I
von einem Meer bis zum anderen
die Ufer
die Enden der Erde
überall
wenn du nur lang genug aufs Wasser blickst
aber der Brunnen ist fern
in den der Stein deines Namens fiel
überall hin
hast du ihn mit dir getragen
das Leere in deinen Händen
das Halbdunkel in deinen Augen
dir ist nicht viel gegeben worden
als sie dich fortschickten
außer die vielen Erzählungen
wonach du schauen und suchen solltest
in der Ferne
aber das Paradies ist immer woanders
und die Arme sind zu kurz
um den Himmel zu berühren
schwer wiegt die Last des dir Anvertrauten
sie hat dir die zarten Knöchel gebrochen
vor deiner Ankunft
dennoch werden sie dich fragen
wann du gedenkst heimzukehren
denn einzeln sind die Orte der Heimat
und zahlreich jene der Fremde
vielleicht wird dich sogar jemand fragen
was Liebe für dich ist
in einer Sprache
die du nicht verstehst
und weil du keine Antwort gibst
wird er denken
dass du davon keine Vorstellung hast
dabei weißt du selbst sehr gut
dass dich deine Stummheit zur Verstoßenen machte
unentwegt singst du dir deine Seele
aus dem lautlosen Leib
hinter gläsernen Wänden
durch die sie starren mit großen Augen
auf dein einsames Atmen
dahin haben sie dich abgestellt
und sind der Meinung
dass die äußeren Wunden gut versorgt sind
und wenn du still weinst
fragen sie dich nicht
was mit dir ist
sondern fragen einander
was will die denn
die hat doch alles
was sie braucht
ein Brot
ein Bett
ein Fenster
an dem sie stehen kann
um in die Welt hinauszuschauen
und sie selbst
wenn sie da so steht
wie gerufen und nicht abgeholt
regungslos Stunden und Stunden
sieht ihren Vater im fernen Ufergras
und hört seine Wehe-Rufe
und ihre Mutter, die Schöne,
ist eine Träumende wie sie
aber sie hat jetzt keine Kraft mehr
die verlorenen Kinder zu beklagen
II
hilf mir, meine Liebe zu vergessen. […] aber wirst du den Tag meiner Rückkehr ertragen. viele Stimmen zogen schon an meiner Tür vorbei. werde mich sehr verändert haben. hoffe darauf, dass meine Stimme noch dieselbe ist. und meine Augen noch nicht zu trübe.
wollte dich lieben, bis mir das Herze bricht. aber wovon es voll ist, kann mein Mund nicht sagen. die Flossen wurden mir nicht zur Zunge. die Stimmbänder wurden mir wie stacheliger Draht, rostig von Speichel und Tränen, um meine Kehle gewickelt. dabei sind meine Lippen gefüllt mit dem Blut aller Küsse, die sich die Liebenden schon gegeben haben. die ich noch geben könnte, sollte da jemand sein, der noch Platz für eine Liebe hat. aber meine Stimmlippen sind wie aus hölzernen Fäden gezogen, durch die mein Atem strömt wie ein herbstlicher Wind durch das Hohle der Regenrinnen.
ich singe meine Gebete. aber sie sind kaum mehr als ein Rascheln vertrockneten Schilfgrases. ich gehe so stumm und beredt an den Ufern entlang. und warte, dass mir der Ort meiner Ankunft entgegenkommt. ich bin auf dem Pfad dazwischen. ich bin ein Stein am Wegrand, ein toter Baum, denen die meine Schritte kreuzen. sie wiederum sind mir wie ziehende Lichter, die hinter meinem Schauen erlöschen und verrauchen über ihren Spuren, in denen sich die Pfützen sammeln.
dabei rief er mir doch zu in die kalten Tiefen des Wassers, dass er mich abends hören könne. dass er nachts die Tür seiner Kammer offenhielte. dass sein Herz bereit sei, mit mir zu singen und zu spielen. damit seine Seele endlich erwachen könne. dass er, wäre ich einmal aus den Wellen gestiegen, sich meinem Wandern und meiner Heimkehr zugesellte.
er lockte mit Worten wie du kennst zwar deinen Vater und seine Wehe-Rufe, aber woher willst du wissen, dass er wirklich ein Gott ist, der mehr als nur Flüche schickt, wenn du dich noch nicht hast lieben lassen. Und ich wusste damals schon, dass wer die Liebe nicht kannte, am Ende sagen müsste Es ist kein Gott.
und was wäre man dann anderes als ein im Licht verlorenes endloses Wünschen.
III
lass uns davonlaufen
die Zeit hat sich fortgeschlichen
dorthin wo wir nicht mehr hingelangen
wo unsere Sehnsucht nicht mehr hinlangt
lass uns davonlaufen
bis wir Halt machen
in einem Augenblick
lass uns von dem laufen
was uns an Ferne
und an Verlorenem
gegeben sein mag
dort ist die Zeit
die wir uns zurückholen werden
vor dem Ende
IV
sie sagt nichts mehr
sie ist jetzt in der Sage
sie ist zwischen die Fotos gerutscht
sie liegt unter dem Plunder
den wir Erinnerungen nennen
sie hat jetzt die Augen der Anderen
als sie noch Kinder waren
sie hat die Sehnsucht aller
und will sie behüten
unter den Flechten auf dem Gestein
sie ist die Gesagte, die Angesagte
die alle gestern noch gesehen haben wollen
die niemand gesehen hat
als wir an ihr vorübergingen
die verschlungen wurde
von den Wänden der Häuser
wir rissen ihr die Haut vom Leib mit unseren Schritten
die Haut von ihrer Seele mit allem Geschrei
wir sagen von ihr
als wäre sie aus unseren Häusern gegangen
unsere Nächte und Träume zu verlassen
die Verlassene
jetzt warten wir auf sie
dass sie heimkehrt
um uns zu sagen
von den unerreichbaren Ufern