Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[erster Ort: Düsseldorf Flughafen]

Es gibt Träume, die sich schnell vergessen und die nur im Träumen selbst eine Fortsetzung finden; in ihnen ist ein immer verschüttetes anderes Leben. Und dann gibt es Ereignisse, die dieses Träumen – mindestens in Fragmenten – hervorholen und es heben auf die Stufen und Bühnen der wirklichen Zeit; sie erinnern an lange verlorene Hoffnungen, an Entschlüsse, die (scheinbar) alles veränderten, an mögliche neue Entschlüsse, die ganz sicher alles aufs Neue verändern werden, im klaren Wissen um die Unmöglichkeit einer Heimreise als einer schlichten Rückreise, selbst wenn der Eindruck entstehen mag, im Kreis gegangen zu sein und wieder an derselben Stelle zu stehen, an der das Gedächtnis all die Zeit festhielt. Die schlimmsten Entschlüsse aber sind die nicht gefassten, denn sie entspringen der Illusion, dass sich mit ihnen nichts ändern wird…

beim atem. der staub | beim stein. die stille

[buchheimer fragmente]

was sagtest du noch
was [s]ich nicht vergessen sollte
– ? –

dass es geben muss: einen vorschein
des noch nicht hervorgekommenen
die ordnung der unausgesprochenen wünsche
ein unverhofftes erbe vielleicht
den traum einer larve
das ende einer schuld
oder die trennung eines gefühls vom ereignis
– / –

etwas, das da ist
dem man aber nicht näherkommt
das wort
das man nicht keimfrei bekommt
– ! –

weil
beim atem der staub ist
wie
beim blatt das licht
und
beim stein die stille
– . –

buchheimer fragmente

[still-leben | still leben]

Foto: Miriam Halfmann

[still-leben]

apoplex. brotzeit – dionysos. parkbank – brennender dorn zwischen den blinden augen – teiresias. mit stopfen im ohr – mit dem gestopften horn – mit den gläsernen knochen – dem papyrus-geweih – hoffend. dass die taube hand als viper erwacht – dass er sie nimmer wundschreiben muss – im ewigen beschwerdemanagement – dass die prokura erlischt – dass ihn ein frisch rasierter mit nappa-etui unter dem arm – reißt aus der unfehlbarkeit.


[still leben]

nimm doch platz

der hier ist frei
der hier will befreit sein

er schreit: streben
er flüstert: sterben

er hält das geheimnis
zwischen den lehnen
er hat es nicht
fallen lassen. fell-an:

er ist der weise
der auf der wiese steht
wie die unbekümmerte einsame ulme

die der zeit geduld lehrte
unter deren schirm
die raubtiere schlafen

wie verwunschene helden
im burnout
ohne kraft oder lust

zur nervosität
wenn ein ast knackt
über ihren häuptern

buchheimer fragmente

[dies. dort]

dies soll leben. hier. in der schlichtheit des aufgangs. eines von ferne zu uns greifenden lichtes. eines solchen, das sich nicht vergessen kann. aus der blüte der erschöpfung tropfender balsam. wort. das aufbricht die sprachlosigkeit. wie den acker der seele. dass er die liebe auch atmen kann. wenn sie sich ausgießt auf dem land der ankunft.

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 16 letzte strophen]

liebe
aus deinem traum entlassen
gehoben. aus den angeln der türen
nachdem durch die augen floss ein rohes licht
zurück. aus der wildnis. ruft uns der tod. ruft uns zu:
jetzt

ein blick nur
und ein ganzes leben wird auf neue wege geschickt
nicht trübe ihn der staub der zeit
noch sei er steinern in der gewöhnung oder boshaft
in falschen wünschen

sag mir nicht ende und ziel
sage mir anbruch
des tages. und schritte
auf vielleicht verschlungenen wegen
reiße die starre. aus meiner seele

es kann die hütte nicht verborgen sein
die auf den dünen stand
die erste welt wohnte in ihr
und noch die letzte wird nach ihr suchen
in den lichtlosen schluchten ohne widerhall

ohne widerhall. das heißt: ohne widerworte
und alles sprechen: ein fernes absurdes denken
und jede zunge: ein gefallenes blatt
unter dem feuchten sand. nahe der glücklichen ufer
an denen die zeit zur ruhe kommt

frei vom verlangen
vom dulden gelöst. legt sich die gläserne seele des lichtes
in die stille der traumlosigkeit. auf die wunden
der eine bleibende augenblick
der überwundene

aus allem nachhall erreichst du dann
die lautlose weite der winterlichen erde
bei dir ist das wort. der zitternden luft
wenn die landschaft deine seele noch einmal durchquert hat
und der wanderer trägt durch deine träume das ziel

die deinen mögen denken: das zeitliche will noch klammern
und zerren noch das mögliche. und ein jegliches unter ihnen
zu widerstrebenden seiten hin
doch auch sie stehen auf der schwelle vor einem letzten weg
versöhnt mit dem vergangenen. vom künftigen gelöst

einmal wurde es abend
ohne dass die nacht sich näherte
einmal blieb unbewohnt das haus
das einen tagbreit vor der brandung stand
das seine wände blähte wie der boote flanken

die stimme. die sich entfernte
die sich zurückließ. in der stummen gegend
unseres erinnerns. mitten im winter. die flammenden zweige
die fallenden früchte. zur dunkelsten zeit
auf die erschöpfte erde der sehnsucht

derselbe himmel. frei vom durst der erde
derselbe schatten
wenn tief stand die sonne
und weil kein anderer sich spannen ließ
über alles verlorene

was nennst du umkehr?
drehte sich nicht nur die zeit. um deinen schlaf?
dann ist jetzt. und jetzt ist gleich
sofern du erwachst. und auf den wänden sehen kannst
woran du dich hättest erinnern können

hier kam er vorbei
hier stand er und winkte nach. und
weil er hier stand
wird er hier immer stehen
stein. unter den zweigen

wer warst du? wanderer
dass die straßen trauern. und die wälder
leerten ihre augen? was soll die winde ranken
am mürben hauch der ausatmenden zeit. haltend den schatten
des gegangenen. auf den verwitterten stufen seiner sehnsucht

[wo]

still. zwischen zwei wogen. zwei halben zügen
eines geteilten atems
noch unentdeckt. im dichten gezweig
deiner klänge. den anfang erinnernd. der wartende
auf die erste frage. vor dem letzten aufbruch

[wann]

an einem morgen. eines noch langen tages
wissend. dass noch genug zeit wäre. und
schauend. auf den weg
der durch den garten ins haus führte
wie auf alle wege. die du einmal gekommen warst

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 8 neue strophen]

ehe die letzten jahre nahen
will ich mich aufmachen
und ihn bitten: lehre mich doch
aus allen wunden ein jegliches zu tun
mit liebe

wundere mich
über die geduld der dürren erde
die zitternde stimme der wolke
die milde sprache deines verschlossenen herzens
ein dunkles erinnern zu tragen zum ufer der dämmerung

in jedem offenen feld
nicht so bald schon
die hände an der haut des himmels
orte des abschieds. von wo der nächste tag
über das wasser des anfangs ruft

dunkel sagt uns. wenn wir stehen vor der nacht
dunkel die stunde. wenn die bitte um licht
ihren anfang sagt. in den leeren räumen
die sich füllen lassen. vom sanften streif
der den tag hob. über die mauern und dächer

was aber sagt die einsame seele zu sich selbst
wenn sich das sternenlose zelt um sie wickelt
wann jemals sollte sie rufen
nach ihrer stimme widerhall
wann opfern dem liebsten ihren schatten

wollte sie nicht
– fallender tropfen ins graue meer –
mit sich nehmen das kurze zwinkern
des wenigen lichtes. das sich tragen ließ
in ihrem gläsernen herzen

und wessen soll dann des dunkels sein
von dem manche sagen werden
es hätte sie ausgelöscht. die unauslöschliche
nur weil sie schweigt
die stille schwester der nacht

sie wusste. welches licht
die pfade hätte aufschließen können
lachend. voraus den einsamen schritten
glücklich. fast. und schließlich dem abschied voran
dem traurigen bruder eines jeden aufbruchs

unsere häuser. falls

[buchheimer fragmente]

unsere häuser
falls wir trauern müssen
falls wir nicht mehr schauen. hinaus

unsere häuser
wenn schnee fällt. und die füße zittern
auf dem kalten boden der zeit

unsere häuser
wenn die welt entsorgt hat
unser erinnern. und falls

sich verlieren die spuren
aller dinge. unterwegs
sand und staub. unserer häuser

eingeschlossen. im wachsenden eis

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 12 neue strophen]

räufelte fäden auf
aus dem fell des grasenden lamms gezogen
bis zum ende der traurigkeit
sitze im summen der wünsche
im wievielten frühling

gott. der wartende
die suchenden zu empfangen
sie irren durch die krause zeit
in den endlosen zügen der gezogenen
im leeren haus ihrer heimkehr. sitzt gott. der wartende

selig zu machen
was verloren. was deiner harrte
und opferte die eine hälfte des lebens
angesammelt und aufgespart
um einmal geteilt zu sein

ich mied die einsamen gärten
die blüten, deren augen die seele durchbohren
nicht sollte mich heimsuchen
was verschenkt
nicht trocknen die haut im duft der hoffnung

dunkel. der harfenakkord
einschlag der wege
im saum der ruhiggestellten herzen
stummes leid
summend. vergessene lieder

stand. ein baum. am steilen ufer
schloss die augen seiner zweige
zu sehen. wohin er gerufen sei
entsinnend. am abend. am morgen. erkennend
das nächste. steigend. über den kamm der düne

pfad. der dämmerung zu
dem ausatmen des tages entgegen
gelöscht. hoffnung und furcht
vom wogen der träume
überschwemmte zeit

siehst du nicht auch
den lichten wald unserer jugend
staub der röschen. zwischen den klammen zehen
der klaglosen zukunft geteilte asche
der palmzweige schatten. auf mondfarbener himmelshaut

was hast du, mutter
sind dir nicht trost die schönen geschöpfe
vater, was siehst du
wenn du so still. am fenster
karg. wie die gegend deiner wünsche

mag nicht mehr lächeln
mag nicht mehr trotzen der sorge
bin aus dem zauber raschelnder blätter geschüttelt
harre im ortlosen schauen. im tonlosen lauschen. verschlungen
mein name. in meer und zeit

mehr raum. braucht jede liebe
als platz hat die enge zeit
mehr mut. muss
aus der wurzel des todes wachsen
zu wissen. des sterbens größtes wagnis

du. rufe ich. du. kehre dich um.
kehre mich heim zu den schatten. über die hinzieht ein mond
ungesehen. hinter den grauen tüchern. die von den gewölben fallen
auf die verödeten wege. du
ziehe weiter. nimm meinen namen mit. in den neuen tag

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | für einen nahen freund. fern]

bald um. ist der tag
ist bald um mein träumen gegangen
wegrand und ufer. wo immer ich sei
steh‘ dort. ein schwacher halm. beim reglosen stein
in der stille des versprechens