allem Abschied voran

I

ging hervor aus einem Glück
schlief noch
als der Frühling lang vorbei
spiegelte Ferne in den Augen
wähnte weit die Welt
wünschte die Wachheit nicht

[…]

was sah da auf
und fragte
wo ist mein Tod

so begann die Suche
nach dem Tag der Heimat
und zog das Grau der Zeit
durch eine seltsame Stimme

und wusch das Licht aus
im wellenlosen Wasser

[…]

jetzt müsste noch Morgen sein
jetzt kann noch alles geschehen
was sich denken lässt
jetzt wird noch nicht gestorben
jetzt klingt die Stille über dem Nichts
wie ein Sang der Mütter
abends an den Wiegen

[…]

wo ist die Grenze
wenn Klang folgt auf Klang
und Welle auf Welle

wo sind
die Orte der Ankunft
die Orte der Bleibe
die allem Abschied vorangingen

[…]

fast schon war die Suche beendet
eben noch war das Ufer zu sehen
immer wieder tauchten die Inseln auf aus den Nebeln
immer wieder sandten sie einen Ton in die Nacht
einen Boten der künftigen Freiheit
immer wieder hatte die Sehnsucht sich zu Ende erzählt
immer wieder der Schlaf der Erschöpften
als ob nie ein Erwachen
als ob immer Morgen und Schlummer
als ob kein Ort um das Träumen herum

II

sie wachen und warten
fallen in den Klang
in die Klang-Fallen

erwarteten nichts
kamen aus dem Nichts

gingen die schattigen Straßenseiten
begegneten niemandem
hörten die Erzählungen von Sehnsucht
hatten schmerzende Fersen
blutig gestoßene Zehen

das unabschließbare Rauschen
durch das Gehör der Suchenden

allem Anfang voraus
vergessene Orte der Kindheit

[…]

traf sich dort nicht
was sich entgegenging
was sich fortgesandt hatte
weil es von den Inseln nicht wusste
und den Ausgang der Wanderschaft nicht erinnerte

dort wieder angekommen
ein Jahr später

[…]

die Augen hätten sich treffen sollen
im Vorübergehen
die Köpfe hätten sich umdrehen können
man hätte Stimmen hören müssen
zaghafte Grüße und
Fragen nach den Namen

aber was wäre geschehen
wenn der falsche Name gerufen worden wäre
das falsche Wort gesagt
zur falschen Zeit
am falschen Ort
hinter der Stille
wo sie sich nicht mehr hätten treffen können

III

viele gingen am Fenster vorbei
und spiegelten sich
und dachten an den Einen
der ihre Wege nicht mehr kreuzte
solange sie weiterziehen würden

[…]

jemand wird erwartet
sein Kommen
könnte die Ufer zurückbringen
und ein Gras wachsen lassen
auf den Narben der alten Erde

aber dann wäre die Sehnsucht zu Ende
der Abschied würde sie ängstigen
die Daheimgebliebenen
und ihre Gärten
wären aufs Neue ummauert

bis es wieder um Alles geht
was darin gedeiht
und draußen in den offenen Landschaften
bliebe nichts mehr übrig
wonach sie suchen wollten

sie selbst aber werden
ohne dass sie es spüren
aufgezehrt von eines Anderen Atem
bis sie sich selbst nicht mehr kennen
sich selbst
und das Haus ihrer Geburt

IV

sah ihn
[höre das Echo meines Fluches: Irre! Irre…]
der fortging
der verschwand
im Grau der zahllosen Tage
[ihm so vertraut]
doch jede Erinnerung
ist ein Morgen
ist ein Abend

das flüssige Band
um die Trauer gewunden

[…]

gerecht
ist die Zeit
allen gehört sie

aber der Morgen
an dem die Liebenden erwachen
ist ihr alleiniger Besitz

[habet acht!]

das Kostbarste
werden sie opfern müssen
für ihr kommendes Leben

sie werden
die Tore aufstoßen müssen
durch die sie gelangen
in die offenen Flure

wo sie sich wiederfinden
wo sie finden
Wasser und Luft und Licht

dass sie nicht ersticken
an den vielen Worten
die sich zuraunten

eine lange Nacht
in einem kurzes Leben

V

bedeutungslos
ist mein Schauen
ohne ihn

der Tag
ohne Anfang und Ende
wie alle Tage

durch den Schlaf
zogen seine Klänge
und die ihnen folgenden Schritte

mit knirschenden Sohlen
auf Sand und Schotter

und knarrende Dielen
gezimmert um allen Schlummer

VI

[was wird sie ewig müh‘n]
sie fliehen dem Winter

sie suchen einander
das Eigene wiederzufinden

sie hören etwas
vom anderen Ufer der Zeit

sie sagen nichts
wenn sie einander sehen
übers Wasser gebeugt

VII

alle Züge
fahren in eine Richtung
alle
wollen die letzten Brücken erreichen

die Gesichter
fliegen vorbei an den Fenstern
wie die Jahre

sie werden
sie wiedererkennen
auf der anderen Seite

wo das Erinnern nicht mehr ist
wo die Zeit getilgt wurde
aus allen Büchern
und allen Chroniken

bis nichts mehr bleibt
kein Auge
und keine Klage

[…]

fort
sind dann
die Erinnerungen

und ganz
gegangen
die Menschen

immer
ist Abend

nichts mehr
lässt sich dann halten

unter dem Wolkenzug

VIII

wann beginnt
[wie schaffst du…]
die Verwandlung

und anbrechen
muss doch der Tag

wo bleibt denn
die Dämmerung

wo bleibt
mein Dämmern

und eigentlich
müsste der Morgen doch
ein sehr eigenes
ein sehr geheimnisvolles Licht
fast wie gebrochen
durch etwas Unbekanntes
in unser Schweigen schicken

wie ein Gesandtes
nach dem man nicht hätte rufen können

sichtbar erst
im Nebel auf dem Wasser
im dunkleren Brennen
in dem die Gestalten verschwanden
die da eben noch standen
am Saum der Nacht
als ob ein Floß sie mit sich nahm
als ob im Klang erdacht
der eben übers Ufer kam

IX

Intermezzo
[ZwischenFall. hinter demn BildRand]

singe für mich allein [weite Stille des Himmels] schaue zum Meer. zur dämmernden Erde [stehe an Kreuzungen] hinter mir der Tag [Waage der Gedanken] schön wie die Nacht. mein Auge [weh. wie die Wolken zieh‘n] Zauber der Einsamkeit [todeswund. vor lauter Liebe]

von der Heimat her. die Wolken. von dort. wo mich keiner mehr kennt. Stille. unter der Zeit. suche die Ruhe. fern ihrer Gräber. an verwunschenen Seen [altes Lied. ach. so stummes Herz. graue Bänder der in die Luft geschwungenen Blicke] wie immer ist es schon spät. wie immer bist du allein. die Jugend entfernt sich ganz langsam aus deinem Gedächtnis. stehst fast verloren an Straßenecken. wo alles vorbeizieht. was nicht mehr zurückkehrt [vom Wald verschluckt. ein altes Kind. es raschelt im Laub des vorigen Jahres. dort wachsen nun bald die Buschwindröschen]

zum Ende hin muss die Stille nicht mehr erzwungen werden. man muss nicht mehr warten, bis der Schnee fällt. man kennt seinen Ort, als ob man selbst das Ziehende ist, das aufs Meer hinausblickt. man weiß sehr genau, was man dem einen fernen Menschen noch sagen würde. und sonst keinem. man hofft, dass er versteht den Sang der Amsel. an einem künftigen Frühlingsmorgen [wie in den Schlaf Dornröschens geküsst. heimatliche Erde. Mitte März. daliegend in nördlichen Landschaften. als erwachten sie nie. und erste weiße Blütentupfer. wie aus einem Traum einer Seemannswitwe. gefallene Sterne. und der Atem Beider zieht übers brache Feld. aber nur ihr Schmerz wird im späten Sommer in den Ähren wogen] was ist denn die Seele anderes, als das stille Land zwischen den Küsten, über das hinwegziehen die Kraniche, mit allen Sehnsüchten fort und heimwärts in unserem grauen Gefieder, darin sich die Zeit angesammelt, die schon verging.

spreche jetzt bitte nicht von Ferne. lasse jetzt bitte diesen einen Moment im Innenhalt. im Gestrüpp auf verwitterten Mauern. für die Knospen eines künftigen Glückes. […] war noch einmal eingeschlafen. als draußen Regenschauer… als draußen rauschender Wald… nahe der Küste. aber in der Schilfharfe saßen noch die Stare. wie halbe Noten. im noch stillen Gewitter des Klanges, wenn es noch sucht nach seinen Stimmen. Und ungeduldig wartend eine jede, auf den Finger, der ihre Saite zupfen wird, damit sie endlich abgeben können, in einem Wimpernschlag, diesen einen einsamen Ton, den sie eingeatmet haben, ihr ganzen Leben.

[schlafende Amsel
auf dem kahlen Buchenast
Traum des Geliebten
der wulstige wunde Rest
des von Frost zerkauten Zweiges]

die einsamsten Vögel. werden am schönsten singen. ihre fernen Triller rauschen silbrig durch das Erstarrte der unbetretenen Gärten, in denen die Zeit wartet auf ihren Anfang. ein wunderliches Lied. es handelt davon, wie ein Geborener zum Lebenden wird. durch die Liebe. im Schmerz der Erkenntnis. und selbst sich fragend, warum er so lange tot war.

dann. Glück des Endes
wenn keine Sehnsucht mehr ist
nur ein Erinnern

öffne die Arme. Flügel der Dämmerung. über den Seen. schwer raunen die Träume meinem Wandern das Vergangene hinterher. jetzt senke ich meine Schritte in die Stimmen der Gegangenen. von ihnen zu erfahren. was über Nacht verlorenging.

die Dolen stürzen herab. von schneebedeckten Gipfeln. wie schwarze Pfeile rammen sie ihre Schnäbel in unser Schauen des Himmels. und an den Ufern werden sie zu Pfählen, zu Wellenbrechern. wo die Möwen ruhen. bis zum nächsten Hunger.

Wenn sie uns forttreiben, schweben wir über das Blühende hin und nähren seine Erde mit unseren Tränen. und unter den Wunden der Ferne steigt ein milchig schimmerndes Wasser auf. und erinnert uns an den Mond. wie wir ihn kannten aus der Heimat.

[du sollst doch nur sein
was ich nicht mehr suchen kann…
…mir zu erfinden]

X

[Erste Meditation]

wir sahen dich zwischen unseren Augen stehen. als wir einander erkennen wollten. seitdem sind wir gleich. aber nicht mehr einander. weil wir dich sahen. zwischen uns wirst du der Einzige bleiben. an dessen Rückkehr wir glauben. und weil du dich jeder Seele anders zeigst. weil jede Seele anders ist. in ihrer Einzelheit. darum kannst du allen der Einzige sein.

XI

[Zweite Meditation]

sie behaupten, du hättest ihre Sprachen verwirrt. sie haben dich stets unterschätzt. als einen Trauernden. und einen schweigend Wandernden. weil sie kein Ohr hatten für deine Sage. von der Last der Ewigkeit. und kein Auge für deine Gaben der Lust, der Freude, der Kostbarkeit. die in allem Vergänglichen, nach dem du Ewiger dich sehntest, schlummern. sie, die Schlafenden, wissen nicht, was es bedeutet, immer zu wachen und zu schauen durch alle Gedanken und Taten hindurch. und zugleich den SinnLosen kaum mehr zu sein als der auf sein eigenes Erscheinen wartende Schatten eines Felsen an wolkenverhangenen Tagen. du suchst eines jeden eigene Sprache und bist ihr Echo in ihren Träumen. doch ihr Entschluss war stets, zu vergessen und nichts weiter in dir zu sehen, als einen stummen Gärtner, der die Saat von ihnen nimmt und ihre Früchte auswählt. jemand, der sie angewiesen hätte, nur das zu verzehren, was weit vor der Linie des Horizonts gedeiht.

XII

ich kann mich nicht erinnern
wen ich verlassen habe

ich muss
lange dort gewesen sein
zu lange
war ich da

als ich vom Weg in die Heimat erfuhr
konnte ich dort nicht mehr bleiben

und machte mich auf
hierhin

die Mauern schienen endlos
an denen ich vorüberging

der Hoffnung folgend
den Ort meines Lebens zu finden

sei es auch nur
für die Sterbensstunde

XIII

warte darauf
dass der Tod uns vereinigt

verewigt
hat er uns schon

hatte versprochen
ihn nicht aus den Augen zu lassen

hatte ihn irgendwo draußen angebunden
dass er nicht wegläuft

vergaß den Ort
wo er verlorenging

er selbst hatte orakelt
dass ein Echo zu hören sei
ginge man rückwärts
durch tiefste Schluchten

[…]

der Erste bleibt zurück
wie das zerstörte Haus deiner Kindheit
durch dessen verwitterte Mauern
die Jahre fegen

[…]

jedoch
ist sein besonderer Klang
nur
weil du ein besonderes Gehör hast

diesem ist es ein Irrtum
jenem kann es die Wahrheit sein

[…]

die Augen verhangen
vom Nebeltag

du öffnest sie kaum
während der Reise

sparsam bleiben die Bedürfnisse
die dir entgegenkommen

so fällt es
dem Wenigen leichter
genug zu sein

XIV

erstes herbstliches Licht. gemischt mit letzter sommerlicher Wärme. später Nachmittag. auf halbleeren Terrassen. halbleeren Promenaden. in halbleeren Cafés. auf halbleeren Parkbänken. in allen halbleeren Küstenorten kommen sie an und haben die Hälfte ihrer Hoffnungen und ihrer Erinnerungen zurückgelassen. alles Halbierte hat sich hier versammelt. heute früh war der tipping point erreicht. ab jetzt ist keine Fülle mehr zu erwarten. die Ränder der halbleeren Schalen hängen schlaff herab wie Lippen von Schlafenden oder von Apoplektischen. sie gießen die Zeit wie ein letztes süßes Wasser ins graue Meer. […] ab hier spielt es keine Rolle mehr, welche Richtung die Reise nimmt. Eines sind turning point und point of no return. weiter und fern sind wie zurück und heim. unterwegs ist immer…

[worauf hast du Lust
jeder lässt sich jetzt treiben
niemand verpasst was
wir springen vom Steig auf den Steg
dazwischen ist es am schönsten]

man sagt uns, wir seien sehr weit gekommen. es käme uns nur so vor, als hätten wir uns nicht bewegt. man sagt uns, das Gefühl des Stillstands sei nur eine Illusion. die Bilder frören ein. vor den Augen der Schlafenden. die Stimme, die einen Traum erzählt, sei wie ein plätschernder Zimmerbrunnen. im Gehör des Erwachenden.

[wirst wieder jung sein
mit einer anderen Liebe
wirst eine Ranke
um das Gestein. ums Gehäuse
im Jahr der Vergessenheit]

so kann man das nicht sagen. das ist alles viel zu unklar. dafür ist das Leben zu kurz. zu einzig. jeder muss sich entscheiden. und tut dies klaglos und ohne Zögern. niemandem wird gestattet, um die offenen Möglichkeiten herumzutorkeln wie ein Betrunkener um den Laternenpfahl. alle müssen sich jetzt dazu bekennen. was ihnen vorgeworfen wird. vor ihre zaudernden Schritte. damit es vorwärtsgeht und weiter. und wer sich nicht bemüht voranzukommen, dem schlagen wir rostige Nägel in jeden Zeh.

[erzähl‘ mir davon
wie dein Leben verblühte
mit deinen Worten
mit deinen Sängen reiße
mich fort ins Unverhoffte]

wir fahren heute mit unserer Übung fort. das Unstete ertragen zu lernen. wir wissen nicht, wie weit wir heute noch damit kommen. aber wir fahren jetzt erst einmal los. und werden dann schon sehen, wie weit wir gekommen sind. wenn wir am Ende die Brillen abnehmen. die wir am Anfang aufgesetzt hatten. und ob sich ihre Farben geändert haben. [diese sonderbaren Momente. als ob kurz das Licht des Tages flackert. jemand sagt dir: ich liebe dich. und du fragst dich: warum. und willst ein auf staubigem Feld versickerter Regen sein. du schwitzt vor Angst. dass die Küsse dir den Atem rauben. dass dich die fremden heißen Hände zerdrücken und würgen. dass du verlorengehst im Schwall der Worte und der Bekenntnisse]

XV

warte bitte
nicht auf mich

die Feste sollen beginnen

ich ging fort
vor langer Zeit

ich kehre nicht zurück
vor morgen früh

ich war
gestern schon einmal hier
und blickte
durch die geschlossenen Fenster

ins leere Haus

XVI

die Stimme muss noch warm sein. die Sprache bleibt kalt. sie ist dem Schmerz überlegen. in ihrem Dunkel trifft das schon Beendete auf das noch nicht Begonnene. wir merken es in dem Moment, in dem ein Stein ins Wasser fällt und wir den Kreisen der Wellen zuschauen. und nicht genau sagen können, ob sie auf uns zurollen oder sich entfernen.

[wollte dir gehören
wollte deine Schöpfung sein
Nebel auf dem See
Irrlicht. darin gefangen
warte. dass dein Tag anbricht]

man denkt sich so etwas nicht aus. man hatte davon keine Vorstellung. sie waren geflohen. man konnte nicht mehr ermitteln, ob voreinander oder vor sich selbst. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, sind vielleicht nie abgeschlossen. man hegt den Verdacht, dass sie sich auf die Suche nach dem Verlorenen begaben, von dem man sich so viel erzählt hatte. man sah etwas aufblitzen über dem Horizont, als sei ein Stern ins Meer gestürzt. etwas heulte auf zwischen den Wolken. seitdem ist das Wasser reglos wie ein Spiegel, der sich statt nach Bildern und Widerbildern nach Hall und Widerhall sehnt. seither ist alles verdreht. alles verworren. man arbeitet bis zur Erschöpfung an der Lösung der Knoten. man weiß nicht, was gefunden wird. man ist sich nicht sicher, ob ein Befund überhaupt von Belang sein wird. man wird schon sehen. man hat schon größeren Unfug geglaubt.

[er ging ohne Ton
zur Blendung eisiger Stille.
immer. ist Dunkel.
auf seiner Seite das Licht.
verhallt. Lied seiner Heimkehr…]

Leere der Fülle.
Ekel der Erinnerung.
Kind. Seele im Sprung

[werde dich nie verlassen. will mit dir sterben. bleibe immer bei dir. auch ohne dich] vom Rausch blieben nur die Bärte [bin voll leer jetzt. krass abgerauscht. im muffigen Ausatmen eines Luftballons] drehe dich nicht um. rückwärts. heimwärts. langsam die Gänge hinunter. raunende Stimme. lasse dir Zeit. wie die Zeit dich ließ. Ewiger. Einziger. siehst du denn nicht unser beider Schatten? er zeigt uns unser Sterbliches. sie treten es ins Gestein. noch einen halben Abend. noch eine ganze Nacht. dann wird mich dein schlafloses Träumen verewigt haben. dann sind wir frei von Vergangenheit. und von Zukunft. dann schauen wir einander in die Augen und erkennen in ihnen die endlosen Kreise der Sterne um unsere verlorenen Nächte. und aus diesem Augen-Schein wächst uns die Winde der Ewigkeit.

[wohin fallen wir
oder steigt die Welt um uns
Schlinge der Arme
lassen nie voneinander
und nie von unserer Furcht]

XVII

[Dritte Meditation]

es wird uns klar in diesen Tagen, womit wir nicht aufhören dürfen, wovon wir nicht lassen sollen. wir wissen jetzt wieder, worum wir bitten müssen und wofür wir ausharren werden. es gibt keine Rückkehr zu friedlicheren Jahren. wir sehen, was auf uns zukommt und müssen uns jetzt entscheiden, wie wir ihm begegnen wollen. wir sind nun die Zeugen. Auf beiden Seiten der Zeugnisse.

XVIII

[Vierte Meditation]

sie gingen langsam aufeinander zu. die Sterbenden halten einander nicht auf. wenn sie Liebende sind. sie sehen sich von Weitem kommen. sie sehen sich noch, wenn sie fern sind. sie gingen entlang eines fließenden, funkelnden Wassers. weit offen standen ihre Münder und Augen. der fehlende Zweifel kündete uns ihr nahes Ende.

XIX

[Fünfte Meditation]

wir warten auf die Erzählung. bislang geschah noch nichts. wir sitzen in den Kellern. wir haben noch nichts gehört. wir blicken uns um jeden Morgen. um zu schauen, wen die Nacht verschluckt hat. wir kratzen ihre Namen in die kalten, nackten Ziegel. wir werden umarmt vom verbrannten Gestein. von den Stimmen der Gegangenen. wir sagen einander die Sehnsucht nach den verronnenen Augenblicken. wir sagen einander unsere ersten Worte und Taten. wenn wir aus dieser blutschweren Erde gestiegen sein werden. ans zitrusfarbene Licht eines lautlosen Morgens. auf den sich Rauch legt. einer verstummten Klage. und wir werden dem Himmel dankbar sein. dass sich Seelen nicht verbrennen lassen.

XX

ich war noch nicht dort
am Anfang des Augenblicks

und bin noch nicht gegangen
durch das Tor zur Zeit

es ängstigte ich der Gedanke
dass ein Moment zu rasch vorbei ist
und die Ewigkeit mein Suchen verschwinden lässt

ich will dort nicht bleiben
wo alles aufgefunden werden kann
was keine Bleibe hatte

es führt kein Weg dorthin zurück
wo für immer Vergangenheit wäre
und wo ich bei ihm läge
von keinem Fluss des Zeitlichen gestört

[…]

das Floß treibt und treibt
von allen Ufern entfernt
bleibt nur die Trauer

XXI

[Sechste Meditation]

ich bin mir nicht sicher, auf wen oder was ich schaue. aber ich blicke hinaus. Fruchtbares und Furchtbares liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. es gibt Gegenden, da halten sich die Einheimischen schon für gut, wenn sie die Fremden leben lassen. […] es kamen Zweifel in mir auf, ob das Ende ihrer Wege einen neuen Anfang erlaubte. oder ob das Wegende nur ein Weganfang sein würde. wenn sie sich umdrehten und zurückkehrten, so lange sie Wartende wären. ohne zu wissen, was sie erwartet. geschweige denn, wann. sicher haben sie das Allernötigste für ihr Überleben. von ihrer Würde sind sie damit aber noch weit entfernt. diese begönne erst dort, wo man sie ihre Geschichte erzählen ließe, wo sie zur Stimme zurückfänden und im Gehör der Anderen ein Echo ihrer eigenen Gesänge hörten.

XXII

[er kannte mich kaum. aber wollte schon sterben mit mir. allein leben, so bekannte er, könne er nicht mehr, seit er mir begegnet war. so sprach er schon das Ende aus, bevor es so ganz beginnen konnte. und seine Liebe nahm dort ihren Anfang, wo ich Lebender als Gestorbener bei ihm wohnte. in ihm. in seiner Seele. mit der ich den Weg beschritten hatte. zur anderen Seite] Vieles konnten wir schon vernehmen von den Engeln. manche berichteten uns, sie hätten sich Ohrenschützer aus Wolkigem aufgesetzt. man hatte ihnen gedroht mit der Menschen Geschrei und Gejammer. sie wüssten, so hieß es, dass ein Übermaß an Vergangenem aus dem Dunkel der Gegenwart steige. und alles, was die Menschen dann mit Zukunft beschrieben, sei in ihren spiegelnden Wasseraugen selbst wie ein Vergangenes. dies wäre, so ließ man sie resümieren, eine natürliche Täuschung und Selbsttäuschung von Vergehenden. denn in der Zeit, in der sie stehen, mit der sie fahren wie in einem nie haltenden Omnibus, werden sie sich nicht umdrehen können. weil die Fahrt nur eine Richtung kennt, auf den Straßen entlang der Ströme zum Meer. auch wenn manche Liebenden glauben, den Steg über jener Stelle zu überqueren, wo sich zwei Flüsse, aus entgegengesetzten Richtungen kommend, treffen. und stürzen in den Spalt zur Ewigkeit. [er konnte mir nicht mehr folgen. mein Sang war ihm zu fern. er sah in den Abgrund, der klafft zwischen den Lebenden und den Toten. also ging er weiter. und es ist unmöglich zu sagen, ob zurück oder voran. was auf kugelförmigen Planeten ein und dasselbe ist. eine Stimme rief ihm zu: gehe zurück. finde den Anfang wieder. um ein Ende zu machen. doch die Küsten sind nur der Saum um die endlos scheinenden Eilande und Nehrungen. die Grenzen, den zahllosen Schritten gezogen. zwischen dem Unendlichen und der Vergänglichkeit] also singen die Engel: was brauchen wir denn den Frühling. um das Schmerzhafte zu spüren. und was für eine Zumutung letztlich, die unzählbaren und unerreichbaren Sterne. albern und nutzlos wie die Sehnsucht. was denn ist sie anderes als die Woge der Angst vor dem Künftigen, die schon immer aus dem Vergangenen zu ihnen herüber schwappte.

[…]

geh‘ mir Luft holen
doch dein Kuss wie ein Korken
auf meinem Atmen

XXIII

[Siebte Meditation]

ich kann nicht allein meinen Augen trauen. ich muss in die Augen der Anderen blicken, um das Dunkle ihrer Erzählungen erfassen zu können. was es bedeutet, wenn sie sagen, sie zogen von Land zu Land, mit dem einzigen Ziel, in ihrem Überleben anzukommen. was es heißt, wenn sie ihre Blicke zum Himmel aufrichten und davon sprechen, dass ihnen dort eine gerechte Vollendung ihres Schicksals werden wird, eine Rückung ins Recht, eine Entrückung ins Richtiggestellte. […] sie grüßen mich mit FRIEDEN, während ich nur schweigen kann. sie müssen von ihren letzten Hoffnungen sagen, damit ich sie neu schöpfen kann. sie sagen mir: du darfst schweigen und trauern, aber bei uns steht die Klage, und solange du zuhörst, geht sie nicht ins Leere. dein Gehör muss wach sein, bis unser Klagen verhallt ist. und erst, wenn unser Klagen verhallt ist, wirst du wissen, dass nichts mehr zu hoffen bleibt.

XXIV

aus der Tiefe
schöpfst du die Luft
Schale für Schale
im lichtlosen Wasser gebunden
um darin die Seele zu baden

aber
was hast du
wirklich geliebt

den Menschen
oder das Gefühl?

den Menschen verlässt du
damit das Gefühl bei dir bleibt

er kann dich so wenig halten
wie die ziehenden Jahreszeiten

[…]

die Straße bleibt dir
die Straße bleibt uns allen

wen brauchen wir schon
außer uns selbst
den Klang unserer Schritte
den Wurf des Schattens voraus
wenn wir dem Abend entkommen wollen
und den verlorenen Blicken
aus Häusern heraus
die dennoch keiner von uns
allein bewohnen wollte

wir sehen uns selbst ja nicht
nicht einmal in den Spiegelwänden

unsere Bilder
stehen zwischen
Welt und Zeit

wir wurden herbestellt
und nicht mehr abgeholt

das Warten
lässt die weiten Räume enger werden
wie das unbewegte Meer
unter dem Deckel der Dämmerung

[…]

dir aber
bleiben Räume
die du nur in Gedanken betrittst
durch die du hindurchgehst
in die anderen ferneren Landschaften

und jenseits einer Linie
die wir Horizont nennen
(Grenze für uns
und Schwelle für dich)
liegt jener überwältigende Moment
in dem du wieder zurückblicken musst

und obwohl du sehr gut weißt
dass die Wege unumkehrbar bleiben
wirst du dich umdrehen
um noch einmal zu schauen
ob da jemand war
den du hättest lieben können

XXV

[Klarstellung. GegenDarstellung. Gegen die DarStellung]

wir betonen an dieser Stelle, dass hier nicht der Ort ist für eine Liebe. denn eigentlich ist nirgends der Ort für eine Liebe. wir werden es nicht gestatten, dass sich EINE Liebe (irgendEINE) über DIE Liebe (die EINE) stellt. für diese EINE Liebe gibt es nur EINEN Raum. wir lassen hier niemanden rein, der eine (irgendEINE) Liebe sucht. hier bleiben nur die Verlassenen, die in allem Erinnern keine Fragen mehr stellen, die sich in Stille gelöst haben von ihren Toten und deren Einsamkeit kaum mehr empfunden wird. klanglos sind ihre Inseln. keiner von ihnen wohnt mehr in einem Gefühl. ihnen reicht ihr Wissen, dass sie es sind, die noch leben. aber daraus werden ihnen keine Erwartungen mehr, denn sie haben beschlossen, nicht mehr zu warten auf ein Unvermeidliches. sie sind das Zwingende selbst, die ungezwungen Gestorbenen. sie hängen sich nicht mehr auf am Faden der Sehnsucht. sie müssen sich nicht mehr kümmern um die Flüchtlinge aus dem Land der Liebelosen. sie wenden sich ab vom täuschenden Licht und decken mit ihren Flügelschatten die vollen Tafeln der Satten.

XXVI

[kam vorbei am offenen Fenster, in dem ein leicht vom Wind bewegter Vorhang das Restliche der Nacht zu halten schien. ihre Stimmen waren auf die Zweige der Platane geklettert. und bei allem, was sie einander bekannten, waren sie nun eins im Bewusstsein, nicht mehr Unsterbliche zu sein. was aber sollen sich nun die Gestillten noch sagen? sie schauen stumm einander an. ihre Augen sind ineinander gefallen. ihr Schweigen ist das des Gesteins und des Wassers, des Laubes und des Grases um sie herum]

XXVII

[Achte Meditation]

nicht aus freien Stücken bewohnen wir die Erde. also soll uns das Leben so mühelos sein wie der Tod. kein Ort der Bleibe ist uns bekannt. das Hiesige ist uns nur die schattige Seite des Dortigen, das wir nie einholen werden, so wie wir dort unser Hier nicht nachholen können. aber wie soll uns das Jetzt gelingen, wenn wir dem Dann nicht vertrauen. nein. wenn wir noch etwas Zeit miteinander verschweigen wollen, müssen wir uns einmal entscheiden, welchen Ereignissen wir vorausgehen werden, um uns in ihnen wiederzubegegnen, und bis zum Ende, so einsam es immer sein mag, das Heilende der Erinnerung zu wissen.

XXVIII

ich habe
kein Gedächtnis
von meiner Sehnsucht

ich weiß nicht mehr
wie du lebst
oder wann

fern ist mir dein Morgen
fremd jene
die du jetzt grüßen magst

die dich umfingen
als ich einsam durch Nächte zog
von allem getrennt
um mich selbst zu erhalten

ich musste die alte Welt verlassen
und bin denen
die dort zurückblieben
ein verblassender Nebel
zwischen den Kieferkronen

ich kann nicht anders leben
als in der Wanderschaft

ich kehrte mich ab
von den Ufern der Liebe

ich kehre mich nicht um
nicht verloren zu sein
in der Flut der Vergangenheit

kalt
muss ich sein
wie die Haut der Felsen
gegen die die Brandung schlägt

dass die warmen Hände von mir lassen
als von einem Toten

dass nicht ein Tau tropft
von ihrer Trauer
auf den Sand meiner Lider

XXIX

[Nachruf]

wir danken recht herzlich. Sie können jetzt gehen. Sie werden hier nicht mehr gebraucht. Sie erinnern uns doch zu sehr an unsere mageren und bitteren Zeiten, die wir aussortiert hatten aus unserer Geschichte. Verzeihen Sie uns: aber verziehen Sie sich. wie die lastenden Wolken, die das Graue unseres Schlafs mit sich nehmen. damit jetzt endlich wieder Frühling ist. für ein paar friedliche Jahre der Vergessenheit.

XXX

der lange Winter
soll mir nicht enden

ich will nicht
zurückgestoßen sein
in die Hast der Augenblicke

halten will ich
den frostigen Atem
der Unveränderlichkeit

weil ich verwandelt bin
aus der Zeit heraus
hinein in den Raum
den ich mir nie hätte erträumen können

ich will herabgelassen sein
in den Ungrund meiner Seele

ohne danach noch ein Wort zu verlieren

die Schönheit soll man rühmen
die in meiner Stille ist
in dem Unerreichbaren
meiner Wünsche

sie sollen mich suchen
wie Liebende
die sich verloren haben
nach einer kurzen Sommernacht

sie sollen mich erkennen
an allem
was nie in Erfüllung geht

XXXI

wir konnten
uns ins Dunkle retten
unter ein Sternendach
in die klaren Nächte der Wüste
in die Ruhe des Heiligen
in ein unwandelbares Sterben
aus dem wir uns nicht mehr wecken lassen
um dann tot zu sein
für immer

XXXII

[Neunte Meditation]

wozu sind wir hier? wenn wir unsere Mitte nicht kennen und aus der Mitte heraus die Tore nicht öffnen für die, die Zuflucht suchen. wir zäunen unsere Mitten ein und betonen die Grenzen, die sie voneinander trennen. mühsam ist der Frieden, der sich so erhalten soll, statt in den offenen Landschaften den einen Frieden aller zu leben. Haus an Haus. Gemeinde an Gemeinde. und statt sich gegenseitig zu missionieren, würden wir uns einfach nur unsere Geschichten erzählen, würden Gedanken und Wünsche austauschen, bei gemeinsamen Mahlzeiten, die mal der Eine, mal der Andere zubereitete. wir wären zugleich Gäste und Wirte und müssten uns nicht dauerhaft in einer dieser Rollen überfordern. wir wüssten wieder, was Ehrfurcht ist und würden das Böse hassen. wir spotteten nicht mehr über die guten Werke und würden aus diesen zugleich keine eitlen Feste mehr machen. wir teilten nicht ein in Erste und Letzte und Mittlere, sondern teilten einander die alten und neuen Wege und gingen gemeinsam die Zeit, die uns gegeben wäre, im Wissen um das Einende ihres Flusses und in der Gewissheit ihrer Endlichkeit.

XXXIII

[Zehnte Meditation]

ich wusste nicht, was ich mir wünschen sollte, auf dem schmalen Pfad zwischen Bestand und Wandel, inmitten einer Welt, die vom Nichts umschlungen und durchdrungen ist. und je weiter ich wanderte, desto fremder wurde mir das wuselnde Leben. aber ich will noch einmal sehen, wie ein Tag aufblüht und was mich erwartet, wenn ich mich umdrehe. ich will spüren, wie ich vergehe mit allem Vergehenden, um zu wissen, dass ich war. preisen werde ich die Fülle aller Fragmente, damit das Nichts keine Gewalt hat über mich. alle kleinen Augenblicke der Liebe werde ich sammeln und mache meine Seele zum Schrein einer heiligen Stille, bis ich nicht mehr kenne die Sorge darum, was Bleibe sein könnte und was Verlust sein wird, dass ich nicht zögern werde zu sterben, weil ich lebte ohne Zögern.

XXXIV

wir hören sie nicht mehr
von Wüsten umschlossen

wir hoffen darauf
dass sie die Wege gehen
die uns versperrt bleiben

wir wohnen auf den Stufen
die hinabführen zu den Ufern

wir warten auf den Stegen
und schauen von dort
den Jahreszeiten an Land hinterher

wir sind dazwischen
in den Wänden der Erstarrung

wir haben unser Fleisch
zu Ziegeln brennen lassen
für die Mauern
zwischen Meer und Wald

denn ihre Geschöpfe
sollen nicht wissen voneinander
und nicht im Schmerz sein wie wir

uns soll kein Mitleid mehr rühren
und wir werden nicht mehr beklagen
die Suchenden in ihrer Sucht
nach Ziel und Ende

uns wird die Freude genügen
dass etwas begonnen hat
was uns Wurzelnde zu Wanderern machte

und wir freuen uns auf den Moment
in dem uns ein Unmögliches überraschen wird
auf unser Staunen über alles Denkbare
was wir nicht dachten

XXXV

du bist gegangen

du bist gekommen
als Stimme

in allem
was ich verberge
an Glaube
an Zweifel

du bist
mir vorausgegangen
meinem Blick voran

ich warte nicht mehr darauf
dass du dich umdrehst

ich ahne
was geschieht
endgültig
am Punkt der Kehre

XXXVI

[Elfte Meditation]

wir sehen sie dort. hinter dem Rand der Zeit. sie schleppen sich entlang des Abgrunds der Augenblicke. sie haben Gesichter von Irrenden. sie kennen nur eine Richtung. fort. sie nehmen die ganze Breite ein eines zu schmalen Pfades. sie verstopfen die Gasse, die zurückführt. so sind sie schon durch viele Räume gezogen und sahen sich darin gespiegelt ins Unendliche. sie öffnen die Fenster und Tore nicht. sie drehen sich nicht um. sie schauen nicht auf das Blühende, das hinter ihnen ist. sie wollen nichts mehr bewundern, was vergehen wird. sie haben sich selbst die Erinnerung untersagt. sie verbieten sich jegliches Trauern. sie dürfen sich nichts erzählen. sie murmeln die Verheißungen des Ewigen. sie lassen sie von ihren Zungen rollen wie Murmeln aus Traubenzucker. sie sind das Verhallende hinter unserem Lauschen, das Echo, das sich auflöst, irgendwo, auf dem endlosen Wasser, das uns umgibt.

XXXVII

[Zwölfte Meditation]

kennst du mich noch? weißt du noch vom Schmerz, der uns verband? wie sollte sich denn das Leben vergessen lassen, wenn wir einmal mehr waren, als nur wir selbst? wir spürten uns selbst doch erst, als ein Anderer uns fühlen konnte. und wir den Anderen. unsere Körper blieben die eigenen, aber unsere Seelen vermehrten sich und wuchsen über unsere Rinde hinaus. erst im Anderen konnten wir die Entfernung zu uns selbst überwinden. erst der Andere erinnerte uns daran, was uns mit diesem Leben gegeben wurde. weißt du noch von den sich kreuzenden Wegen, von den sich spiegelnden Blicken und Bildern? und weil wir selbst nur Einer sind, sollte es immer nur Einer sein, der uns entgegenkäme, der vor uns stünde und tief in unsere Augen schaute. damit sich die Einsamkeit halbieren ließe.

XXXVIII

[Dreizehnte Meditation]

wir lassen sie nun. wir überlassen sie nun sich selbst und einander. sie sollen jetzt bleiben ein schwebender, nicht verhallender Klang einer letzten geteilten Erinnerung. alles andere dürfen sie fallen lassen. wie letzte Tränen. dass sie befreit atmen können. diesen kurzen Abend. an dem sie endlich alles Übrige vergessen dürfen. sie gehen jetzt aufeinander zu. es lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen, wer sich zuerst umdrehte, damit ihre Schritte sich treffen dürfen, damit sie nun endlich vergehen können. in dem Einen. in dem sich jedes Vergehen lohnt. als ein Aufgehen ineinander. sie erinnern sich jetzt wieder ihrer Umarmungen und sammeln nun alle Berührungen in einer Berührung. es genügt ihnen schon, wenn eine Hand die andere hält. solange ab jetzt ihre Augen nicht mehr voneinander lassen. sie sind nun dort, wo wir sie ankommen ließen. damit sie nichts weiter sagen als ihre Namen. noch einmal. ein letztes Mal. ihr Schauen bedingt ein Schweigen, von dem wir keinen Begriff mehr haben. sie wissen nun, dass sie nicht mehr blind durch die Wüsten irren müssen. sie kennen jetzt ihre gemeinsame Wohnung und meinen fast, sie hätten sie nie verlassen, sondern seien nun an einem anderen Ort zur selben Zeit wie eh. weil sie Verwandelte sind. denn der Andere wurde gesucht, um sich selbst zu finden.

XXXIX

wo bist du dann
wenn die Rückkehr nicht mehr gelingt

wolltest du nichts beginnen
aus Angst vor dem Ende?

jede Entfernung schien dir sicherer
um dem Schmerz der Begegnung auszuweichen

[…]

meine Hand
streckte ich durch das Licht
des Morgens

ich versuchte
solange den Atem anzuhalten
bis mich dein Finger berührte

du solltest
mir nicht verlorengehen
weder in der Fülle des Fremden
noch in der Entbehrung des Eigenen

weil ich glaubte
du würdest mir folgen
ging ich hinaus

allem Abschied voran

dabei hatte es den Anschein
als folgte ich dir

ich lernte schnell
in meiner Hoffnung zu überwintern

reglos lag ich
wie ein Findling
auf unbestelltem Felde

nein
du solltest mir nicht gehen
um mir nicht zu vergehen
unter der zeitlichen Neige

ein Augenblick genügte
zahllos zu sein
in meinem Erinnern

um zu wissen
dass der Tod längst begonnen hat

XL

ich will mich freuen
ich durfte den Garten wässern
die Ewigkeit wird ohne Durst sein

ich will mich freuen
wenn ich das Ufer erreicht habe
das schon so lange auf mich wartete

andere werden sich mit mir freuen
und meine Stimme
wird nicht mehr einsam sein

Ein Kommentar zu „allem Abschied voran

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