortlosen Wirkens des Heiligen willen | und unter den Trümmern der äußeren Tempel | die bleibende Statt dort drinnen aufzurichten | wo der Blick ins Ferne geht | wo die Angst ist die Nachbarin | einer unerklärlichen Zuversicht

…weil unsere Liebe…

alle Himmel offen | hör‘, was sie sagen | von allen Sinnen | von den Inseln des Glücks

aber wir gehen nicht die schmalen Pfade | wo sie gestolpert sind

komm‘ mit mir | hast du gerufen | bin schon da | wo wir träumen vom Schlaf | dort siehst du das Übrige | das sich nicht mehr verstecken will

wer hätte uns lieben sollen | wenn nicht wir | viele zogen schon dorthin | wo die Felsnadeln durch die Brandung stechen | dort endete unsere Furcht vor den Wogen | weil unsere Liebe endlos sein musste

wer hat uns gesagt [Waka-Variation]

wer hat uns gesagt | hinter uns läge das Meer | vor uns die Berge | und wir dazwischen auf Pfaden | so lang wie unser Schweigen

auf einmal | wie immer

abgelaufene Zeit | eines Abends | tief sinkend ins Erdreich | das lange Verschleppte | ein halber Schlaf schon | der hinter sich herzieht eine halbe Wachheit noch | wie immer | eingeklemmt zwischen Schöpfung und Erschöpfung | am Gelassenen zerrend | zehrend davon | als Verlassener

rede doch nicht [Waka-Variation]

rede doch nicht wie alle | von der Angemessenheit des Glücks | du sollst den Ort noch sehen | wo die grenzenlose Wanderung beginnt | über Grund und Abgrund

ich träume nicht

anfangs ist alles anders. schwer etwas zu verstehen. Töne fallen. wie Tropfen ins Meer. aufzulösen das Licht. das sich in ihnen sammeln wollte.

alles ist möglich. alles unglaublich. in den geschlossenen Räumen. wo du vorangehst dem Tod. bevor er dich einholt. und dir zuflüstert. wie lange du hier warst. wie jung einmal. als noch Zeit blieb. nicht über sie nachzudenken. und ihr zu geben einen fernen Namen.

doch warum schickt man die Ältesten als erste von Bord? als ob von ihnen erwartet würde das glückliche Ende einer Erzählung.

sie kommen wieder. nach dem Ende der Hoffnung. sie bleiben stehen. vor den offenen Türen. dahinter macht ihnen die Zeit jeden Tag zu einem Leben.

stille Orte auf Hügeln. angstlos unter den Wettern.

dein Bett ans Fenster geschoben. dein Gesicht ins Glas gedrückt. nah sind deine Felder. und wenige Schritte hinter dem Haus die turmhohen Hecken.

und gib deinen Schäfchen Namen. denn nicht ohne Seele sollen sein die Gegangenen.

am achten Tag

viel schon geschrieben. noch nicht viel gesagt. ein Leben fügt sich ein. verlassene Wohnung. schlafe jetzt besser. seit dem Anfang des Sterbens. dann wieder furchtlos. fruchtlos dann wieder. fahl und falb. mit dem halben Jahr. das schwer in den kahlen Zweigen hängt.

Wandungen deines Endes. Wendung wohin. nicht so wichtig. mit wem du zu tun hattest. doch was du getan. dünne Haut der Schrift. zu halten das Mögliche. wäre die Reise weitergegangen.

Wanderungen. oft wiederholte. was noch gebraucht wird. vom Hingegebenen. still stehen die Berge da. wie am Rande der Zeit. in den Winkeln der Welt. hinaufzusteigen. von wahren Orten sagen zu können. die Feuer zu sehen. auf den entferntesten Gipfeln. flackernde Schatten. über den ziehenden Wolken.

viel noch zu wünschen. viel schon verloren. setze dich fort. dorthin. einsame Bank im verwitterten Garten. schweigend zu gießen die Setzlinge. die da bleiben sollen. zu nähren die Kommenden. die deinen Namen nicht mehr kennen.

Aufbruch schon bald. und nicht zu vergessen die Brechungen. unter den Wegen. unterwegs. Zunge der Viper. noch durch dein Auge tropfen zu lassen fremde Gedanken. ruhe dich aus vom Vergangenen. mach‘ dich nicht tot. vor dem Tod. falte Servietten fürs Abendmahl. tupfe dir die Bekenntnisse von den trockenen Lippen. Falter auf deinem Mund. deine Seele zu kosen. entfernt zu sein aus den Geräuschen deiner Schritte.

Künder späterer Zeiten. Schatten. je länger. desto kürzer die Jahre. sanfterer Wind in den Wipfeln. klarer der Blick von den Steilufern hinab. bald nun beginnt die Sprache. Wunder über den Wunden. selig. wer sich erinnern kann. was er sagte im Traum.

wunde. erinnern

weder träumend. noch denkend. ähnliche Schmerzen. gleich fern. einer unmittelbaren Ursache.

dann kam aber niemand mehr. dann ging es uns schlecht. dann hatten wir uns entsonnen. wer wir schon waren. zigfach. und fanden uns wieder. als die Gleichen. Unveränderten.

Ereignisse. und Geräusche. und Wunder. unbedingte. Angst. unerklärliche. vor uns selbst. ohne die das Atmen nicht mühte. ohne die wir nicht müde sein könnten. verdient. und verbraucht.

halt‘ mir den Himmel fern

halt‘ mir den Himmel fern. die Stille. wo ich ins Meer gestürzt. nahe den Küsten. wo die Einäugigen in den Steinhaufen wühlen. weit. weit weg. von der Zeit des Gedächtnisses. wo die Dauer nur noch eine beliebige Spanne markiert. der Vergessenheit. nach dem Erwachen.

auf Klänge wartend

Astraios. fort alle Inseln. Gras und Laub. Rauschen und Rascheln. Krüge und Schläuche. Hohles. Schädel und Bäuche. die Floße hinab. ins Finstere. hinter den Ufern der Erinnerung…

Erechtheus mit blutenden Augen. torkelnd über Kiesel und Knochen. und auf die lidlosen weißen des Erichthonios, dessen Wiehern und Wimmern endlose Echos durch die Träume der Armseligen schickte, bleierne Münzen. wie in den Ungrund sinkende Lote…

morgen vielleicht

die Pfade des Hirten
ein Hingesunkenes
Empfangendes

Amseln rufen sich zu
wie die Möwen sein zu wollen

und dein abgewandtes Gesicht
schickt den Schmerz
über die Flüsse und Seen
wo an leeren Ufern
die Boote der Vertriebenen warten
ein restliches Glück zu laden

da sieht man
wie leicht
das innere Leben wiegen kann
wie schnell
sich die Fernen vermengen

gibt es nicht Inseln? [Rhapsodie | Mitte August]

auf alles
fällt der Regen
Gras und Gestein
ins salzige Wasser

überall
die Schritte des Himmels
zu uns

gibt es nicht Inseln?
um in seiner Nähe zu sein

glücklichere Einsamkeit
unter den Perseiden

doch nicht
um zu vergessen
warum nicht Liebe
wenn Krieg
warum keine Heimkehr
in brennenden Schiffen

ziehend allein
die Schauer
über Dünen und Hügel
uns nicht
verdorren zu lassen

denn Wege sind
auf dem Wasser
und Stimmen
die rufen

zieht unsere Taue
die wir gedreht
aus der Gebete Fäden

gibt es nicht Inseln?
damit das Nahe sie schirme
und schlummere
im tieferen Innern
das Ferne

weiter zu wandern
als es Land hat
und Pfade
darauf zu wandeln

mehr zu erzählen
als die Geschichte
und auszuhalten
die Totenstille
umarmt vom reglosen Meer

und tiefer die Gräben hier
für die Gräber

und dass der Mond
ein anderes Gesicht bekommt
und das Rad des Schicksals
in Kreisen über die Küsten rollt

gibt es nicht Inseln?
den Blick zu heben
nachzuschauen allem Ziehenden

zu gehen
und doch nicht zu gehen
tanzend
bewegungslos
unmerklich
sich zu verwandeln

zu sein
in der Welt
und doch nicht in ihr

wie sie wurde
und wie sie sein wird

weil auch die Einsamen
in ihr einen Ort brauchen
sich zu begegnen

sie zwitschern oder flöten
zwischen trostlosem Gestein
an dem die Dornen zu Perlen geschliffen werden

für leiseres Sterben
in längeren Zeiten

WiederSprüche [Acht Miniaturen]

I

bringt euch ein
!
setzt euch aus
[…]

II

ich möchte so gerne
zu dir kommen
dich fragen
wohin die Welt
aus der wir kamen
ging

III

die Gräber
wichen den Türmen
wo sie Wache halten
wichen den Gärten
wo wir uns glücklich laufen sollen
wenn wir wieder zu viel träumten

IV

fremd wird uns bleiben
bis zum Tod
die eiserne Sonne
der eisige Mond

V

bin ich
das
nicht mehr
?

VI

die Schönheit
zu schön
diese Dinge
im Gestein
unter wuchernden Zweigen

VII

diese Zweifel
die sie hegen
viel lieber
als die Beete
und die Gewohnheiten

VIII

es ist
nie zu schön
um spät zu sein

dann. Hand des Mondes. Anbruch. kühlere Luft

dann
bist du aufgestanden

Hand des Mondes
gegen das Fenster gedrückt
das sich öffnen würde
eines Tages
vor Anbruch des Morgens

als du begannst
dir etwas vor-zustellen
worüber sich lohnte
nach-zudenken

hinauszugehen
wie die Anderen es taten vor dir

einer kühleren Luft zu

in allem Nördlichen. Heimat

in allem Nördlichen
wo das Licht auf fernen Ufern liegt
und der Wind über Land und Küste fegt

in allem Herbstlichen
den schwarzen Wäldern durch die
das Schweigen der unerreichbaren Väter irrt

bei allen Müttern
die in stummer Sorge
das Wasser durch die Gärten tragen

beim heimwärts Wandernden
der in grundloser Hoffnung
und in Fremdheit

das Seine sucht

Brise. baltisch. Gedanken. tief. unterhalb der Wogen. sanft

unterbrochene Wanderung
zwischen den Hügeln
den noch nicht ermüdeten

heranzuholen
Fernes

das stumme Rufen
der wahren Welt

wie die einsame Ulme
auf weitem kahlgeerntetem Feld
die wartet
auf die Schattensuchenden
steht in ihr der Blinde
der sich erinnert und sagen könnte
vom Tag der Kommenden

wofür sterben
wenn nicht
für das Leben
für die Liebe

heiliggesprochen
wenn es verlorengeht

wovon reden
wenn nicht
über das Verschwiegene

ein schmerzliches Erbe
den letzten Traum

und nicht zu vergessen
wem die Wege zu verdanken sind
die hinausführen
aus den umwucherten Gärten
hinein in die Landschaften
die sich verbinden an ihren Grenzen
die sich überwunden haben
an den Ufern ihrer Hoffnungslosigkeit

aber wer dort steht
zu einer späteren Zeit
will doch auch noch etwas hören
vom immer Erzählten

will eingeladen sein
zu bleiben
im Wunsch
zurückzukehren

wenn ein Tag sich neigt

es ist als ginge…

…die Landschaft mit den Sterbenden. die Enden des Vergehens dehnen sich. als reiche die Unendlichkeit dem Zeitlichen ihre Hand. dem in seiner Ermattung immer noch zögernden Leben zu helfen. auf die andere Seite. weil hier selbst der letzte Atemzug noch einen Schatten Sehnsucht in sich trägt. im Blick zurück. da. wo er hängenblieb. den Schritten nachzuschauen. die er noch hätte gehen können. zu spüren. wenn er steht. an den Grenzen. Küsten. Ufern. dass sie erinnert sein werden. in ihm. der die Zeit trug durch die Wälder und um die Seen und die stillen Flüsse entlang. denn so dachte er einmal: solange ich gehe durch die nahen Gegenden, aus denen ich wurde und wuchs, werden sie nicht verödet sein und nehmen mich zu sich in die Tiefe ihres Schweigens. da. wo die Seelen weiden.

Hinterlasse einen Kommentar