Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.27 | Tag 40 der Erstarrung

du wirst aus seinem Gesicht ablesen können. die wahren Geschichten. die nicht erzählten. und du wirst erkennen: du warst der Verlassene. doch er war der Suchende. der dich nach aller Verlorenheit wiedererkennen wollte. du selbst warst es, der es hat dunkler und dunkler werden lassen. und weil du zu lang und tief geschlafen hattest, dachtest du, er hätte sich entfernt, ohne sich zu verabschieden. doch dann waren dir seine fernen Worte wie ein Murmeln von Wind und Gras. all die Jahre des Wartens hindurch. seine Träume näherten sich wieder deinen Gedanken. mit denen du fuhrst von Insel zu Insel. und seit du selbst nicht mehr gesungen hast, war es dir angenehm, die Augen zu schließen und das Laub säuseln zu lassen. halb sitzend, halb liegend auf mächtigen Wurzeln. Niedrigster, Einsamster du. allein mit deinem Gott. von dem sie sagten, er würde nie lächeln. doch du wusstest es besser. und hieltest die leeren Hände ihm hin.

[der Rückweg führte durch die Nächte und die Dämmerungen. jeder Abend ein Anfang. ein erster Schritt. voranzukommen durch die Geschichte. durch alles Geröll. das die Sintflut hinterlassen hatte. zu wandern allein. durch vierzig Winter. und sieht ja alles so aus unter dem Schnee, als stünde es nie wieder auf. doch kräftiger alle Dinge der Natur. und fanden zurück in den Frühling jedes Jahr. und widerstanden der trügerischen Ruhe des Schlafes. denn es konnte ein wirkliches Schweigen ja erst entstehen nach dem Erwachen und dem Beginn der einen, tiefen Schau durch den Schmerz des Lichtes hindurch.]

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.4 | Tag 17 der Erstarrung

es ist immer dieser Augenblick. der günstigste. doch du spürst nur sein Ende. und da steht die Frage: wann hat er begonnen? [das Warten dauert. die Zeit dehnt sich. wenn sie Dauer ist | unablässig kräht der Hahn. klingelt der Wecker | unentrinnbar dem Atmen. dem Fluss. dem Zug der Wolken | bin schon wieder ein Vergangener. noch einen Schritt tiefer. jetzt. in der Vergangenheit | aber man wird nie fertig. und das unendliche Male. wieder und wieder | dunkle Flügel wachsen. mit denen du gleiten willst. über die verlorene Steppe. vom Meer überflutet | Abgründe tun sich auf. über die kein Mensch mehr springen kann | was helfen die Bekenntnisse dem Entfernten. dem Verbannten. der seine Zunge verschluckte. samt aller göttlichen Worte. und in der Furcht versank | doch nur für ihn endete tödlich das Spiel. um die Wahrheit. um an fernen, leeren Ufern den Rest des einsamen Lebens über das Unveränderliche und das Nicht-Vergehende zu brüten. das ihm versprochen war] Fragment um Fragment habe ich gesammelt. und überhaupt. Haupt über Haupt. Masken zu tragen. wenn ich hinter den Fenstern stand. wenn ich hinunterblickte. auf den Friedhof der Großen. wo jetzt statt der Lieder der Amseln das Gekreisch der Papageien ertönt [alles vermehrt sich im Schlaf. bläht sich auf | sag doch. was sich in dir aufhält. was dich aufhält | du brauchst doch nichts mehr als einen letzten Schritt zu machen. in die Weite hinaus: da beginnt die Unendlichkeit. in die sich hineinbrennen die Sonnenwinde | ja. du hast alles erschaffen. auch das Erschöpfte. ja. du hast lange geschlafen. wie die Schlaffen. lasse dir sagen vom frischen, warmen Regen, der im Meer ertrinkt] hier aber sind jetzt alle Ärzte. auf der Suche nach den Kranken. und niemand ist mehr da, der ihnen sagen könnte von den fernen Dingen. und wohin ihre Seelen ausgewandert sind | sie haben sich verabredet. ab morgen rückwärts zu laufen. damit sich die Erde mal andersrum dreht. und die Tage beginnen mit dem Abend. dessen Land die Erde überziehen soll. mit ruhlosem Schlummer. weil das ewige Hoffen so müde macht.