für Miriam Halfmann & Allan Acosta Greño

Nacht ist
Nacht ist. wenn nicht gewandert wird. wenn nicht gelebt wird. wenn der Geliebte fort ist. wenn die Seele dunkler schimmert. wenn du die Augen nicht finden kannst. die anders sehen sollen. etwas Anderes als das Verschwinden hinter der abgelaufenen Zeit.
Nacht ist. wenn nicht gewartet wird. weil nichts erwartet wird. weil nichts wartet. wenn das lichtbrechende Glas zum toten Auge grauen Gemäuers erstarrt. wenn die Hoffnungen unterbochen sind. wenn wir uns verbergen. obwohl wir nichts zu verbergen haben. wenn wir uns aufdecken müssen. obwohl uns friert ohne die Bergung in den Geheimnissen.
Nacht ist. wenn du nach nichts tasten kannst, was doch um dich herum sein müsste. wenn du an nichts rühren kannst. wenn dich nichts rührt. die Füße finden keinen sicheren Boden und die Hände kein Geländer. du stehst auf dem Spalt zwischen zwei Buchseiten. die eine ist voll. die andere leer. und es kommt eine Angst hoch in dir, dass Gott jeden Moment das Buch zusammenklappt, mit dem er dein Leben schrieb. weil auch ihn die Mattheit überwältigt. beim Anblick der müden Schöpfung.

Stimmen
Stimmen. die sich entfernen. Wort. das den Sprechenden sucht. letzte Geburt. vor Anbruch des Tages. ein unruhiger Gott. im Haus seiner tausendheiligen Stille. rufe. wenn du noch bleiben willst. im Tiefen. die hohe Zeit. die drängende Bleibe. zu beschließen das Leben. liebend.
unerschöpflich. das Vergehende. Schmerz des Lassens. wer etwas hervorgebracht. wer zurückbleiben muss. einsam. erschöpft. Atem. der Seele Freude und Klage. Klang ihres wehenden Wehs. zwischen Bewohntem und Unbewohntem. ein Riss. wie ein Steg. über die Moore. die Meere.
ihre Hände. gelöst vom müden Gesicht. ihre Augen. in der gefüllten Schale. Schlag ihres Herzens. nach dem ersten Schrei. und wenn sie es trug. zum Ufer. zum Abgrund.

wie du warst
wie du warst. den letzten Herbst. Laub, das ins Dunkel fiel. stilles Herz. Straße. durch den leeren Tunnel. zwischen den Nachtgewächsen. Stunden des Schweigens. ein erster Sturm. am Anfang der Zeit. sprachen doch zueinander. in unseren Träumen. sangen uns zu. die weißen Segel. ferne Rufe. nacktes Gestein. in die Beete gepflanzt. starr in der Hoffnung. die Schatten nicht mehr verschwunden. lautloses Band. zwischen Abend und Abend.

mühselig. das Beenden
mühselig. das Beenden. wenn man gewohnt ist, unterwegs zu sein. und kaum noch reagiert auf Neues. ein paar Worte noch. oder die eines anderen. ein letzter Mond in der einsamen Gasse. und sein hilfloses Schimmern wie der Ausguss verdünnter Milch. die Sichel eines Auges. eines Mundes. wenn man zur kalkweißen Decke schaut und unter dem Starren das Ziehen einer morastigen Erde der Sehnsucht spürt. aber die Zeit der Geschenke ist lange vorüber. und auf dem Nachtschränckchen stehen keine Tulpen mehr. die Schwere der Glieder hat zugleich etwas Unangestrengtes in seinem Dahinfließen, seinem Getriebensein von den Ufern fort. das Verbliebene schmeckt wie eine gestreckte Medizin. man weiß nicht, wie lange sie noch vorhalten muss. wie schmerzhafte Krämpfe sind die letzten Hoffnungen. und die furchtbare Scham, dass das Sterben auch nicht besser gelang als das Leben. oder weil es diese seltenden Tage gibt, an denen die Luft frischer scheint und das Licht sich matter zeigt und sanfter. oder wenn das Wasser plötzlich duftet nach Bergquell und gemähtem Gras. und man gießt es in den eigenen Körper wie einen Spätsommerregen auf durstigen, dürren Acker.

zwischenzeitlich
[zwischenzeitlich | πάτρα]
einer kehrte zurück. und konnte nicht bleiben. sprang in den Spalt eines Augenblicks. zwischen Kindheit und Wanderschaft. auf den Äckern gruben sie die Jahre um. die Zeit wuchs immer wieder neu. je mehr sie von der eigenen gegessen hatten. Rinnsale. versickernd im Sand der Dünen. Worte. verhallend ohne AntWort. Scham des Klangs. der schönen Tropfen. am Gras der Geduld.
[Zwischenfrage | Noemata]
jetzt wieder weg. Weg der Ankunft. Einfall. Licht. das durch bröckelnde Fugen stößt. stopfte alle Gedanken hinein. die Träume. aufs Brot gelegt. sprach nichts. die Luft. ein Drahtgeflecht. an dem sich das Atmen blutig kratzt. gegen den Ausschlag. auf der Haut der Begriffe.
[Zwischenbescheid | Πένθος]
in welchen Engen. unter den Engeln. die haben überall Platz. warten, dass du weitermachst. und aufsteigst. noch einmal zu den höheren Ebenen. weit fort von den verlorenen Ufern. wo nicht mehr zu sehen sind die Mauerreste unter dem Gras. Erinnerung. müdes Gewölk. das sich nicht mehr entladen wird. die Schritte der Entkommenen. durch den Schlaf der Erde. wunschlose Öde. heiliges gläsernes klangloses endloses Feld der Lilien. das Maßvolle des Vergänglichen. um die Ewigkeit nicht zu verschwenden. der magere Traum. der Tau des Gedächtnisses. die taube Zunge des Pilgers. des blinden Gärtners verklebte Augen. weil er nicht sprechen darf über das lange Gehegte.

die Warte
die Warte ist da, wo die Worte noch nicht angekommen sind. wo die Stimme sucht nach dem Zu-Sagenden. dem noch nicht Zugesagten. die Warte ist da, wo sich das Licht noch nicht erschöpfen soll. und nicht das Erinnern.
über den Fluss stieg der Abend schon. hinter dem Ufer blieb hängen die Sorge. die Fenster rutschten in die Tiefe. die Wände wuchsen den Wolken zu. verwilderte Gärten säumen die letzten, noch nicht verlassenen Häuser. verwitterte Gräber rings um das Starren der Greise. hinter den grauen Gardinen. nein. sie kamen nicht mehr an in ihren Hoffnungen.
die Worte sind da, wo die Zeit fehlt, eine Stimme für sie zu suchen. das Zählbare. wenn es abgelaufen ist. Raum der Leere. unbeschreiblicher. obwohl die Worte daliegen wie schweigende Landschaften. obwohl in ihnen die Namen wohnen, die einsam zurückblieben. ortlos ihr Atmen an letzter Stätte. wie jede Statt. fern ihrer Heimat.
aber kennt man die Hoffnung erst, wenn einer davon erzählt hat? ach! die Erinnerung. wenn einer sagt: vergiss das mal. die erste Stufe zur Kindheit zurück. Liebe. auf den zweiten Blick. und weil man verstanden hat, dass das Meer vor einem nicht verschwindet, nur weil man sich abwandte von ihm.

noch ein kleiner Schlaf
noch ein kleiner Schlaf. vor den Scheidewegen. noch ein vergessener Traum. um die Wunden gewickelt. denn wo die Entwurzelten an den Ufern stehen, tropft die stumme Not der Hoffnung von den Weidenzweigen.
legt eure Kindheit zu den Steinen am Abhang. geht euch nicht von der Seite. dass Schatten an Schatten lehne. vor der Stunde des einsamen Flügelschlags.

wir könnten lieben
wir könnten lieben. die Zeit. wir könnten sie uns schenken. wir könnten sie uns einschenken. wie feinsten, grasduftenden Tee. wie etwas, das uns bleibt, weil es mit uns verging. wir könnten es lieben. mehr als alles andere. wir könnten uns lieben. und wären einander die Einzigen. wir schenkten uns einen Augenblick, der auf uns gewartet hatte. mehr als ein einsames Leben lang. wir führen nicht fort, bevor wir nicht einmal ausgestiegen wären, um für eine Stunde zusammen am Ufer gesessen zu haben. und nichts zu sagen. und alles zu denken. wir könnten lieben. was wir sehen. wir könnten teilen. den einsamen Wunsch. hier schon früher einmal gesessen haben zu wollen. hier noch länger sitzen zu dürfen, als es die Zeit erlaubt. und wenn wir auch zeitig fort müssten, könnten wir lieben. den Ort. den wir nicht mehr verlassen. weil es der Ort war, an dem wir uns nicht mehr verließen.