[wakas von liebe und trauer | 91 letzte strophen]

I
wer warst du. wohin
gelaufen. flug des windes
flügel wie messer
wann willst du sein. unbezwungen. unbegreiflich
gewandert. ohne bewegung. immer vorbei am flachen atmen der erschöpften
II
späte stunde
was kannst du erwarten
die frage geht. die nacht ist ohne ufer
das bisschen zeit. ist hier
wo jemand atmet. einsam. den staub der fortgesandten
III
lausche. einer könnte rufen
wache. dein irrendes herz zu finden
mondlicht. im verödeten haus
sagte nicht einer abschied
brach sich der morgen nicht schon im gedanken der träne
IV
die bäche schweigen
so wenig wie die wälder
zaudere ruhig. zu betreten diesen einen augenblick
da schien es, als grüßten sich alle wanderer
über die fernsten fernen hinweg
V
die straße so lange. wie der tag
fremdheit und scham
auf dem welkenden antlitz der zeit
garten des abschieds. hortus memoriae
wer die trauer nicht fürchtet
VI
baute ein haus
betrat es allein
wie die kinder die mit den wünschen beladenen boote
da gehen die gedanken hin und her
und harren der stille vereister meere
VII
zögerndes herz
ewig können warten die wälder
einsam wohnt der ängstliche
ruhlos in unmöglicher hoffnung
klingt in der tiefe ein verschlossenes lied
VIII
eng ist das haus
meiner seele. zwiefalt
ist das gesicht ihrer sprache
schweif der vergessenen jahre
über dem saum der vertrauten sehnsucht
IX
traurige augen der mütter
das letzte licht des tages im späten laub
sie hocken stumm am rand der bald verschneiten wege
und weben aus dem staub
die schleier. die sich um ihre stillen wünsche legen
X
kühl sind die schatten
unter deinen zweigen
und einsam liegen zwischen ihnen
die rastlosen gedanken. schaukelnd. hin und her
unter dem kreisenden himmel
XI
kam ein wind. sehr spät
trug eine klage über das winterfeld
wuchs ein gras über nacht
hielt den duft des lichtes. im ersten tau
saiten zwischen den halmen. hoffnung zu zupfen
XII
wecke die schlafenden nicht
schalte die lichter nicht ein
lasse die siegel auf ihren augen
ruhend. die gefrorene träne
am ufergestein
XIII
komme. wie du bist
bleibe. die schattenlose zeit
lass laub flüstern. lass uns schweigen
ruhen die pfade, ruht auch das herz
schaue: zwei wanderer sind wir. durch einen traum
XIV
wachte auf. mit der ersten amsel
saß vor der offenen zeit
hörte ruf und echo:
wo bist du, wanderer, verlorengegangen
wo ein junges gras die wege säumte
XV
die blinden liefen hin und her
zwischen den schattenlosen weiten
siehst du nicht, um was sie baten
aus den letzten blüten
tropfe frühling bald
XVI
schon ist es spät. und
dämm’rung färbt den saum einer hoffnung
leer blieb ein garten
doch nicht vergeblich waren
die gabe des lichtes und das opfer des wassers
XVII
einsam. langsam
den schmalen pfad zurück
tiefer. länger
die schatten der kiefern
nicht ließen sich zertreten gedächtnis und schmerz
XVIII
schweif deines schweigens
stehst am ausgang
am anfang unserer geschichte. immer
nie ist satt die erinnerung
ein gut gefüllter krug steht im regen. unter meinem fenster
XIX
warum ich hier sitze:
damit ich mein denken dorthin schicken kann
wo einer die stimme fängt
bevor das echo ansetzt zum sprung
dass ihr letzter ausklang falle. in ein fernes ohr
XX
das ufer wartet
unter dem müden schilf leuchten dir abschied und weiterfahrt
zahllos bleiben gedanken zurück und die schatten des ungesagten
schließe die augen
zu halten die rasch verschwundene spur des bootes auf der wasserweite
XXI
tag für tag
zog vorbei. erinnerungslos
bitte für den wartenden. wanderer
dass ihm zurückkehre. ein name
wie nach langem winter die kurze blüte
XXII
fiel ins wasser ein stein
wie auf mein herz
der im abend verschwundene schatten
hatte sammeln wollen das licht
des schönen tages. vor dem schweren abschied
XXIII
aus dem dunkel. ein blick
wie ein windhauch im stillen roggenfeld
wie ein wort ins ohr des schlafenden geflüstert
wie ein schritt voran den uferpfad, die böschung entlang
dem fluss des klaren quells zu folgen
XXIV
staub. der sich auf deinen schatten legte
darin die gedanken des müden zergingen
mit den gefallenen worten
unter der letzten dämmerung
zu weben den saum der aufgelösten zeit
XXV
am rande des himmels
der vereisten tränen fragende ufer
der verlorenen blumen umgestoßene körbe
ach. die rissigen hände der verlassenen
ach. so tröstlichen regen auf die kalte erde fallen zu lassen
XXVI
abschied. ohne abschied
schwer. vom traum. das auge
stein der zeit. der
den brunnen nicht verlassen kann. in den er fiel
schmerz. ohne schmerzen. gewickelt in die wege. die nicht gegangenen
XXVII
was kommt auf dich zu? verlassener
was nicht mehr kommt
das atmen. das fernste. nahe bei deinem herzen
die zeit. muss getrunken haben. die kühle luft der spätsommernächte
aus den leeren gefäßen deiner verschweigung
XXVIII – XXXIV
[finnhütte. exeunt urijah. finish. geometrie der entlassung. abdank/ur/kunde. liegekur. 7einhalb. jahre ferne | 7einhalb waka-variationen]
zwischen düne und kiefern
das dreieck der vermessenheit
weil – er. du. ich – einer zu viel
weil – du. er – maßlos. in euren wünschen
unter den veluxfenstern
wie einsam
die insel sein kann
in ihrer überlaufenheit
in ihrer überspanntheit
mit strand- und sand-gefühlen
insel der rauschenden laken
der raschelnden haut
an haut. wie vernäht
mit den küssen. du.
und er
ich. ist unsichtbar
am ort der verbannung
aller zeit
zwischen pflicht und fluch[t]
zwei wochen. sonntag
hütte. in der ich stimmlos
atem an atem hefte
wenn ihr euch – du. er –
durch die vormittage vertuschelt
bis die stunde der müden möwe schlägt
spräche ich finnisch. oder wie die feen
die sich draußen im wacholder verheddert
wäre doch jedes wort
das ich sagte
ein kämmen durch trockenes schilf
zwischen ende und abschied
im dreieck der vergessenheit
lasse ich mich vitruvisch strecken
solange der weiteste himmel von allen
sich zwängt durch das spitzdach
hinein. ins nurdachhaus. und sich spannt
über grab und geduld
XXXV-XXXIX [was ich zu mir ziehe. was ich mir zuziehe. was ich zuziehe. | schließe die kisten mit den verwahrLosen. öffne den schickSaal. durch den ich ans ende gelange]
mein haus steht dort
wo die wege veröden
wo die amseln und tauben schweigen
du findest sein licht im warten auf eine antwort
wenn deine sprache verlorengegangen sein wird
ich denke. und denke
an all die namen und orte. die ich vergessen habe
nicht stören mich mehr die kälte des abends und die einsamkeit
am ende eines jeden tages stelle ich
frische blumen in die vase
jetzt steht der wald in den kalkweißen wänden
jetzt steht für immer offen die tür
der tag wurde ins ferne verbracht
in meinem schauen wohnt
abend. allezeit
vor mir die lange nacht
die erde unter meinen füßen
hat sich gefügt der müdigkeit des himmels
in den moment des versinkens fließt ab
alles gewesene
wie vergessen
eine noch brennende lampe im fenster
als legte ein ferner geliebter den wegschweren kopf
auf meine schulter. und einen guten gedanken
in meinen schlummer
XL-LIII
wohin sich treiben lassen
wohin vertrieben
immer dem schmerz aus dem weg zu gehen
statt an seinem verbranden ein ufer zu bauen
den abendlich blauen ort eines wundervollen endes
steige noch nicht hinab
zum tiefsten der heiligen worte
furcht ist die zärtliche freundin
dass unberührt bleibe das kostbarste
und verborgen die empfindliche schönheit deines namens
wann begann die lange nacht
die des herzens rede endete
als sich spiegelten die geheimnisse
in den erblindeten augen
die das lichtlose meer geschaut
lass sie doch sein. wie die träumenden
die durch die sage wandern. einer nicht endenden liebe
so wund von ihren hoffnungen
und fast ertaubt. flüstern sie: ANGESICHT
aufgesucht. und daheim. in jeder seele. die sich hingab
ach. so verödete knospen
ach. ein so trübes auge
blickend auf alles. was nicht aufging
was sich gewünscht, vergehen zu können
dass es mische sein mattes summen in ein verwehendes weh
und wenn das licht entwichen
suchen die schatten nach ihren trägern
zu ziehen die schleppe
an der noch haftet
der duft der verheißung
dann. sei ein tag
an dem du stehst. auf der schwelle. ungebeten
auf einem fußbreiten steg
zwischen stern und stern. zwischen ruf und widerhall
im einsamen klang. des letzten schlags. der dunkelsten glocke
was sagte ich anderes. als: du
was hieße es. ausgesprochen zu sein
in der stimme des anderen. enthalten. in der stimmung des harrenden
der seine wünsche kennt
die schätze des unvollendeten. solange er schwieg
einer. von den vielen
ausgesucht. für alle tage
durch die zeit zu laufen. mit verborgenem herzen
immer zu ziehen. wie wege um seine insel
die kreise. um jede stunde
ja. die große liebe. die eine. vielleicht
das uneingestandene licht
im schattenreich der sommerlichen wälder
die bänder des nebels am morgen
aufzutrennen. mit den scheren der sagenden stimme
ich komme vom träumen nicht los
so weit ich auch gehen und fliehen mag
steht bei jedem abend
am einen, lautlosen ufer:
der liebe trauriges auge
die mageren schatten
auf saftigem gras
wartet nicht immer das ziel auf den suchenden?
haucht sein kühles wort:
wer nicht wandelt, wird nicht verwandelt
nicht das einzige leben
das an unbekannter stelle einer langen reise verschwunden
nicht der einzige tote
der die welkende blüte seines namens zu den steinen legte
die das kommen und gehen der gezeiten nicht schrecken muss
trauern darfst du. freund
am bleibenden ufer. das ich verließ
stehen darfst du bei der traurigkeit. mit der ich fortgezogen wurde
doch: gehe heim in der freude der liebe und
mit dem unauslöschlichen licht. meiner schritte. voraus
LIV [für einen nahen freund. fern]
bald um. ist der tag
ist bald um mein träumen gegangen
wegrand und ufer. wo immer ich sei
steh‘ dort. ein schwacher halm. beim reglosen stein
in der stille des versprechens
LV-LXVII
räufelte fäden auf
aus dem fell des grasenden lamms gezogen
bis zum ende der traurigkeit
sitze im summen der wünsche
im wievielten frühling
gott. der wartende
die suchenden zu empfangen
sie irren durch die krause zeit
in den endlosen zügen der gezogenen
im leeren haus ihrer heimkehr. sitzt gott. der wartende
selig zu machen
was verloren. was deiner harrte
und opferte die eine hälfte des lebens
angesammelt und aufgespart
um einmal geteilt zu sein
ich mied die einsamen gärten
die blüten, deren augen die seele durchbohren
nicht sollte mich heimsuchen
was verschenkt
nicht trocknen die haut im duft der hoffnung
dunkel. der harfenakkord
einschlag der wege
im saum der ruhiggestellten herzen
stummes leid
summend. vergessene lieder
stand. ein baum. am steilen ufer
schloss die augen seiner zweige
zu sehen. wohin er gerufen sei
entsinnend. am abend. am morgen. erkennend
das nächste. steigend. über den kamm der düne
pfad. der dämmerung zu
dem ausatmen des tages entgegen
gelöscht. hoffnung und furcht
vom wogen der träume
überschwemmte zeit
siehst du nicht auch
den lichten wald unserer jugend
staub der röschen. zwischen den klammen zehen
der klaglosen zukunft geteilte asche
der palmzweige schatten. auf mondfarbener himmelshaut
was hast du, mutter
sind dir nicht trost die schönen geschöpfe
vater, was siehst du
wenn du so still. am fenster
karg. wie die gegend deiner wünsche
mag nicht mehr lächeln
mag nicht mehr trotzen der sorge
bin aus dem zauber raschelnder blätter geschüttelt
harre im ortlosen schauen. im tonlosen lauschen. ist verschlungen
mein name. in meer und zeit
mehr raum. braucht jede liebe
als platz hat die enge zeit
mehr mut. muss
aus der wurzel des todes wachsen
zu wissen. des sterbens größtes wagnis
du. rufe ich. du. kehre dich um.
kehre mich heim zu den schatten. über die hinzieht ein mond
ungesehen. hinter den grauen tüchern. die von den gewölben fallen
auf die verödeten wege. du
ziehe weiter. nimm meinen namen mit. in den neuen tag
LXVIII-LXXV
ehe die letzten jahre nahen
will ich mich aufmachen
und ihn bitten: lehre mich doch
aus allen wunden ein jegliches zu tun
mit liebe
wundere mich
über die geduld der dürren erde
die zitternde stimme der wolke
die milde sprache deines verschlossenen herzens
ein dunkles erinnern zu tragen zum ufer der dämmerung
in jedem offenen feld
nicht so bald schon
die hände an der haut des himmels
orte des abschieds. von wo der nächste tag
über das wasser des anfangs ruft
dunkel sagt uns. wenn wir stehen vor der nacht
dunkel die stunde. wenn die bitte um licht
ihren anfang sagt. in den leeren räumen
die sich füllen lassen. vom sanften streif
der den tag hob. über die mauern und dächer
was aber sagt die einsame seele zu sich selbst
wenn sich das sternenlose zelt um sie wickelt
wann jemals sollte sie rufen
nach ihrer stimme widerhall
wann opfern dem liebsten ihren schatten
wollte sie nicht
– fallender tropfen ins graue meer –
mit sich nehmen das kurze zwinkern
des wenigen lichtes. das sich tragen ließ
in ihrem gläsernen herzen
und wessen soll dann des dunkels sein
von dem manche sagen werden
es hätte sie ausgelöscht. die unauslöschliche
nur weil sie schweigt
die stille schwester der nacht
sie wusste. welches licht
die pfade hätte aufschließen können
lachend. voraus den einsamen schritten
glücklich. fast. und schließlich dem abschied voran
dem traurigen bruder eines jeden aufbruchs
LXXVI-XCI
liebe
aus deinem traum entlassen
gehoben. aus den angeln der türen
nachdem durch die augen floss ein rohes licht
zurück. aus der wildnis. ruft uns der tod. ruft uns zu:
jetzt
ein blick nur
und ein ganzes leben wird auf neue wege geschickt
nicht trübe ihn der staub der zeit
noch sei er steinern in der gewöhnung oder boshaft
in falschen wünschen
sag mir nicht ende und ziel
sage mir anbruch
des tages. und schritte
auf vielleicht verschlungenen wegen
reiße die starre. aus meiner seele
es kann die hütte nicht verborgen sein
die auf den dünen stand
die erste welt wohnte in ihr
und noch die letzte wird nach ihr suchen
in den lichtlosen schluchten ohne widerhall
ohne widerhall. das heißt: ohne widerworte
und alles sprechen: ein fernes absurdes denken
und jede zunge: ein gefallenes blatt
unter dem feuchten sand. nahe der glücklichen ufer
an denen die zeit zur ruhe kommt
frei vom verlangen
vom dulden gelöst. legt sich die gläserne seele des lichtes
in die stille der traumlosigkeit. auf die wunden
der eine bleibende augenblick
der überwundene
aus allem nachhall erreichst du dann
die lautlose weite der winterlichen erde
bei dir ist das wort. der zitternden luft
wenn die landschaft deine seele noch einmal durchquert hat
und der wanderer trägt durch deine träume das ziel
die deinen mögen denken: das zeitliche will noch klammern
und zerren noch das mögliche. und ein jegliches unter ihnen
zu widerstrebenden seiten hin
doch auch sie stehen auf der schwelle vor einem letzten weg
versöhnt mit dem vergangenen. vom künftigen gelöst
einmal wurde es abend
ohne dass die nacht sich näherte
einmal blieb unbewohnt das haus
das einen tagbreit vor der brandung stand
das seine wände blähte wie der boote flanken
die stimme. die sich entfernte
die sich zurückließ. in der stummen gegend
unseres erinnerns. mitten im winter. die flammenden zweige
die fallenden früchte. zur dunkelsten zeit
auf die erschöpfte erde der sehnsucht
derselbe himmel. frei vom durst der erde
derselbe schatten
wenn tief stand die sonne
und weil kein anderer sich spannen ließ
über alles verlorene
was nennst du umkehr?
drehte sich nicht nur die zeit. um deinen schlaf?
dann ist jetzt. und jetzt ist gleich
sofern du erwachst. und auf den wänden sehen kannst
woran du dich hättest erinnern können
hier kam er vorbei
hier stand er und winkte nach. und
weil er hier stand
wird er hier immer stehen
stein. unter den zweigen
wer warst du? wanderer
dass die straßen trauern. und die wälder
leerten ihre augen? was soll die winde ranken
am mürben hauch der ausatmenden zeit. haltend den schatten
des gegangenen. auf den verwitterten stufen seiner sehnsucht
[wo]
still. zwischen zwei wogen. zwei halben zügen
eines geteilten atems
noch unentdeckt. im dichten gezweig
deiner klänge. den anfang erinnernd. der wartende
auf die erste frage. vor dem letzten aufbruch
[wann]
an einem morgen. eines noch langen tages
wissend. dass noch genug zeit wäre. und
schauend. auf den weg
der durch den garten ins haus führte
wie auf alle wege. die du einmal gekommen warst