Mondwiege III

[…]

Warte einer verfehlten Jugend
für sie, die zu viel über das Mögliche schrieb
für ihn, der ihr zu viel versprach

[…]

[heimlich aufgezeichnet
als sie beim Leichentrunk saßen
starr vor dem Trauerbrot
um ihre Reue zu essen]

[…]

irgendwo dort in der Menge
verbirgt sich Gott

[…]

der Wald gab uns die Angst
als das Erbe der Kindheit

[…]

den Allermeisten von uns
spannten sich schaukelnde Pfade
aus sprödem Haar geflochten
von Dunkel zu Dunkel

und schließlich
als wir die Bühne betraten
mit Flöten gestopft
die schrundigen Fugen der Welt
wie zw. den Bohlen morscher Stege
dass der einsame Sprung ins Leben
noch vor Ablauf der Zeit gelingt

Zum Gedicht

Wind und Sonne des späteren Sommers

du bist vielleicht berühmt | wenn du tot bist | aber dann musst du dich nicht mehr ausziehen lassen | sie befragen nur nackte Orakel oder versteinerte | aber sie stülpen Wollmützen über die Steine, wenn das Moos nicht schnell genug wächst, denn der Klang der Stille scheppert in ihren Ohren | sie brauchen Worte wie Watte, um sich das Gehör zu verstopfen | sie ziehen einmal die Woche die alten Korken verfilzter Geräusche mit Sand und Schmalz wie Perlen aus den Muscheln, damit es nicht knallt im Trauma, im Traum, wo es ruhig zugehen muss, wo alles lautlos zufällt | die Türen, wenn sie zugegangen sind | die Schritte, ordentlich in Touristen- und Zweierreihen

[…]

ich bin nicht mehr da | ich sitze neben ihnen | aber ich bin nicht mehr unter ihnen | ich saß zuletzt da auf dem Stuhl | man hat ihn in einen anderen Raum geschoben | man hat die Heizung abgestellt und die Lichtschalter zugeklebt und die Tür von außen verriegelt | der Schlüssel klappert im Schloss, wenn einer den Gang entlanggeht nachts | wenn es zügig ist auf den Fluren, pfeift er was, fast wie ein Vöglein | es singt von seinen gerupften Flügeln und wie es ist, auf dem Kissen des Windes zu schweben, über den Klippen, über der Brandung, über den Wipfeln gekrümmter Kiefern, als wüssten sie nicht, wohin sie ihre Äste strecken sollen, zum Himmel oder zum Wasser

[…]

als du dann endlich das Fliegen gelernt hattest, blieb nicht mehr viel Zeit, um über die Landschaft zu gleiten und Ausschau zu halten nach der Bucht des letzten Schauens auf ein spiegelglattes Meer | und noch weniger Zeit bliebe, nach jemandem zu suchen, dem du das Gesehene beschreiben könntest, damit er es zum Anfang oder zum Ende einer Erzählung machte | oder das kurze Ende einer Begegnung, das keinen Raum mehr ließ für eine Beziehung, aber den Ausgang eines anderen Lebens ermöglichte, als ein Land, das du dir immer hattest vorstellen können, als eine Erde, von der du gerne verschlungen sein wolltest, eine Schwelle, sobald sie überschritten wäre, von der aus du nicht mehr fragen würdest, wohin es gehen soll, wenn die Sorge zu Ende gefühlt ist und das Ende selbst entsorgt, selbst wenn es dahinter wirklich nur stockfinster sein sollte, klanglos und kalt, weil es keine Frage mehr wäre, was noch zu tun bliebe oder gar bis wann, denn es war ja zu Lebzeiten besser, die Fristen nicht zu kennen und die Trauer nicht bis über das Ende der Traurigkeit oder der Freude hinaus zu tragen, sondern nur bis an jene Pforte oder Stufe, wo Freude ist in der Traurigkeit und Traurigkeit in der Freude, weil die Stille der Toten in deinem Schweigen atmete, wie die kaum spürbaren Wellen des unsichtbaren Lichtes an einem wolkenverhangenen und viel zu milden Wintertag wie heute, wo ein Ufer, umgeben von Verlassenheit, dich willkommen heißt und alles, was du bei dir trägst von den Deinen

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Mondwiege II

[…]

nur ein menschliches Gesicht
schauend in den geheimen Garten
zum ersten Mal

und es sieht an den Halmen und Zweigen
Tau wie Lichttropfen in den Wimpern des Geliebten
der noch schlafend neben ihm liegt

und trotz der ersten Zitronenfalter
die an diesem frühen Morgen schon zwischen den Hecken flattern
hat er nun für einen kurzen Moment das Gefühl einer fernen Trauer
und sieht sich und ihn dahingegangen ohne richtigen Abschied
angekommen an einem einsamen Ufer und wie dorthin verstoßen

und auf sein Gesicht fallen die Verse und Lieder
aber den Passanten ist es nur Laub des ziehenden Jahres auf nassem Gestein

und das Letzte was er hört
sind ihre hastigen Schritte
fast wie ein Plätschern des Baches
an dem sie beide zuletzt gesessen hatten

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Risse in der Haut der Zeit

die Fernen glühen
wie brennende Himmelsfelder

träumst du
Gestoßener
in den Brunnen der Vergessenheit

Bittermandel schmeckt der feuchte Stein
und die Hände so wund wie Falterflügel

du drehst dich nicht mehr um
hast einen Blick von Laub
in gefrorenen Pfützen

[…]

Wege verwehen

sah die Schwelle nicht
vor dem Schacht zur Vergangenheit

wünschte mir
ein Exil des Vergessens

seither lebe ich von Tag zu Tag
um zu überleben

fange nichts an
was am Abend noch nicht vollendet wäre

[…]

ich halte den Tag nicht an
es gibt nichts zu feiern

Blätter des Grases
wie Reste des Sommers
wie Nadeln in meinem Schauen

einmal war ich verliebt
unsterblich
das Gefühl ist mir nicht erinnerlich
aber es bleibt ein Schmerz des Verlorenen
der alles Zeitige übersteht

die Herzen schlagen weiter
verlässlich wie Kirchenglocken

[…]

die sich fremd blieben
die ewig sein wollten
und ohne Welt

die frierenden Amseln

in Händen ein Gesicht
tief darunter gespürte Heimat
wie weites sprachloses Wissen

und andere Menschen wie Geschwister
ihre Wege ziehend vor stummen Blicken

Augen wie Steine am Wegrand
und an den Ufern

dazwischen einzelne Grashalme
die das Schicksal halten

[…]

weit weit fort
ist einer
der deine Hand nehmen wollte
dem du blind hättest folgen können

tief in dir
ist seine Stimme
als hättest du sie in den einsamen Jahren
mit dem Wasser des Regens getrunken

[…]

die großen Wälder die du durchwanderst
die langen Jahre die aus deinen Schritten fließen
und versickern in der Erde wunder Haut

und die Risse im Klang deines Namens
so lange schon nicht mehr gerufen

das Meer siehst du im Schlaf
und auf den leichten Wellen einen Nebelschal
von Flügeln gezogen

die Dämmerung siehst du
und den aufgestoßenen Himmel
nach tagelangem Regen

kurz wie jeder Augenblick
ist der Anfang der Ewigkeit

und jemand schaut zu dir hinab
von der anderen Seite des Wasserspiegels
und seine Hände greifen hinunter
wie um Muscheln zu fischen
und er hebt die kleine Schale
an seine Lippen
als trinke er deine Seele
als seist du nie von ihm entfernt gewesen

und ruhte nun in eines Anderen Stille

[…]

erlöst wenn die Sehnsucht endete
und die Not der Geduld

Zum Text

er muss in den Garten gegangen sein

die Stadt ist weit
finster sind die Täler

ich weiß den Weg nicht mehr
nicht mehr woher ich kam

und erst wenn ich mich wieder erinnern kann
sind die Wege vor mir nicht mehr verborgen

ich hatte so Hunger
und aß das Brot ganz
statt Krumen zu streuen

aber ich darf mich nicht umdrehen
solange ich das Kommende nicht träumen kann

[…]

weckt uns bitte nicht
schaltet die Lichter nicht ein
nehmt uns die Siegel nicht von den Augen

[die Frösche erfroren auf den Seerosenblättern. die Füße unter den Pflastersteinen]

es war nur der Wind
kommt
frisch wuchs ein Gras über Nacht
ach
und der Duft von Licht
im Tau
in den Fäden
zwischen den Halmen

und lange nicht mehr die Kinderstimmen
und glückliches Antlitz der Toten

Zum Text

Tove ist stumm

aus meiner Trauer
fällt ein Regen ins endlose Meer

in die rote Erde
sickert ein lautloser Schmerz

in die grauen Fasern der Zeit
webt sich mein starres Schauen

ich schöpfe mein Atmen
aus meiner Einsamkeit

[…]

lautlos bleibt mir die Welt
als fielen alle Klänge aus meinem Haar
wie Wasser des Spätsommerregens

gleich hell und dunkel sind mir die Jahreszeiten
Kirschblüten fallen
Beeren fallen
Laub und Kastanien fallen
[…]
Winter war es
als ich am Fenster stand
und das Zeitliche ahnte
aus dem die Seele zu entrinnen trachtet

Zum Gedicht

Arlette/Rusalka

unentwegt singst du dir deine Seele
aus dem lautlosen Leib
hinter gläsernen Wänden
durch die sie starren mit großen Augen
auf dein einsames Atmen

[…]

hilf mir, meine Liebe zu vergessen. […] aber wirst du den Tag meiner Rückkehr ertragen. viele Stimmen zogen schon an meiner Tür vorbei. werde mich sehr verändert haben. hoffe darauf, dass meine Stimme noch dieselbe ist. und meine Augen noch nicht zu trübe.

wollte dich lieben, bis mir das Herze bricht. aber wovon es voll ist, kann mein Mund nicht sagen. die Flossen wurden mir nicht zur Zunge…

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